Katastrophe in Pakistan Taliban und Amerikaner buhlen um Flutopfer

Hunderttausende Menschen kämpfen in Pakistan mit den Folgen einer gigantischen Flut, ihr Präsident tourt derweil durch Europa. Jetzt springen Islamisten als Ersthelfer ein - und liefern sich mit Amerikanern ein Rennen um die Gunst der Opfer.

AFP

Von , Islamabad


Die Liste der US-Botschaft macht Eindruck: Vier Armeehubschrauber vom Typ Boeing CH-47 Chinook und zwei Sikorsky UH-60 Blackhawk sind am Mittwoch in Pakistan angekommen, um "in Partnerschaft mit der pakistanischen Regierung" in den von der Flut betroffenen Gebieten Hilfsgüter zu verteilen und, wo nötig, Menschen zu retten. Donnerstag begannen die ersten Einsatzflüge. Außerdem geliefert wurden: sechs Einheiten zur Aufbereitung von Trinkwasser, 18 motorisierte Schlauchboote, 18 Wassertanks, 30 Sägen, mit denen man Beton schneiden könne, einen Stromgenerator, mehr als 460.000 Mahlzeiten, zwölf Behelfsbrücken aus Stahl. Und eine Soforthilfe in Höhe von 25 Millionen Dollar.

Die USA leisten große Hilfe in Pakistan, das derzeit die schlimmste Flutkatastrophe seiner Geschichte nach schwerem Monsunregen erlebt. Nahezu das gesamte Land ist betroffen, nach tagelangen Regenfällen sind Flüsse über die Ufer getreten und haben das Land weiträumig überflutet. Mehr als 1600 Menschen sollen ums Leben gekommen sein, jüngsten Schätzungen zufolge leiden über 4,2 Millionen Menschen unter den Unwetterfolgen, darunter auch 1,4 Millionen Kinder. Mehrere Millionen Hektar Ackerfläche wurden unbrauchbar. Mehr als eine Million Menschen sind dem pakistanischen Militär zufolge obdachlos, ihre Häuser stürzten in Folge der Flut ein oder wurden einfach weggespült. Es fehlt an Trinkwasser und Lebensmitteln, Hunderttausende leiden an Magen- und Darmkrankheiten, das Deutsche Rote Kreuz meldet den Ausbruch von Cholera.

Ziemlich spät komme die Hilfe des Staates, kritisieren Flutopfer aus allen Teilen des Landes. Am stärksten betroffen ist die Provinz Khyber-Pakhtunkhwa. Hier sind nach Angaben der Provinzregierung mehr als 700.000 Menschen ohne Bleibe. "Fünf Tage lang haben wir hier gehockt und darauf gewartet, dass uns jemand hilft", beschrieb Ali Hussain aus einem Dorf im heftig betroffenen Distrikt Charsadda seine Lage. "Die ersten, die kamen und uns etwas zu essen und trinken brachten und fragten, ob es uns gut geht, waren Leute von Jamaat-ud-Dawa." Diese Organisation gilt als Verbindung zur verbotenen Terrororganisation Lashkar-i-Toiba.

Jamaat-ud-Dawa teilte mit, man habe "derzeit mehr als 2000 Helfer in der Region im Einsatz". Makhbool Shah, ein 55-jähriger Helfer, erklärte lokalen Journalisten, er sei ein Mitglied dieser Organisation. "Würde die Regierung hier helfen, gäbe es für uns nichts zu tun", sagte er. Die Regierung sei aber "extrem langsam und unkoordiniert", daher habe man sich entschlossen, "umfassend zu helfen".

