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23. Oktober 2012, 18:37 Uhr

Katars Staatschef im Gaza-Streifen

Der Emir mit den vollen Taschen

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Er ist der erste Staatsgast seit Jahren und kommt nicht mit leeren Händen. Der Emir von Katar gibt bei seinem Besuch im Gaza-Streifen den Startschuss für umfangreiche Bauvorhaben. Mit seiner Geldspritze von mehr als 300 Millionen Euro stützt Scheich Hamad auch die dort herrschende Hamas.

Was haben der FC Barcelona und die Hamas gemeinsam? Beide werden von Katar gesponsert. Die Kicker aus Katalonien erhalten bis 2016 insgesamt 170 Millionen Euro von der Qatar Foundation, die 1995 von Katars Emir Scheich Hamad Bin Chalifa al-Thani gegründet wurde und inzwischen von dessen Zweitfrau Mosah geleitet wird. Sogar noch mehr Geld, umgerechnet etwa 305 Millionen Euro, will der Golfstaat in den kommenden Jahren im Gaza-Streifen investieren, der seit 2007 von der islamistischen Hamas kontrolliert wird.

Am Dienstag machte der Emir persönlich dem Küstenstreifen seine Aufwartung, um den Startschuss für umfangreiche Infrastrukturprojekte zu geben. Hamas-Vertreter und Tausende Schaulustige bejubelten den Wohltäter, als er aus Ägypten kommend die Grenze in Rafah auf einem roten Teppich übertrat. Vor zwei Jahren war Bundesaußenminister Guido Westerwelle einmal für wenige Stunden in Gaza - um Hamas-Politiker machte er damals jedoch einen großen Bogen. Seinem Parteifreund und Kabinettskollegen Dirk Niebel hatten die israelischen Behörden im Sommer 2010 noch den Besuch des Gaza-Streifens verweigert.

Für die Islamisten ist Hamads Besuch ein großer Prestigeerfolg. Der Alleinherrscher aus Katar ist der erste ausländische Staatsgast, der den Gaza-Streifen offiziell besucht, seit 2007 Hamas-Kämpfer die Milizionäre der Fatah dort von den Schaltstellen der Macht vertrieben. Nicht einmal Mahmud Abbas, Präsident der Palästinensischen Autonomiebehörde und damit formell auch höchster Repräsentant der 1,7 Millionen Einwohner von Gaza, hat seither einen Fuß dorthin gesetzt. Abbas' Anspruch, alleiniger Vertreter aller Palästinenser zu sein, versetzt Hamad mit seiner Visite einen weiteren schweren Schlag. "Wir erklären durch Ihren historischen Besuch heute unseren Sieg über die israelische Blockade", sagte Hamas-Mann Ismail Hanija, der 2006 zum palästinensischen Ministerpräsidenten gewählt wurde beim Empfang seines Gastes.

Schöner wohnen in "Scheich-Hamad-Stadt"

Die Hamas ist dringend auf Finanzspritzen angewiesen. Ihr wichtigster Unterstützer, Iran, hat vor Monaten seine Hilfen für die Organisation eingestellt. Grund ist ihre Weigerung, das Regime von Teherans Verbündetem Baschar al-Assad in seinem Kampf gegen die Aufständischen in Syrien zu unterstützen. Bereits zu Jahresbeginn räumte die Exilführung der Hamas ihr Hauptquartier in Damaskus. Chalid Maschaal, Politbürochef der palästinensischen Bewegung, residiert seither in Katars Hauptstadt Doha.

Der Golfstaat will mit der Unterstützungskampagne sein Ansehen im Nahen Osten weiter stärken. Zwar schickt Israel täglich etwa einhundert Lastwagen mit Hilfsgütern nach Gaza, die Lieferung wichtiger Güter bleibt jedoch untersagt. Das Leid der Menschen im Gaza-Streifen bewegt nach wie vor viele Menschen in der Arabischen Welt. Auch bei ihnen will Scheich Hamad mit seinem Engagement punkten. Der in Katar ansässige Nachrichtensender al-Dschasira sorgt mit seiner umfangreichen Berichterstattung vom Besuch des Emirs dafür, dass der Scheich ins rechte Licht gerückt wird.

Dabei liegt derzeit noch ziemlich im Dunklen, welche Bauvorhaben im Gaza-Streifen Hamad mit seinen mehr als 300 Millionen Euro konkret finanzieren will. Bislang ist davon die Rede, dass Katar die Küstenstraße sowie die Saladin-Straße erneuern will, die das Gebiet vom israelischen Grenzübergang Erez im Norden bis zur ägyptischen Grenze in Rafah durchschneidet.

Außerdem sollen in Chan Junis, einem Ort, der während des Gaza-Krieges Anfang 2009 von israelischen Bomben besonders schwer getroffen wurde, tausend Häuser für Familien errichtet werden, die fast vier Jahre nach der Militäroperation noch immer in Behelfsunterkünften leben. Damit die künftigen Bewohner der Siedlung nicht vergessen, wem sie ihr neues Zuhause zu verdanken haben, wird das Viertel künftig "Scheich-Hamad-Stadt" heißen. Auch ein Krankenhaus auf dem Gelände einer 2005 geräumten israelischen Siedlung, das Katar mit mehr als elf Millionen Euro finanziert, wird nach seiner Fertigstellung nach dem Emir benannt.

Israel könnte Lieferung von Baustoffen verhindern

Bei allen genannten Projekten sollen die Arbeiten in den kommenden drei Monaten beginnen. Tausenden Palästinensern verspricht Katar Arbeit auf den Baustellen. Jobs werden im Gaza-Streifen händeringend gesucht. Laut Schätzungen ist jeder Dritte arbeitslos. Diejenigen, die Arbeit haben, verdienen kaum genug zum Überleben.

Wohin die übrigen Petrodollars aus Katar fließen sollen, hat Scheich Hamad bislang noch nicht erklärt. Nur vage ist die Rede davon, dass er die Landwirtschaft unterstützen wolle.

Offen ist nicht zuletzt, ob die Hilfe überhaupt ankommen wird. Die palästinensische Nachrichtenagentur Ma'an berichtet unter Berufung auf Sicherheitskreise in Kairo, Ägypten werde eine Lieferung der Baumaterialien über den Grenzpunkt Rafah nicht erlauben, falls Israel sein Veto einlegt. Bislang erlaubt die Regierung Netanjahu die Lieferung von Zement, Stahl, Beton oder Asphalt in den Gaza-Streifen nur, wenn die betreffenden Bauprojekte von der Palästinensischen Autonomiebehörde und der internationalen Gemeinschaft überwacht werden. Ob Katars Bauvorhaben diese Kriterien erfüllen, steht derzeit noch nicht fest.

Sollte Israel die Einfuhr der Materialien verbieten, steht dem Emir immer noch der Weg durch den Untergrund offen. Unter der Grenze zwischen Ägypten und dem Gaza-Streifen verlaufen noch immer Dutzende Tunnel, durch die Schmuggler Waren und Güter aller Art in das palästinensische Gebiet transportieren.

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