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Kaukasus-Konflikt EU wirft Südosseten Vertreibungspolitik vor

Der Vorwurf aus Brüssel wiegt schwer: Laut EU-Kommission werden in Südossetien Georgier systematisch unter Druck gesetzt - und zum Verlassen des Landes gedrängt. Scharfe Kritik an Russland kommt von der Nato: Moskau müsse die Anerkennung der Rebellenrepubliken zurücknehmen.

Brüssel - Werden Georgier in Südossetien gezielt vertrieben? Soldaten der international nicht anerkannten südossetischen Regierung hätten überwiegend von Georgiern bewohnte Dörfer aufgesucht und sie aufgefordert, die russische Staatsangehörigkeit anzunehmen oder Südossetien so schnell wie möglich zu verlassen - das sagte ein EU-Kommissionsexperte am Mittwoch in Brüssel. Auch der französische Außenminister Bernard Kouchner hatte bereits erklärt, es gebe Hinweise auf Vertreibungen in Südossetien. Frankreich hat derzeit die EU-Ratspräsidentschaft inne. Die EU-Kommission hat selbst zwar derzeit keine Beobachter in den abtrünnigen georgischen Regionen Südossetien und Abchasien.

Raus aus Südossetien: Ein Georgier klagt über das Leben in der von Georgien abtrünnigen Region und will nach Tiflis flüchten

Raus aus Südossetien: Ein Georgier klagt über das Leben in der von Georgien abtrünnigen Region und will nach Tiflis flüchten

Foto: AFP

Flüchtlinge aus diesen Gebieten hätten aber von Drohungen südossetischer Einheiten berichtet, verlautete aus Kommissionskreisen.

Der Zugang zu den beiden abtrünnigen Regionen werde sowohl den Mitarbeitern der Kommissionsabteilung für humanitäre Hilfe (Echo) als auch internationalen Hilfsorganisationen verwehrt, sagte ein Echo-Vertreter. Die von der Kommission bereitgestellten sechs Millionen Euro Nothilfe kämen deshalb bislang ausschließlich im georgischen Kernland zum Einsatz.

Die Kommission habe die russische Regierung aufgefordert, ihren Mitarbeitern sowie internationalen Hilfsorganisationen Zugang zu Südossetien und Abchasien zu ermöglichen, berichtete der Experte weiter. Die russischen Behörden hätten dieses Ersuchen bislang nicht beantwortet und stattdessen vorgeschlagen, die Kommission sollte einen Teil ihrer Hilfsgelder dem russischen Katastrophenschutzministerium übergeben, das sie verteilen werde.

Die Kommission beharre aber weiter auf Zugang für unabhängige Hilfsorganisationen. Insgesamt hat die EU Georgien bereits mehr als 14 Millionen Euro Soforthilfe zur Verfügung gestellt: Die EU-Kommission gab sechs Millionen Euro frei, hinzu kommen nach ihren Angaben mindestens acht Millionen Euro aus den einzelnen Mitgliedstaaten, davon zwei Millionen aus Deutschland.

Scharfe Kritik richtete sich am Mittwoch auch gegen die politische Führung in Moskau: Die Nato forderte Russlands Präsident Dmitrij Medwedew dazu auf, die Anerkennung der beiden georgischen Regionen Abchasien und Südossetien als unabhängige Staaten zurückzunehmen - sowohl der Westen als auch Georgien hatten gegen diese Entscheidung Medwedews am Dienstag protestiert.

Georgien zieht Botschafter aus Russland ab

Georgien hat inzwischen seinen Botschafter aus Russland abgezogen und damit auf die Anerkennung der Unabhängigkeit Südossetiens und Abchasiens durch Moskau reagiert. Auch die anderen Diplomaten wurden bis auf zwei aus Moskau zurückgerufen, wie die georgische Außenministerin Eka Tkeschelaschwili am Mittwoch sagte. Bei den beiden in der Botschaft verbliebenen Mitarbeitern handele es sich um einen hochrangigen Diplomaten und einen ihm unterstellten Mitarbeiter.

Konflikt im Kaukasus - Georgien, Südossetien, Abchasien

Auch die EU reagierte am Mittwoch alarmiert auf das Vorgehen Russlands: Nach Ansicht von Erweiterungskommissar Olli Rehn muss die EU der Ukraine eine klare Beitrittsperspektive geben, um das Land vor Russland zu schützen. Die Ukraine könne "das nächste Ziel" für politischen Druck Russlands sein, sagte Rehn am Mittwoch laut Redetext in einer Ansprache vor den finnischen Botschaftern. Russlands Politik gegenüber seinen Nachbarn erinnere an die frühere Politik der Einflusszonen. Es sei daher wichtig, dass die EU ein klares Signal setze, dass die Integration der Ukraine in die EU möglich sei, wenn das Land seinen Reformkurs in Übereinstimmung mit den europäischen Werten fortsetze.

