Katar unter Druck Der Fall des jungen Emirs

Als er die Fußball-WM nach Katar holte, war Tamim Bin Hamad Al-Thani auf dem Höhepunkt seiner Macht. Doch jetzt steht der junge Emir unter Druck, weil er Islamisten unterstützt. Kann er seinen Clan und sein reiches Land retten?

Katars Emir Tamim Bin Hamad Al-Thani
REUTERS

Katars Emir Tamim Bin Hamad Al-Thani

Von


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


In der Stunde von Tamim Bin Hamad Al-Thanis größtem Coup waren sie sich noch einig am Golf. Die Fifa hatte gerade die Fußballweltmeisterschaft 2022 an Katar vergeben, da sandten mehrere Monarchen der arabischen Halbinsel ihre Glückwünsche an den jungen Kronprinzen und Chef des katarischen Sports.

Tamim, der an diesem 2. Dezember 2010 erst 30 Jahre alt war, hatte das Wunder geschafft. Der begeisterte Hobbysportler hatte das neben Olympia größte Sportereignis der Welt in seinen Wüstenstaat geholt: ein Land ohne jegliche Fußballtradition und mit mehr als 45 Grad Hitze im Sommer. Plötzlich richtete die Welt ihre Blicke auf Katar, das einst so unbedeutende Wüstenland am Rand der arabischen Halbinsel mit wenig mehr als 300.000 einheimischen Bürgern.

Sechseinhalb Jahre nach seinem Triumph ist Tamim Bin Hamad Al-Thani Emir von Katar. Und nun muss er retten, was noch zu retten ist. Auf dem Spiel stehen:

  • die Fußball-WM,
  • der immense Wohlstand, den das pro Kopf reichste Land der Erde dank seiner Erdgasvorkommen angehäuft hat,
  • die Macht Tamims und seines Clans.

Denn wenn der großgewachsene 37-Jährige den eskalierenden Konflikt mit Saudi-Arabien, Ägypten und anderen arabischen Staaten nicht entschärft, wenn es ihm nicht gelingt, die Teilblockade seines von Importen abhängigen Landes bald zu beenden oder wenigstens zu lockern, dann gerät die Stellung des Herrscherhauses Thani in Gefahr. Saudische und ägyptische Medien behaupten, der Regimewechsel in Doha sei das Ziel der Isolation Katars durch die Nachbarstaaten.

Sogar zu Israel hatte Katar offiziell Kontakte

Wieder und wieder haben Tamim und sein Vorgänger und Vater Hamad Bin Khalifa die Mächtigen in Riad, Kairo, Abu Dhabi und Manama in den vergangenen Jahren verärgert. Der Zwist begann kurz nach Tamims WM-Coup: Im sogenannten Arabischen Frühling 2011, als das vom katarischen Herrscherhaus finanzierte TV-Netzwerk Al Jazeera die Revolten in mehreren Ländern ausführlich übertrug. Der Sender, der sich gerne als Sprachrohr der Unterdrückten darstellte, wurde zur Bedrohung für die etablierten Regimes. Aber nicht nur sie warfen Al Jazeera Parteilichkeit vor, wenn der TV-Sender aus der Hauptstadt Doha wieder und wieder Vertreter radikaler Islamisten- und Terrorgruppen ausführlich zu Wort kommen ließ. Zumal dies zur Außenpolitik passt.

Katars Herrscherhaus unterstützt seit Jahren oppositionelle Islamisten im arabischen Raum: von den ägyptischen Muslimbrüdern über die radikale Palästinenserorganisation Hamas bis hin zu den Salafisten der Nusra-Front in Syrien. Hamad Bin Khalifa Al-Thani hat damit angefangen. Sein viertgeborener Sohn Tamim, an den Hamad 2013 den Thron übergab, führte das zumindest teilweise fort. "Katar hat versucht, seinen regionalpolitischen Einfluss auszuweiten", sagt Sebastian Sons, Golfstaaten-Experte der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP). "Aber dabei haben sie auf die falschen Pferde gesetzt."

Für einen Kleinstaat betreibt Katar eine geradezu hyperaktive Außenpolitik. Immer wieder haben die Herrscher in Doha versucht, sich als Vermittler bei Konflikten zu profilieren. Zeitweise pflegten sie sogar mit Israel offizielle Kontakte - ein Tabu auf der arabischen Halbinsel.

