Junge Katalanen für die Unabhängigkeit "Es kann kaum schlechter werden"

Perspektivlosigkeit, Frust und Idealismus treiben junge Katalanen dazu, sich für das Unabhängigkeitsreferendum zu engagieren. Sie wollen aber keine Abschottung.

Claus Hecking

Aus Barcelona berichtet


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Es riecht nach Dope vor dem altehrwürdigen Justizpalast von Barcelona, Popmusik dröhnt aus den mobilen Lautsprecherboxen, über die Kataloniens Separatisten das Gebäude und sich selbst beschallen. Ihre Protestkundgebung verwandelt sich gerade in ein Happening.

Tausende Menschen haben sich an diesem Spätsommerabend auf dem Platz nahe des Triumphbogens versammelt. Viele haben sich die Estelada umgehängt: die rot-gelbe katalanische Unabhängigkeitsflagge mit dem weißen Stern auf blauem Grund. Die meisten hier sind noch keine 35 Jahre alt. Sie schwätzen und singen, tanzen und flirten. Lassen Litronas kreisen, 1-Liter-Flaschen Bier. Da und dort auch mal einen Joint. Polizisten stehen um die Menge herum, sie sehen entspannt aus.

Streng genommen müssen sie hier eine Belagerung im Zaum halten. Die separatistische Bürgerinitiative ANC - die seit Jahren Großdemonstrationen für Kataloniens Unabhängigkeit organisiert - hat ihre Anhänger aufgerufen, vor dem Justizpalast Wache zu halten. So lange, bis die 14 Mitglieder der Regionalregierung von Katalonien freikommen, die verhaftet wurden: Sie werden verdächtigt, das illegale Abspaltungs-Referendum am 1. Oktober vorbereitet zu haben. (Lesen Sie hier mehr über das Unabhängigkeitsreferendum.)

Doch hier auf dem palmengeschmückten Platz zeigen sich keine Aufrührer, keine Pflastersteinwerfer, keine Vermummten, sondern vor allem junge Leute, die sich versammeln und feiern. Fiesta People.

Traum von der besseren Gesellschaft

Egal, wie das Referendum am 1. Oktober ausgeht: Der katalanische Separatismus hat Zukunft. Keine Nationalistenbewegung in Europa zieht so viele junge Menschen an. Es ist ein Mix aus Frust und Idealismus, aus Enttäuschung über die herrschenden Verhältnisse und dem vagen Traum von einer neuen, besseren Gesellschaft, der Jugendliche und junge Erwachsene in Massen zu Independentistas macht, wie sich die Abspaltungs-Befürworter selbst nennen. Hunderttausende bringt die Bewegung seit fünf Jahren zum katalanischen Nationalfeiertag am 11. September auf die Straßen. Es waren bislang stets bunte, friedliche Kundgebungen, oft mit ausgefeilten Choreografien.

Julia Vernet scrollt durch ihr Smartphone. Dutzende Nachrichten hat die 21-jährige Philosophie-Studentin in der letzten Stunde erhalten, sie wird nur die wichtigsten beantworten können. Vernet, Wuschelkopf, braune Augen, hat diese Kundgebung mitorganisiert. Sie leitet die Jugendorganisation der Bürgerinitiative. Und sie hat Stress, so kurz vor dem 1. Oktober.

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Unabhängigkeitsreferendum in Katalonien: "Es kann kaum schlechter werden in Spanien"

Jetzt, da die Zentralregierung in Madrid unter dem konservativen Premier Mariano Rajoy und die Gerichte mit Polizeieinsätzen und Beschlagnahmungen versuchen, das verfassungswidrige Referendum zu verhindern, kommt es für Julia Vernet darauf an, so viele junge Katalanen wie möglich zu mobilisieren für ihre Sache. Die gute Sache, wie sie meint.

"Ich bin überzeugte Katalanin", sagt Vernet. Dabei ist die Independentista Gastarbeiter-Enkelkind. Ihre Großeltern wanderten vor Jahrzehnten ein ins wohlhabende Katalonien, sie kamen aus Aragon weiter westlich und Andalusien im Süden. Der Opa spricht nicht mal Katalanisch. Und doch arbeitet Julia Vernet daran, dass auch er für die Trennung von Spanien stimmt.