Miliband warnt vor einem neuen Kalten Krieg

Eine EU-Mitgliedschaft der Ukraine stehe zwar derzeit nicht auf der Tagesordnung. "Aber wir sollten niemals 'nie' zur Ukraine sagen", hieß es im Redetext weiter. Ohne die Option einer EU-Mitgliedschaft könne sich der Reformkurs des Landes verlangsamen, warnte der finnische EU-Kommissar. Die ukrainische Regierung drängt auf eine EU-Mitgliedschaft oder zumindest eine weitere vertragliche Annäherung an die Gemeinschaft und fordert wegen des Konflikts zwischen Russland und Georgien auch einen raschen Beitritt zur Nato.

Der britische Außenminister David Miliband reiste am Mittwoch in die Ukraine, um "eine größtmögliche Koalition gegen den russischen Angriff" zu versammeln. Miliband warnte in Kiew vor einem neuen Kalten Krieg. "Wir wollen keinen neuen Kalten Krieg und Medwedew trägt eine große Verantwortung dafür, ihn nicht zu beginnen", sagte er vor Studenten in der ukrainischen Hauptstadt.

Die USA wichen am Mittwoch einer direkten Konfrontation mit Russland aus: Ein Schiff der US-Küstenwache mit Hilfsgütern machte statt in dem von russischen Truppen umstellten Hafen Poti im südlicher gelegenen Batumi fest. Der russische Botschafter in Moldawien forderte die dortige Regierung auf, in der von Moskau unterstützten abtrünnigen Region Transnistrien "blutige und katastrophale Ereignissen" zu vermeiden.

Das US-Küstenwachtschiff "Dallas" erhielt nach Angaben der US-Botschaft in Tiflis "von höchster Stelle im Pentagon" den Befehl, Batumi anzulaufen. Poti soll Berichten zufolge in dem kurzen Krieg Anfang des Monats von russischen Streitkräften schwer beschädigt worden sein. Russische Truppen halten auch nach dem Rückzug der meisten Einheiten noch Kontrollposten an nördlichen Ausgängen der Stadt besetzt. Das Anlegen eines einem US-Kriegsschiffsverband zugeordneten Küstenwachtkutters hätte von Moskau als direkte Konfrontation aufgefasst werden können.

Bundeskanzlerin Angela Merkel forderte den russischen Präsidenten Dmitrij Medwedew telefonisch zum sofortigen Rückzug aus dem georgischen Kerngebiet, beispielsweise Poti, auf. Wie Regierungssprecher Ulrich Wilhelm mitteilte, forderte sie die sofortige Umsetzung des Sechs-Punkte-Plans, nach dem sich Russland auf seine Stellungen vor dem 7. August zurückzuziehen hat. Die Kanzlerin habe erneut die russische Anerkennung Südossetiens und Abchasiens verurteilt.

Der russische Botschafter in Chisinau, Waleri Kusmin, forderte die moldawische Regierung auf, ihre eigenen Schlüsse aus der Entwicklung in Georgien zu ziehen. Die Lage in Transnistrien, wo 1.500 russische Soldaten Rüstungsfabriken bewachen, sei zwar anders als im Kaukasus. Moldawien sollte sich aber hüten, den Konflikt um die 1990 nach einem Krieg abgespaltene Region zu verschärfen. Moskau unterstützt die Separatisten, hat sie aber nicht diplomatisch anerkannt.

Der georgische Präsident Micheil Saakaschwili warnte davor, die Moskauer Politik gegenüber seinem Land hinzunehmen. "Wenn Europa sich das einmal gefallen lässt, wird Russland es in Zukunft wieder versuchen", sagte er der "Bild"-Zeitung. Zum EU-Sondergipfel zur Kakausus-Krise werde er nicht kommen: "Wenn ich Georgien verlasse, werden die Russen unseren Luftraum schließen und verhindern, dass ich zurück ins Land komme. Ich erwarte von diesem Gipfel ein klares Bekenntnis der EU, dass man weiter zu Georgien stehen wird. Das gleiche gilt für unsere Nato-Mitgliedschaft."

hen/dpa/AP/Reuters/AFP

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