Ein Warnschuss von den Nachbarn

Parallel machten sich die Herrscherfamilie und der von ihr kontrollierte Staatsfonds QIA Namen als Großinvestoren in der Wirtschaftswelt: ob bei Volkswagen/Porsche, der Schweizer Großbank Credit Suisse oder beim Londoner Nobelkaufhaus Harrods. Dahinter steckte nicht nur wirtschaftliches Kalkül, sondern auch der Geltungsdrang der Herrscher eines Landes, das bis zur Erschließung der Erdgasvorkommen Mitte der Neunzigerjahre kaum jemand kannte. "Katar hat immer sehr viel Wert auf Nation Brandings gelegt: auf etwas, woran sich die Leute erinnern", sagt Anna Sunik, Expertin für Golfmonarchien am Hamburger Giga-Institut für Nahost-Studien. Tamim persönlich soll maßgeblich am Einstieg der QIA bei Porsche beteiligt gewesen sein. Seit seiner Thronübernahme Mitte 2013 zieht er beim Staatsfonds die Fäden im Hintergrund.

Der neue Emir war kaum im Amt, als der Warnschuss der Nachbarn kam: Im März 2014 zogen Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und Bahrain ihre Botschafter aus der Doha ab: vor allem aus Protest gegen die Unterstützung der Muslimbrüder und anderer Rebellengruppen. Es war der bis dato größte Konflikt in der Geschichte des Golfkooperationsrats (GCC), dem alle vier Staaten angehören.

Nach acht Monaten machte Tamim den Nachbarregimen Zugeständnisse: Unter anderem ließ er einige von Saudi-Arabien gesuchte Muslimbrüder ausweisen, denen Katar Unterschlupf gewährt hatte. Wenig später schaltete Al Jazeera einen ägyptischen Tochtersender ab, der dem Regime in Kairo ein Dorn im Auge gewesen war. Doch die Verbindung zu den Muslimbrüdern und anderen Oppositionellen habe Tamim bis heute nicht gekappt, sagt Nahost-Forscherin Sunik, "Katar hat größtenteils nur kosmetische Änderungen durchgeführt".

Fotostrecke

18  Bilder
Katar: Zwergstaat, ganz groß

Noch mehr verärgert Saudi-Arabien das gute Verhältnis Tamims zu Iran, dem Erzfeind des wahhabitischen Königshauses in Riad. Mit Iran teilt sich Katar seinen Schatz: das größte zusammenhängende Gasfeld der Welt. Einen Konflikt mit Teheran kann sich der Emir nicht leisten. Aber zu viel Nähe auch nicht. "Es ist keine Option für Katar, sich an Iran zu binden und sich gegen die anderen Golfstaaten zu stellen", sagt Giga-Forscherin Sunik.

Bis vor wenigen Tagen schien der auf einer englischen Militärakademie ausgebildete Tamim die richtige Balance gefunden zu haben. Am 21. Mai saß er bei Donald Trump, schüttelte dem neuen US-Präsidenten die Hand, und der sagte: "Wir sind Freunde. Unsere Beziehung ist extrem gut."

Zwei Tage danach änderte sich alles: auf der Website der katarischen Nachrichtenagentur tauchte ein Bericht auf, in dem es unter anderem hieß, Tamim habe Iran als "islamische Macht" gerühmt. Aller Wahrscheinlichkeit nach ist der Text gefälscht, haben Hacker ihn auf die Seite gestellt. Katar hat den Bericht widerrufen, trotzdem wuchsen die Spannungen mit den Nachbarn rapide. Und Katars "Freund" Trump twittert plötzlich aus allen Rohren gegen Katar.

Der Druck auf Tamim wächst von Stunde zu Stunde. "Er muss einerseits öffentlich auf Saudi-Arabien zugehen, darf aber andererseits nicht die Beziehungen zu Iran gefährden", sagt DGAP-Forscher Sons. "Zugleich muss er den Nachbarn Zugeständnisse machen, darf dabei aber das Gesicht nicht verlieren."

Seine für Dienstag geplante große Rede zum Volk hat Tamim erst mal verschoben. Aber viel länger schweigen kann er auch nicht. Die Katarer wollen endlich wissen, wie ihr Emir sie aus diesem Schlamassel holen will.