Es kommt nicht auf die Herkunft an

Schließlich ist der katalanische Nationalismus kein rechtsgerichteter Blut- und Boden-Nationalismus wie in so vielen anderen Staaten Europas. Es komme nicht auf Herkunft, Hautfarbe oder Religion an, sagt Julia Vernet: "Katalane ist, wer sich katalanisch fühlt, in Katalonien lebt und die katalanische Sprache respektiert." Dass es Hunderttausende solcher Menschen in ihrer Region gibt, die aber bei Spanien bleiben möchten, sagt die junge Frau nicht.

Sie war 16, als sie beschloss, Aktivistin zu werden. 2012, auf dem Höhepunkt der Euro-Schuldenkrise. Spanien musste damals die EU zur Hilfe rufen, um Banken zu retten, dem Staat drohte der Bankrott, die Wirtschaft taumelte. Und Spaniens Jugend verlor den Anschluss. Zeitweise waren fast 40 Prozent der unter 35-Jährigen arbeitslos, bei den unter 25-Jährigen waren es sogar 54 Prozent. Hunderttausende Uni-Absolventen kamen auf den Arbeitsmarkt, ohne jegliche Perspektive. "Generación Zero" nannte man sie: Generation Null.

In dieser Zeit entstand das "Movimento 15-M", die Bewegung des 15. Mai 2011. An jenem Tag gingen erstmals überall in Spanien die Enttäuschten auf die Straße, gegen ihre Chancenlosigkeit und immer neue Korruptionsskandale der Volksparteien. Sie besetzten zentrale Plätze und riefen den "Spanischen Frühling" aus. Die linke Partei Podemos ist ein Resultat dieser Proteste. In Katalonien war der Unmut über Madrid besonders groß: 2010 hatte das spanische Verfassungsgericht ein neues Autonomieabkommen in Teilen gekippt, das der Region mehr Eigenständigkeit eingeräumt hätte.

"Es kann kaum schlechter werden"

"Ich will in einem Land leben, das meine Sprache, meine Kultur, meine Lebensweise respektiert und beschützt", sagt Julia Vernet. "Es kann kaum schlechter werden als in diesem spanischen Staat." Die Regierung in Madrid sei ideenlos, sie biete jungen Menschen keine Perspektive und den Katalanen keine echte Autonomie: "Sie sagen immer nur: Nein, Ihr dürft nicht. Nein, Ihr könnt nicht. Nein, Nein, Nein."

Mariano Rajoy ist für die jungen Separatisten die Verkörperung all dessen, was sie ablehnen: den Status Quo, die Korruption, die Repression. In ihren Augen ist der Premierminister ein Nachkömmling der Franco-Diktatur, die Katalonien besonders unterdrückte. Für sie ist er ein grauer Mann in schlechtsitzenden Anzügen, der so monoton Reden hält, als lese er gerade das Telefonbuch vor. Seine vehemente Ablehnung des Referendums und das massive Vorgehen gegen die Separatisten steigern seine Beliebtheit nicht - da hilft es auch nicht, dass die 14 Festgenommenen in der Woche vor dem geplanten Wahltermin wieder freikommen.

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Julia wird Ja sagen beim Abspaltungs-Referendum, wie immer es am Sonntag ablaufen mag. "Wenn sie uns die Stimmzettel wegnehmen, dann drucken wir selbst welche. Wenn die Polizei vor den Abstimmungslokalen steht, dann überreichen wir ihnen Blumen."

Aber sie und die Anderen haben einen Traum: im unabhängigen Katalonien eine neue, bessere Gesellschaft aufzubauen. "Katalonien soll ein Land werden, in dem die Menschen Vorrang haben vor der Wirtschaft", sagt Julia Vernet. Eine Bastion der Solidarität: mit bedingungslosem Grundeinkommen für alle, Energie aus Sonne, Wind und Wasser, Asyl für Kriegsflüchtlinge ohne wenn und aber, direkter Demokratie und so weiter.

Es klingt teilweise naiv, weltfremd, unausgegoren, utopisch, was sie erzählt. Und vieles lässt sich hinterfragen. Was etwa geschieht mit denjenigen Katalanen, die gar nicht raus wollen aus Spanien? Wie realistisch ist ein radikaler Systemwechsel in einer Region, deren führende Partei zwischen Union und FDP zu verorten ist? Löst noch mehr Kleinstaatlerei in Europa die großen Probleme der Welt? Und hätte das ach so solidarische Katalonien, Spaniens großer Nettozahler, als unabhängiger Staat noch Geld für die Menschen in Andalusien oder andere ärmere Regionen übrig?