"Die ganze Region ist in Not, aber der Staat ist abwesend"

Nach Angaben des "Guardian" nutzten mehrere extremistische Organisationen die Flut, sich als Helfer in der Not zu präsentieren. So habe die Al-Khidmat-Stiftung der legalen, aber fundamentalistischen Partei Jamaat-e-Islami, zwei private Schulgebäude zu Unterkünften für 380 Familien umfunktioniert, die ihre Häuser verloren haben. "Die Regierung ist paralysiert", zitiert die Zeitung Javed Khan, den örtlichen Chef der Stiftung. "Die ganze Region ist in Not, aber der Staat ist abwesend." Eine 18-jährige Frau erklärte, das Haus der Familie sei fortgespült worden. Es habe umgerechnet fast 30.000 Euro gekostet, jetzt besitze sie nicht einmal mehr 30 Cent. "Während uns Al-Khidmat hilft, haben wir von der Regierung nichts bekommen."

Auch Präsident Asif Ali Zardari gerät unter heftige Kritik: Er reiste am Sonntag zu politischen Gesprächen nach Paris und London ab - zu einem Zeitpunkt also, als das Ausmaß der landesweiten Katastrophe längst ersichtlich war. In mehreren Orten protestierten die Menschen gegen die Regierung und ließen ihrer Wut gegen Zardari freien Lauf. "Wie kann man sein Land in einer solchen Situation einfach alleine lassen", schimpfte Sajjad Bokhari aus der Stadt Nowshera. Ein anderer Demonstrant sagte, er finde es "eine Unverschämtheit, dass Zardari sich in Luxushotels vergnügt, während wir unsere Häuser verloren haben".

Der pakistanischstämmige britische Abgeordnete Khalid Mahmood von der Labour-Partei zeigte sich ebenfalls verwundert über die Reise des Präsidenten. Die Anwesenheit Zardaris in den Katastrophengebieten sei wichtiger, als durch Europa zu reisen, kritisierte er. Ein Mitarbeiter des pakistanischen Außenministeriums erklärte SPIEGEL ONLINE, Zardari habe tatsächlich erwogen, den einwöchigen Trip abzubrechen, sich dann aber angesichts der derzeit frostigen Beziehungen zwischen Pakistan und Großbritannien für die Reise entschieden.

Die Regierung wies Vorwürfe zurück, sie habe zu spät über die bevorstehenden Gefahren informiert und anschließend zu zögerlich mit der Hilfe begonnen. "Dies ist eine beispiellose Flut, und wir haben bereits 132.000 Menschen gerettet und an sichere Orte gebracht", erklärte Generalmajor Nadir Zeb, zuständig für die Hilfsarbeiten im Süden der Provinz Punjab. Armeeangehörige seien von Dorf zu Dorf gefahren und hätten die Menschen über Moscheelautsprecher vor den herannahenden Wassermassen gewarnt. "Aber die Leute wollten nicht auf uns hören, sie haben nicht damit gerechnet, dass es eine so heftige Flut werden würde", sagte Zeb.

Die USA nutzen die Gelegenheit, ihr ramponiertes Image wieder aufzupolieren

Premierminister Yousuf Raza Gilani besuchte am Mittwoch - eine Woche nach Beginn der Regenfälle - erstmals einige betroffene Regionen. Er versicherte den Flutopfern, die Regierung sei sich des Ausmaßes der Katastrophe bewusst, Firmen in Pakistan sowie die internationale Weltgemeinschaft solle Hilfen für die Opfer verstärken, forderte er. General Tariq Majid, pakistanischer Generalstabschef, kündigte an, dass alle Militärangehörigen den Sold eines Tages für die Flutopfer spenden würden.

Die Amerikaner nutzen die Gelegenheit, um ihr in den vergangenen Monaten stark ramponiertes Image wieder aufzupolieren. US-Außenministerin Hillary Clinton sagte, Pakistan könne auf die USA zählen. "Wir haben in den vergangenen Jahren hart daran gearbeitet, eine Partnerschaft mit den Menschen in Pakistan aufzubauen", erklärte sie, und die Hilfe in der jetzigen schwierigen Situation sei "ein wesentliches Element dieser Partnerschaft".

