Doha holt Neymar - und Kriegsschiffe Katar kauft sich aus der Krise

Der Mega-Transfer Neymar, milliardenteure Rüstungsdeals und ein Militärmanöver mit der Türkei: Das Emirat Katar trotzt der saudi-arabisch geführten Blockade. Dabei wird die Allianz nun von einem Erzfeind unterstützt.

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25 Jahre alt, 1,75 Meter groß und 222 Millionen Euro teuer: Das ist Neymar da Silva Santos Júnior. Der brasilianische Posterboy des internationalen Profifußballs wechselte in der vergangenen Woche vom FC Barcelona zu Paris St. Germain - und damit zum Emirat Katar.

Das Herrscherhaus in Doha hat sich 2011 in den französischen Hauptstadtklub eingekauft. Seither heißt der Präsident Nasser Al-Khelaifi. Er hat Neymar nach Paris gelotst, der dort künftig nicht nur gegen den Ball treten, sondern für Katar auch als Botschafter der umstrittenen Fußball-WM 2022 tätig sein wird. Es ist der bislang teuerste Transfer in der Geschichte - inklusive Gehalt und Prämien ist von rund einer halben Milliarde Euro die Rede.

Warum macht Al-Khelaifi so was? Weil er es sich leisten kann.

"Sie können sicher sein, wir haben noch viel mehr Geld, als wir Neymar geben", prahlte der 43-Jährige, nachdem er seinen Einkauf erledigt hatte. Der Transfer war nicht nur eine Kampfansage an die sportlichen Wettbewerber im In- und Ausland. Es ist noch viel mehr. Denn für Katar ist Sport bloß eine Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln.

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Katar: Zwergstaat, ganz groß

Al-Khelaifi ist dafür der richtige Mann. Der ehemalige Tennisprofi (bester Weltranglistenplatz: 995) ist nicht nur PSG-Boss, sondern auch ein alter Freund des jungen Herrschers von Doha, Tamim bin Hamad Al-Thani. Er dient dem Autokraten außerdem als Minister ohne Portfolio. Als Allzweckwaffe sozusagen.

Katar gibt sich unbeeindruckt von der Blockade

Katar will mit seinem Einkaufstrip in Katalonien das Signal an Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Bahrain und Ägypten senden, dass ihre Blockade ihre Wirkung verfehlt. Anfang Juni hatte die arabischen Allianz alle diplomatischen Kontakte zu dem Golfstaat abgebrochen sowie die Land-, Luft- und Seewege geschlossen.

Der Grund: Sie wirft dem Zwergstaat unter anderem die Unterstützung von Terrororganisationen und enge Verbindungen zu Iran vor - dem großen Gegenspieler der saudischen Monarchie in der Region. Katar soll seit Wochen 13 Forderungen erfüllen, damit die Blockade aufgehoben wird. Die wichtigsten drei sind:

  • die Einstellung des TV-Senders Al Jazeera
  • eine Loslösung von Iran
  • die Schließung eines türkischen Militärstützpunktes

Aber das Emirat denkt gar nicht daran nachzugeben. Ganz im Gegenteil - es verbündet sich noch mehr mit der außenpolitisch ambitionierten Türkei von Präsident Recep Tayyip Erdogan.

Militärmanöver mit der Türkei, Rüstungsdeal mit Italien

Das Parlament in Ankara hatte nach Ausbruch der Katar-Krise zunächst ein Verteidigungsabkommen mit dem kleinen, aber geostrategisch wichtigen Emirat beschlossen. Es sieht unter anderem die Stationierung von türkischen Truppen in Katar vor. Am Montag haben beide Länder dann ein gemeinsames Militärmanöver abgehalten - Codename: "Eiserner Schild".

Katar hat zudem erst vor wenigen Tagen einen Rüstungsdeal mit Italien abgeschlossen. Für fünf Milliarden Euro erhält die Marine der einstigen Perlenfischernation sieben Kriegsschiffe aus der Produktion der Triester Werft Fincantieri - unter anderem vier Korvetten, ein Landungs- und ein Patrouillenboot.

Bereits im Juni hatte Katar eine Vereinbarung in Höhe von zwölf Milliarden Dollar mit den USA unterzeichnet, der zufolge sich Washington verpflichtet, Katar 36 Kampfflugzeuge vom Typ F-15 zu liefern.

Israel fordert die Schließung des Al-Jazeera-Büros

Mit anderen Worten: Die Scheckbuchpolitik des Emirs funktioniert weiter einwandfrei. Seinen Gegenspieler, der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman, dürfte das massiv ärgern. Der mächtigste Mann am Hof von Riad wollte Katar in nur einem Sommer in die Schranken weisen. Daraus wird wohl vorerst nichts. Obwohl sich selbst Israel mit zumindest einer Forderung an die Seite seines Bündnisses gestellt hat.

Die Regierung von Ministerpräsident Benjamin Netanyahu will das Büro von Al Jazeera im Land schließen lassen. Der offizielle Grund: Der Sender habe mit seiner Berichterstattung die Gewalt während der Tempelberg-Krise angestachelt. (Lesen Sie hier mehr zum Tempelberg-Konflikt)

Der inoffizielle Grund: Zwischen Israel und dem sunnitischen Bündnis entsteht hinter den Kulissen seit einiger Zeit eine sicherheitspolitisch motivierte Allianz. Erst Ende Juli wurde durch einen Bericht der Tageszeitung "Haaretz" ein Geheimtreffen zwischen Netanyahu und dem Außenminister der Vereinigten Arabischen Emirate bekannt, das 2012 in New York stattgefunden haben soll.

"Taliban-Leaks", ein PR-Disaster für Riads Bündnis

Gerade diese Vereinigten Arabischen Emirate dürften Saudi-Arabien im Kampf gegen Katar momentan am meisten Sorgen bereiten. Denn: Vor einer Woche veröffentlichte die "New York Times" geleakte E-Mails, die für Riads Bündnis ein PR-Disaster sind.

Sie zeigen, dass ein zentraler Vorwurf des Bündnisses spätestens jetzt obsolet geworden ist: Die Unterstützung von Terrororganisationen wie den afghanischen Taliban. Dass die radikalislamische Gruppe 2013 eine Botschaft in Doha eröffnen durfte, war von den Emiraten lange als ein Beweis für die Gefährlichkeit Katars angeführt worden.

Die E-Mails aber zeigen nun, dass die Vereinigten Arabischen Emirate ihrerseits versuchten, die Taliban davon zu überzeugen, die diplomatische Dependance in ihrem Land zu eröffnen. Für Katar heißt das: Punktsieg in Unterzahl.

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