Katholiken in Bosnien Kroatischer Bischof prangert Vertreibung seiner Landsleute an

Von Renate Flottau, Belgrad

2. Teil: "Sie sind höchstens ein Stall für unsere Pferde"


Die Regierung in Banja Luka, obwohl sie sich offiziell von der Politik des im vergangenen Jahr an das Haager Kriegstribunal ausgelieferten Serbenführers Radovan Karadzic distanzierte, schützte dessen Erbe auch nach dem Krieg. Mit einer systematischen Behinderung der Rückkehr der Vertriebenen wurde die nahezu ausschließlich serbische Bevölkerungsstruktur gewahrt. Zerstörte kroatische Dörfer blieben ohne Strom und Wasser, gerichtliche Verfahren gegen serbische Hausbesetzer wurden so lange verzögert, bis die rückkehrwilligen Kroaten zermürbt aufgaben.

Der Bürgermeister eines Dorfes, erzählt Komarica, habe ihm gesagt: Nur über seine Leiche werde auch nur ein einziger Kroate in dieses Dorf zurückkehren. Warum er dann offiziell zur Rückkehr aufgerufen habe, habe er ihn gefragt. "Herr Bischof", lautete die Antwort, weil ich mit solchen Phrasen Gelder und Aufbauhilfen von der internationalen Gemeinschaft erhalte."

Aber es waren nicht nur die Serben, die blockierten. Auch bei den Hohen Repräsentanten der internationalen Gemeinschaft suchte der Bischof seit Kriegsende vergebens Unterstützung. Einige, erinnert er sich, hätten Bosnien achselzuckend als Irrenhaus bezeichnet, an dessen Zukunft niemand ernsthaft glaube. Leute in "ganz hohen Positionen" hätten ihm gegenüber keinen Hehl daraus gemacht, dass sie nur zur eigenen Bereicherung missionierten - getreu dem Motto: Je schlimmer, desto besser.

"Wir waren schon während des Kriegs die Müllhalde Europas und der USA", sagt Komarica, "doch was man mir hier in diesem Raum in Hunderten von Gesprächen mit Politikern und höchsten Würdenträgern alles sagte, wird immer eine blutende Wunde am Leib Europas bleiben."

Es fällt ihm schwer, die Fassung zu bewahren, immer wieder Gottes Güte und Vergebung zu beteuern, wenn er aufzählt, was ihm auf seine Bitten um Hilfe für die verfolgten Kroaten in Banja Luka während des Krieges geantwortet wurde: "Vertreter Brüssels sagten mir ins Gesicht, weder Sie, Herr Bischof, noch Bosnien interessieren uns, Sie sind höchstens ein Stall für unsere Pferde. Der Botschafter eines einflussreichen Landes beschuldigte mich, ich hätte durch meinen Verbleib die Pläne seines Landes gestört."

Ein anderer habe geschworen, man werde nicht erlauben, dass Dayton als Projekt der Amerikaner Erfolg habe und US-Vermittler Richard Holbrooke beschuldigte die Europäer, sie hätten zum dritten Mal in diesem Jahrhundert einen Krieg begonnen ohne ihn beenden zu können. Hans Van den Broek, der ehemalige holländische Außenminister und Bosnien-Vermittler, sei einer der wenigen ehrlichen Politiker gewesen. Er habe ihm 1996 in einem einstündigen Gespräch vor fünf Zeugen gestanden: "Verzeihen Sie, Herr Bischof, dass ich wegen meiner verhängnisvollen Unkenntnis verhängnisvolle Entscheidungen getroffen habe. Ich habe Milosevic grünes Licht gegeben, den Krieg in Bosnien zu beginnen." Er habe ihn daraufhin entsetzt gefragt, erinnert sich Komarica, "Exzellenz, wie kommen Sie mit Ihrem Gewissen klar nach so vielen Toten?"

Komaricas Fahrer wartet längst vor dem Bischofspalais. Der Bischof wird wieder Europa durchqueren, Gelder sammeln für neue Schulprojekte, Krankenstationen, Internate, für ein Haus für alleinstehende Mütter. Er will seinen Beitrag zur Versöhnung leisten. In einem katholischen Schulzentrum, das er vor vier Jahren eröffnet habe, seien über zwei Drittel der Schüler Serben, sagt er stolz und fügt an: "Ich habe die unbeschreibliche Kraft des Bösen hautnah erlebt und genug Gründe, verbittert zu sein. Aber ich bin nicht zur Verzweiflung verpflichtet."



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