Kaukasus-Konflikt Russen riegeln Gori ab

Explosionen in Gori, dubiose Bewegungen der russischen Truppen: Die Lage in der georgischen Stadt ist unübersichtlich. Moskau hat zwar den baldigen Rückzug angekündigt - doch nach SPIEGEL-Informationen ist die Stadt abgeriegelt, beide Seiten führen intensive Verhandlungen

Gori - Russische Soldaten an jeder Ausfallstraße, mindestens zwei Panzer auf jeder Brücke. Die Stadt Gori ist vom russischen Militär abgeriegelt, beobachtete SPIEGEL-Reporter Walter Mayr. Seit elf Uhr (Ortszeit) kommt niemand mehr heraus. "Die russischen Soldaten stecken mitten in einer Säuberungsaktion, sammeln alle Waffen in der Stadt ein. Einschläge sind zu hören", berichtet Mayr per Telefon am Donnerstagmittag.

Laut SPIEGEL-ONLINE-Informationen führten die russische und die georgische Seite am Nachmittag intensive Verhandlungen über die Übergabe der Stadt. Vor Gori standen bereits georgische Einheiten mit rund 100 Fahrzeugen und warteten darauf, die Stadt einnehmen zu können. Das georgische Regierungsmitglied Alexander Lomaia pendelte hin und her und leitete offenbar die Gespräche. In der Stadt Gori waren Rauchwolken zu sehen, ansonsten aber war es ruhig.

Am Morgen hatte die russische Armee einen baldigen Rückzug aus der strategisch wichtigen Stadt mitgeteilt. "Russische Soldaten werden noch zwei Tage in der Region bleiben, um die Kontrolle an georgische Behörden zu übergeben", sagte Generalmajor Wjatscheslaw Borisow am Donnerstag nach Meldungen russischer Nachrichtenagenturen. "Danach werden sie die Stadt verlassen." Das georgische Radio meldete, die Stadt solle bald übergeben werden.

Noch am Mittwoch hatte Russland erklärt, es habe keine Truppen in Gori. Die Stadt liegt im Grenzgebiet zur abtrünnigen georgischen Region Südossetien und etwa 60 Kilometer östlich der Hauptstadt Tiflis.

Laut dem georgischen Außenministerium sind am Donnerstag verstärkt russische Soldaten in der Stadt eingerückt. Das georgische Innenministerium hatte zuvor mitgeteilt, die russischen Soldaten hätten tatsächlich mit dem Abzug aus Gori begonnen und die Hafenstadt Poti bereits verlassen.

Der Nachrichtenagentur Reuters zufolge haben Augenzeugen jedoch berichtet, russische Panzer seien am Vormittag auch wieder in Poti eingerückt. "Vor ein paar Minuten sind sie in Panzern nach Poti eingedrungen", sagte ein Schiffsmakler am Telefon. "Einige von ihnen tragen blaue Abzeichen, dürften also zur Friedenstruppe gehören." Den Angaben zufolge rollten die Panzer nicht bis zum Hafen an der Schwarzmeerküste, sondern fuhren direkt zu einem Militärstützpunkt.

Die russische Präsenz auf georgischem Boden hat im Westen Zweifel geschürt, dass die Regierung in Moskau ihren Rückzug aus dem Krisengebiet verzögern könnte und damit den brüchigen Waffenstillstand gefährden würde.

Russlands Außenminister Sergej Lawrow bekräftigte die Unterstützung seines Landes für das Angebot der EU, die Überwachung des Waffenstillstands mit eigenen Kräften zu unterstützen. "Wir haben überhaupt nichts gegen zusätzliche Beobachter in Südossetien", sagte er am Donnerstag dem Fernsehsender Westi-24.

US-Militär im Hilfseinsatz

Knapp eine Woche nach Beginn der Kämpfe in Georgien wird das Verhältnis zwischen den USA und Russland immer frostiger. US-Präsident George W. Bush schickte Militärflugzeuge nach Georgien, die humanitäre Hilfe bringen sollen. Ausdrücklich kündigte er in seiner Ansprache am Mittwoch an, dass Luftwaffe und Marine sich darum kümmern werden. Bush stellte sich mit seinen bislang deutlichsten Worten hinter die Regierung in Tiflis und forderte Russland zur Einstellung aller Militäraktionen in Georgien und zum Truppenabzug auf. "Zum Schutz eines freien Georgiens" würden die USA die "freie Welt hinter sich versammeln", sagte Bush.

An Bord einer riesigen Transportmaschine der US-Luftwaffe trafen inzwischen die ersten US-Hilfsgüter in Tiflis ein. Die C-17 brachte Feldbetten, Decken und Medikamente für Flüchtlinge nach Georgien. Das Flugzeug war auf dem Luftwaffenstützpunkt Ramstein in Rheinland-Pfalz gestartet.

Spekulationen über ein militärisches Eingreifen in der Kaukasus-Krise wies die US-Regierung zurück. Die USA nutzten deshalb Luftwaffenflugzeuge und ihre Flotte zum Transport humanitärer Güter, "weil das Militär dazu am besten in der Lage ist", sagte die Sprecherin des Weißen Hauses, Dana Perino. Die Frage, ob die USA bei andauernden Verletzungen der Waffenruhe durch Russland militärisch aktiv werden würden, wies Perino ebenfalls zurück. "Das ist völlig verfrüht, hypothetisch und spekulativ. Das will ich nicht kommentieren", sagte die Sprecherin.

Als Zeichen der Unterstützung für die "demokratisch gewählte Regierung Georgiens" entsandte Bush Außenministerin Condoleezza Rice nach Frankreich und Georgien. Rice wählte wenige Stunden vor ihrem Abflug nach Paris ebenfalls scharfe Worte: "Das ist nicht 1968 und die Invasion in der Tschechoslowakei, wo Russland einen Nachbarn bedrohen, die Hauptstadt besetzen, eine Regierung stürzen und damit durchkommen kann." Die russischen Militäraktionen hätten brutal die Grenzen dessen überschritten, was noch als Schutz russischer Friedenstruppen in Abchasien und Südossetien hätte bezeichnet werden können.

Der russische Nato-Botschafter Dmitrij Rogosin kündigte an, Moskaus Verhältnis zu der Militärallianz werde sich als Folge des Kaukasus-Konflikts ändern. Russland forderte die USA auf, sich zu einer Partnerschaft mit Moskau zu bekennen und vom "virtuellen Projekt Georgien" Abstand zu nehmen. Die von der US-Regierung eingeforderte territoriale Einheit Georgiens sei für Moskau nicht mehr akzeptabel, teilte Außenminister Sergej Lawrow in Moskau mit. Der russische Präsident Dmitrij Medwedew hat sich am Mittag mit führenden Separatisten aus den abtrünnigen georgischen Regionen Abchasien und Südossetien getroffen. Agenturberichten zufolge sicherte er ihnen zu, ihre Position in Gesprächen über den zukünftigen Status der Regionen unterstützen zu wollen.

ler/Reuters/AFP/AP/dpa

Mehr lesen über Verwandte Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.