Katar-Blockade "Man kann unsere Souveränität nicht angreifen"

Seit Juni blockieren mehrere arabische Staaten Katar. Im Interview erklärt Scheich Saoud al Thani, ein Mitglied der katarischen Herrscherfamilie und Botschafter in Berlin, warum sein Land die Forderungen ablehnt.
Katars Hauptstadt Doha

Katars Hauptstadt Doha

Foto: Gregor Fischer/ dpa

Mit ihrer Blockade wollen Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Bahrain und Ägypten das Emirat Katar zur Unterwerfung zwingen. Sie haben 13 kaum erfüllbare Forderungen gestellt, darunter die Schließung des TV-Senders Al Jazeera, das Verbot eines türkischen Militärstützpunktes und die Aufkündigung der Beziehungen zum Iran. Bundesaußenminister Sigmar Gabriel warnte zwischenzeitlich vor einem neuen Golfkrieg, US-Präsident Donald Trump unterstützte die Blockade anfangs, will nun aber vermitteln.

SPIEGEL ONLINE: Herr Botschafter, seit vier Monaten wird Ihr Emirat von Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Bahrain und Ägypten blockiert. Wie geht es Katar?

Al Thani: Die Blockade führt zu Menschenrechtsverletzungen. Sie betrifft zum Beispiel katarische Familien, die in vielen Golfstaaten leben, doch aus denselben Stämmen kommen - Eltern, Schwestern, Brüder, Ehepaare werden auseinandergehalten. Katarische Studenten in der Region werden aus ihren Universitäten geworfen. Katarische Arbeiter wurden aus diesen Staaten ausgewiesen, selbst Patienten mussten Krankenhäuser verlassen. Gleichzeitig leben weiter mehr als 300.000 Ägypter in Katar und dürfen das auch weiter.

SPIEGEL ONLINE: Wirtschaftlich scheint Katar das aber ganz gut zu überstehen. Ist die Blockade gescheitert?

Foto: STR/ AFP

Scheich Saoud bin Abdulrahman al Thani, 47, ist Mitglied der katarischen Herrscherfamilie unter dem Emir Tamim bin Hamad al Thani. Er war unter anderem Generalsekretär des katarischen Olympischen Komitee und ist seit diesem Jahr Katars Botschafter in Deutschland.

Al Thani: Die Blockade schadet nicht nur Katar, sondern jedem, der in der Region Geschäfte tätigt. Dies wird wirtschaftliche Folgen für alle haben. Zum Beispiel: Die Golfstaaten liefern 40 Prozent der Energie der restlichen Welt. Überlegen Sie mal, was passiert, wenn die Blockade lange Zeit andauert.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie bereit, über die Forderungen der Blockadestaaten zu reden?

Al Thani: Alle Meinungsverschiedenheiten zwischen Staaten müssen durch Dialog gelöst werden, am Verhandlungstisch.

SPIEGEL ONLINE: Worüber würden Sie zu reden bereit sein? Nehmen wir die Forderung, den TV-Sender Al Jazeera einzustellen.

Al Thani: Man kann unsere Souveränität nicht angreifen. Stellen Sie sich vor, wir würden verlangen, dass Deutschland die Deutsche Welle einstellt oder Großbritannien die BBC. Das geht nicht. Man kann die Meinungsfreiheit anderer Staaten nicht kontrollieren. Auch wenn wir nicht genau wissen, was hinter der Blockade steckt, scheint die Meinungsfreiheit einer der Gründe zu sein. Die wollen nicht, dass die Meinungsfreiheit über Al Jazeera andere arabischsprechende Staaten erreicht.

SPIEGEL ONLINE: Die Forderungsliste sieht auch vor, dass Katar seine angebliche Unterstützung von Terroristen einstellt.

Al Thani: Die Einzigen, die den Ausdruck Terrorist klar definieren können, sind die Vereinten Nationen und der Uno-Sicherheitsrat. Einzelne Staaten können nicht einfach eine Liste von Gruppen aufstellen und sie zu Terroristen erklären. Das wäre nicht akzeptabel.

SPIEGEL ONLINE: Aber genau das machen die Blockadestaaten mit Hamas und der Muslimbruderschaft. Wie stehen Sie zu denen?

Al Thani: Katar unterstützt die Hamas und die Muslimbruderschaft nicht, ist aber auch nicht gegen sie. Wir unterstützen sie nicht, und wir sind nicht gegen sie. Die Bruderschaft ist eine Partei. Wir befassen uns nur mit ihr, wenn sie einer Regierung angehören.

SPIEGEL ONLINE: Ein weiterer Knackpunkt sind Katars Beziehungen zu Iran. Die Blockadestaaten verlangen, dass Sie diese herunterfahren, stattdessen haben Sie sie weiter ausgebaut.

Al Thani: Iran ist ein wichtiges Land in der Region, aber wir haben unsere Meinungsverschiedenheiten mit ihnen. Es ist unser Nachbar, wir sollten mit ihm im Dialog stehen, wir sollten Handelsbeziehungen haben. Man will doch ein gutes Verhältnis mit seinem Nachbarn haben. Auch wenn wir mit seiner Politik in einigen Punkten, etwa auch im Libanon, in Syrien und im Irak, nicht einer Meinung sind.

SPIEGEL ONLINE: Unterstützen Sie das Iran-Atomabkommen?

Al Thani: Unsere Position entspricht der europäischen Position. Wir unterstützen Dialog und die Nichtverbreitung von Atomwaffen.

SPIEGEL ONLINE: US-Präsident Trump sieht das offenbar anders. Er hat auch die Blockade anfangs unterstützt und will nun vermitteln. Wie erklären Sie sich diesen Sinneswandel?

Al Thani: Ich glaube, dass US-Außenminister Tillerson und Verteidigungsminister Mattis ihm die Situation sowie Katars wichtige Rolle in der Region erklärt haben.

SPIEGEL ONLINE: Könnten die privaten Geschäfte der Trump-Familie in der Region damit etwas zu tun haben?

Al Thani: Dazu kann ich nichts sagen, da ich darüber wirklich nichts weiß.

SPIEGEL ONLINE: Der Emir hat kürzlich Kanzlerin Merkel besucht. Wird Deutschland vermitteln?

Al Thani: Deutschland kann über die Vermittlung Kuwaits eine große Rolle spielen. Deutschland ist einer der stärksten Partner Katars. Wir haben Investitionen über mehr als 25 Milliarden Dollar in Deutschland, mehr als 200 deutsche Unternehmen sind in Katar tätig, mit Projekten in Höhe von 80 Milliarden Dollar. Deutschland ist ein wirklich guter Partner, ein fairer Partner. Ich denke deshalb, dass Deutschland die Dinge vorantreiben könnte, wenn es etwas Druck auf die arabischen Alliierten ausüben würde.

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