Katholiken Tritt der Papst vorzeitig zurück?

Der Gesundheitszustand von Johannes Paul II. bereitet seinem Vertrauten Joseph Ratzinger große Sorgen. Der römische Kurienkardinal hält einen vorzeitigen Rücktritt des Papstes für möglich. Der freilich will davon nichts wissen.


Gesundheitlich angeschlagen: Papst Johannes Paul II.
AFP

Gesundheitlich angeschlagen: Papst Johannes Paul II.

München/Rom - "Wenn er (der Papst) sehen würde, dass er absolut nicht mehr kann, dann würde er sicher zurücktreten", sagte Ratzinger in einem Interview mit der Münchner Kirchenzeitung. Der Präfekt der Vatikanischen Glaubenskongregation schränkte in dem Interview allerdings ein: "So lange es nur Leiden kostet, hält er durch." Johannes Paul II. feiert an diesem Samstag seinen 82. Geburtstag.

Zum Gesundheitszustand des Papstes meinte Ratzinger in dem Gespräch in der neuen Ausgabe der katholischen Wochenzeitung für das Erzbistum München und Freising: "Er ist stiller geworden, redet weniger. Aber er hört sehr aufmerksam zu und stellt Fragen, aus denen man sieht, wie wach er ist." Ratzinger trifft den Papst mindestens einmal die Woche zu einem Vier-Augen-Gespräch in dessen Arbeitszimmer.

Der physische Verfassung von Johannes Paul II. wechsle, "weil er sich oft mit der Arbeit einfach übernimmt und dann am nächsten Tag entsprechend müde ist. Aber es ist nicht so, dass er nicht mehr regierungsfähig wäre." Der Papst behalte die wesentlichen Fäden "fest in der Hand", auch wenn er viele Dinge des Geschäftsganges anderen anvertraue, berichtet Ratzinger.

Johannes Paul II. hatte am Mittwoch erneut deutlich gemacht, dass er nicht an Rücktritt denkt. "Ich vertraue auf eure spirituelle Unterstützung, damit ich mein Amt, das mir Gott aufgetragen hat, in Treue weiterführen kann", sagte er vor Tausenden von Gläubigen in Rom. Der Papst, der unter anderem an der Parkinsonschen Krankheit leidet, machte bei der Generalaudienz auf dem Petersplatz allerdings erneut einen gesundheitlich angeschlagenen Eindruck.

Spekulationen über einen freiwilligen Amtsverzicht - es wäre der zweite in der 2000-jährigen Kirchengeschichte - gibt es immer wieder. Kürzlich hieß es, angeblich drängten ihn sogar hohe Kurienkardinäle dazu. Außerdem habe der Führer der römisch-katholischen Kirche ein Rücktrittsschreiben für den Fall seines geistigen Verfalls im Vatikan hinterlegt.



© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.