Zusammenfassung: Vor Kurzem äußerte sich US-Präsident Trump noch sehr freundlich über Tamim Bin Hamad Al-Thani. Doch jetzt hat sich das Blatt gewendet: Der junge Emir von Katar wird massiv von Saudi-Arabien und anderen Nachbarstaaten attackiert, weil das kleine, reiche Land Islamisten unterstützt. Um seinem Clan die Macht zu erhalten, muss er Zugeständnisse in seiner Politik machen. Ob das reicht, wird sich zeigen.

insgesamt 20 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
jh2015 08.06.2017
1. Noch viele Fragen
So klar wie hier - und in anderen Medien - beschrieben , erscheint die Rollenverteilung sicherlich nicht zu sein. Fakt ist doch , das der IS getragen und gesteuert wird von Sunniten , in der Spitze aus den alten Geheimdienstzirkeln des IRAQ. Der IRAN ist DIE schiitische Regionalmacht und damit der besondere Feind des IS in der Region ( Assad gehoert zu den Alewiten ). das Katar sowohl mit dem IRAN wie auch mit dem IS in Verbindung stehen soll erscheint vor diesem Hintergrund sehr urwahrscheinlich zu sein. Bemerkenswerterweise wird im Artikel auch der IS nicht erwaehnt. Es kann somit nicht ausgeschlossen werden , dass es hier nicht um die Frage " Wer unterstuetzt welche Terroristen?" sondern viel mehr um die Frage " Wer ist auf der Seite des IRAN " geht.
mathmag 08.06.2017
2. Und Saudi-Arabien?
War nicht vorher Saudi-Arabien immer an erster Stelle, wenn in Artikeln Staaten, die den Terror unterstützen, genannt wurden? Nachdem Gabriel dort Waffen hin verkauft und Trump einen vermeintlichen Superdeal dort gemacht hat, wird zum Dank nun ein Rivale der Saudis an den Pranger gestellt, oder wie darf ich mir das vorstellen? Ich vermisse die kritischen Hintergrundartikel.
zompel 08.06.2017
3. auch das
Zitat von jh2015So klar wie hier - und in anderen Medien - beschrieben , erscheint die Rollenverteilung sicherlich nicht zu sein. Fakt ist doch , das der IS getragen und gesteuert wird von Sunniten , in der Spitze aus den alten Geheimdienstzirkeln des IRAQ. Der IRAN ist DIE schiitische Regionalmacht und damit der besondere Feind des IS in der Region ( Assad gehoert zu den Alewiten ). das Katar sowohl mit dem IRAN wie auch mit dem IS in Verbindung stehen soll erscheint vor diesem Hintergrund sehr urwahrscheinlich zu sein. Bemerkenswerterweise wird im Artikel auch der IS nicht erwaehnt. Es kann somit nicht ausgeschlossen werden , dass es hier nicht um die Frage " Wer unterstuetzt welche Terroristen?" sondern viel mehr um die Frage " Wer ist auf der Seite des IRAN " geht.
http://www.focus.de/sport/fussball/eklat-in-wm-qualifikation-saudi-arabische-spieler-boykottieren-schweigeminute-fuer-london-opfer_id_7228265.html zeigt schon das ein Terrorist auf den anderen zeigt
thomas_gr 08.06.2017
4.
So eine Heuchelei und einfach unglaublich wie die deutschen Medien sich jedesmal per Knopfdruck auf das neue USA/Israel Ziel stürzen. Ah, jetzt soll Katar und der Iran fertiggemacht werden, auf auf ihr Schreiberlinge. Einfach unfassbar. Hat Saudi-Arabien nicht von Anfang an den Terror durch die ISIS finanziert, gedeckt durch die USA und Israel. Alles überprüfbare Fakten. In einer intakten Welt müsste man jeden Tag nur hierüber berichten, in einer kranken Welt stürzt man sich auf das nächste Störfeuer, um die Affen am Bildschirm zu unterhalten.
fleischwurstfachvorleger 08.06.2017
5. Dachte
Saudi-Arabien würde Terroristen unterstützen. Wenn ich mich recht erinnere, stammten die meisten der Attentäter von 9/11 aus Saudi-Arabien
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.