Kaukasus-Konflikt Russische Armee räumt georgische Kasernen leer
Tiflis - Lügnern, das sagt der Volksmund, glaubt man nicht. Folglich nahmen Nachrichtenagenturen und Korrespondenten die Mitteilungen des Nationalen Sicherheitsrats Georgiens am Mittwochmorgen gelassen: 50 russische Panzer, so die Nachricht des Rats, seien gerade im georgischen Gori eingefallen.
Seine Glaubwürdigkeit hat der Sicherheitsrat verspielt. Georgien hatte hochoffiziell von Angriffen berichtet, die es nicht gab - ebenso wie die russische Seite. Zu dramatisch hatten Politiker bis hoch zu Präsident Micheil Saakaschwili am Montag von einem Marsch auf Tiflis schwadroniert - bis kaum noch jemand den Behauptungen Glauben schenkte.
Rund 24 Stunden nach dem von Russland verkündeten und letztlich von Georgien akzeptierten Waffenstillstand ist die Lage unübersichtlich. Nach Dutzenden Telefonaten mit Korrespondenten internationaler Zeitungen, die an verschiedenen Orten in Georgien sind, scheint allerdings eines klar zu sein: Die russische Armee ist in Georgien aktiv.
Dramatisch klangen am Mittwochmittag Berichte einer ZDF-Reporterin, die an der Straße von Gori in Richtung der Hauptstadt Tiflis stand. Sie sah mehrere Panzer mit aufgesteckter russischer Fahne in Richtung Tiflis rollen. Auch CNN berichtete, die Fahrzeuge bewegten sich auf Georgiens Hauptstadt zu.
Doch ob die Panzer tatsächlich nach Tiflis fuhren, war zunächst kaum einzuschätzen. Tatsächlich nutzte das Militär die Autobahn nur, um dann in Richtung Norden abzubiegen, Richtung Südossetien.
Gleichwohl, die Präsenz von Moskaus Armee stellt eine massive Provokation dar. Der erreichte Waffenstillstand erscheint in diesen Stunden fragil.
An mindestens drei Orten in Georgien, nahe den Städten Gori, Senaki und Poti, sind - den Aussagen von Journalisten nach - russische Truppen aktiv. An zwei der drei Orten wirkt es, als transportiere die russische Armee militärisches Material aus georgischen Basen ab. In Poti, einer Hafenstadt am Schwarzen Meer, sichert russisches Militär weiterhin den strategisch wichtigen Hafen der Stadt.
In Gori beobachteten Reporter der Nachrichtenagentur AP, wie gepanzerte russische Fahrzeuge zu einer georgischen Militärbasis fuhren. Was sie dort genau taten, war unklar - Reporter berichten von Schüssen, die von den Panzern abgegeben worden seien. Vermutlich, so die Einschätzung, versuchten die Russen, in die Basis der georgischen Armee einzudringen.
In Senaki beobachtete am Mittwochmittag ein weiterer Reporter russische Truppen, die in einer georgischen Basis schwere Waffen und Munition einpackten. Kampfhubschrauber seien zu sehen. Am Nachmittag bestätigte Moskau: Militärisches Material wird aus Georgien abtransportiert.
Die Nachrichtenlage ist zwar unübersichtlich, doch es verdichten sich die Hinweise, dass Russland auf georgischem Gebiet die Schwächung des Militärs organisiert. Damit, so ein westlicher Diplomat, könnte Moskaus Armee "Fakten schaffen", die unumkehrbar sind.