Doch so wie Julia Vernet träumen viele. Sie wollen keine Nullen sein. Und es ist hier so einfach, Teil von etwas vermeintlich ganz Großem zu sein. Separatistenfahnen gibt es im Fünf-Euro-Shop um die Ecke. Jeder ist willkommen, dabei sein alles, Party garantiert.

Und wenn das Referendum ein Fehlschlag wird? "Unsere Bewegung wird sicher nicht verschwinden", sagt Vernet. Dann rebellieren und feiern sie erst recht weiter, die Revolutionäre in spe.


Zusammengefasst: Am Sonntag soll in Katalonien über die Unabhängigkeit von Spanien abgestimmt werden. Unter den Separatisten sind viele junge Menschen. Sie sind oft frustriert und enttäuscht vom spanischen Staat und der Regierung Mariano Rajoys. In der Abspaltung sehen sie die Chance für den Aufbau einer besseren Gesellschaft.

insgesamt 58 Beiträge
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Seite 1
grommeck 28.09.2017
1. Das paßt sehr gut zur Wahl und Koalition von CDU und FDP in
Deutschland. Nur in Spanien ist es etwas Gutes.....
Fakler 29.09.2017
2. Dem Ziel nahe ???
Tatsächlich sind die Separatisten ihrem Ziel wohl so nah, wie nie zuvor : das sehe ich anderst. Es gibt eigentlich nichts neues. Mal abgesehen von dem Willen zu einem Referendum. Aber das ist nur das eine, das andere ein klares Votum fuer die Unabhaengigkeit. Und die gibt es nicht. Es gibt dafuer keine klare Mehrheit. Warum dann ein Referendum ?
adal_ 29.09.2017
3. Mythos vom spanischen Wirtschaftsmotor Katalonien
Was die ökonomisch argumentierenden Separatistas verschweigen: Katalonien ist zwar immer noch knapp die ökonomisch stärkste Region, aber längst nicht mehr die dynamischste in Spanien. Andere Städte wachsen bedeutend schneller als Barcelona, Katalonien ist die am höchsten verschuldete Region und die Region mit dem zweitgrößten Außenhandelsdefizit. Wird der Separatismus also nicht im Grunde von der Ahnung getrieben, dass sich das stolze Katalonien vom spanischen Musterknaben in eine ganz gewöhnliche Provinz verwandelt? http://www.achgut.com/artikel/der_katalanische_wirtschaftsmythos_verteidigt_spanien_teil_2
Fakler 29.09.2017
4. Experiment
Fuer die andere Haelfte der Bewohner Kataloniens bedeutet Unabhaengigkeit ein Experiment dem sie sich lieber nicht aussetzen. Die katalanischen Nationalisten leben in einer Wolke, ihrer Wolke. Draussen, beispielsweise Frankreich gibt es dafuer keine Unterstuetzung. Agrarprodukte, Autoindustrie etc sind eine Konkurrenz zu franzoesischen Betrieben. Was da produziert wird wird genauso in Frankreich produziert oder in Restspanien.
Moving Forward 29.09.2017
5. Jung, begeistert, ignorant und irregeführt.....
wäre auch eine schöne Überschrift gewesen über eine katalanische Jugend, die seit der in Kraft getretenen Verfassung 1978 in einem freien und demokratischen Land aufwächst. Der katalanische Nationalismus wird auch kein Dach für schlechte Berufsperspektiven bieten und wenn nach der großen Fahnenparty am kommenden Sonntag die ernüchternde Realität einkehrt, dann könnten die Diskussionen über eine Verfassungsreform, größere finanzielle Spielräume oder ein besseres Ausbildungswesen tatsächlich Fortschritte bringen. Obgleich illegal und trotz der blauäugigen Unterstützung der obsessiven Kaste der Ultranationalisten hätte der katalanische Karnaval dann wenigstens einen Sinn gehabt und einen wichtigen Impuls für Fortschritte hin zu klaren föderalistischen Strukturen gebracht.
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