"In erster Linie geht es darum zu helfen", sagte ein US-Diplomat in Islamabad. "Aber natürlich sehen wir auch die Chance, unseren Ruf zu verbessern und uns als wahre Freunde der Pakistaner zu zeigen." Man dürfe das Feld nicht radikalen Organisationen überlassen, betonte er. "Die wissen diese Situation auch zu nutzen und um Sympathien bei den Menschen zu werben."

Ein Mitarbeiter des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes (IKRK) sagte, er sehe es nicht so kritisch, wenn Organisationen von Extremisten Lebensmittel verteilten. "In dieser katastrophalen Lage sollten wir froh sein um jeden, der hilft", sagte er. "Außerdem glaube ich nicht, dass die Extremisten sich dadurch langfristig Sympathien erwerben."

Es spricht tatsächlich nicht viel dafür. Denn trotz Flutkatastrophe setzen die Extremisten ihren Terror in Pakistan fort: Am Mittwochabend sprengte sich ein Selbstmordattentäter der Taliban im ebenfalls von der Flut betroffenen Peschawar in die Luft und tötete dabei einen hochrangigen Polizeioffizier und drei seiner Leibwächter.

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Roßtäuscher 05.08.2010
1. Das Buhlen der Taliban um die pakistanischen Flutopfer
Zitat von sysopHunderttausende Menschen kämpfen in Pakistan mit den Folgen einer gigantischen Flut, ihr Präsident tourt derweil durch Europa. Jetzt springen Islamisten als Ersthelfer ein - und liefern sich mit Amerikanern ein Rennen um die Gunst der Opfer. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,710272,00.html
Die Gelder aus dem Rauschgiftanbau und die Milliarden, die der Westen in das durch und durch korrupte Afghanistan gepumpt hat, treiben immer buntere und abstrusere Blüten. Überlasst doch endlich den Hindukusch seiner selbstgewählten Gefälligkeit und isoliert die Region. Wenn, ja wenn, da nicht vielleicht neben anderen Rohstoffen auch Erdöl sprudelt?
iosono3 05.08.2010
2. Spenden?
Für ein Land was sich Atomwaffen leisteten kann?Vielleicht sollten Indien und Pakistan abrüsten-dann ist mehr Geld zur Armutsbekämpfung da-aber dafür ist ja grössenteils der Westen zuständig.
heinrichp 05.08.2010
3. Krieg und Elend
Zitat von sysopHunderttausende Menschen kämpfen in Pakistan mit den Folgen einer gigantischen Flut, ihr Präsident tourt derweil durch Europa. Jetzt springen Islamisten als Ersthelfer ein - und liefern sich mit Amerikanern ein Rennen um die Gunst der Opfer. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,710272,00.html
Anstatt den Menschen in ihrer Not zu helfen, liefern sich Islamisten mit Amerikanern ein Rennen um die Gunst der Opfer. Amerikaner und Islamisten haben einen Sprung in der Schüssel. Wann hört all diese Dummheit auf, die Erde wehrt sich und die Menschen führen Krieg, anstatt gemeinsam etwas zu tun.
canaldumidi, 08.08.2010
4. keinen Cent für diese Länder, so leid es tut!
Zitat von iosono3Für ein Land was sich Atomwaffen leisteten kann?Vielleicht sollten Indien und Pakistan abrüsten-dann ist mehr Geld zur Armutsbekämpfung da-aber dafür ist ja grössenteils der Westen zuständig.
Solange solche Länder Geld für Atomare Rüstung ausgeben, ist es eine Schande, wenn auch noch zu Spenden aufgerufen wird!
ThiloS, 16.08.2010
5. Schwierigschwierig
...eigentlich möchte ich nicht für Leute spenden, die mich für einen "westlichen Teufel" halten... Die Islamisten erzählen den Menschen, die Flut sei "die Strafe Gottes" und sind somit, was das Spenden angeht, fein raus. Wer spendet schon kontraproduktiv zu Allahs Willen? Wir, der Westen, wir sollen es schultern. Der Dank wird ein Tritt in unsere Hintern sein, sobald die Menschen dort "wieder Land sehen". Nein, ich möchte eher nicht spenden...
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