Kaukasus-Konflikt "Saakaschwili ist nicht zu retten"

Micheil Saakaschwili hat Georgien in die Isolation geführt - so lautet der Vorwurf des Politologen Alexander Tschatschijia. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE analysiert er den Kurs seines Landes zwischen den Blöcken - und lobt die Initiative des deutschen Außenministers.


SPIEGEL ONLINE: Sie haben am Anfang, wie auch viele Beobachter im Westen, auf Saakaschwili gesetzt. Was haben Sie sich erhofft?

Saakaschwili: "Weltbester Musterschüler der Vereinigten Staaten"
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Saakaschwili: "Weltbester Musterschüler der Vereinigten Staaten"

Tschatschija: Am Ende der Amtszeit des Präsidenten Eduard Schewardnadse lag der Staat am Boden, das Volk war verarmt. Georgien hatte die Kontrolle über die Provinzen Abchasien und Südossetien verloren. Ich hatte gehofft, dass Saakaschwili Schritte unternimmt, das Land wieder aufzubauen und wieder zu vereinen - und auch normale Beziehungen zur Russischen Föderation zu entwickeln. Mit Russland sind wir durch die Geschichte, Wirtschaft und Millionen menschlicher Kontakte verbunden. Ich habe ihm geraten, das Verhältnis zu Russland zu verbessern. Aber ich habe ihn - wohlwissend, wie abhängig er von den USA war - auch gewarnt: Mischa, versuche nicht, Putin hinters Licht zu führen.

SPIEGEL ONLINE: Hat er das beherzigt?

Tschatschija: Leider nein. Bei seinem ersten Besuch in Moskau hat er bei Putin einen sympathischen Eindruck hinterlassen, er versprach gutnachbarliche Beziehungen und sagte, er wolle nicht in die Nato. Doch schon wenige Wochen später hat er sich bei einem Besuch in London für den baldigen Beitritt zum westlichen Militärbündnis ausgesprochen. Diesen Wortbruch hat ihm Putin nie verziehen.

SPIEGEL ONLINE: Was hat Saakaschwili getrieben?

Tschatschija: Alles, was er unternahm und bis heute unternimmt, war vor allem auf einen PR-Effekt im westlichen Ausland gerichtet. Er wollte um jeden Preis im Westen populär werden. Er sah sich als der weltbeste Musterschüler der Vereinigten Staaten von Amerika. Den möglichen Schaden für das eigene Land hat er nicht gesehen. Er hat es fertiggebracht, in Tiflis Pressekonferenzen nur auf Englisch abzuhalten. Das Echo im Westen war ihm wichtiger als das in der Heimat.

SPIEGEL ONLINE: Es scheint, dass Georgien nach dem Krieg mit Russland die beiden Gebiete Abchasien und Südossetien endgültig verloren hat. Wären die Probleme mit diesen Regionen friedlich zu lösen gewesen?

Tschatschija: Sie wären und sind nur mit friedlichen Mitteln zu lösen, nur auf dem Wege eines direkten Dialoges und von Verhandlungen. Das aber war Saakaschwili offenkundig zu mühselig. Ich habe die georgische Führung buchstäblich angefleht, das Land nicht in einen militärischen Aufmarschplatz zu verwandeln. Ich habe gewarnt, dass jeder Versuch, diese Gebiete militärisch zu unterwerfen dazu führt, dass Russland in den Krieg eintritt, weil es dort Interessen hat und dort seine Staatsbürger leben. Die Führung in Tiflis hat leider nicht verstanden, dass diese Konflikte, wenn überhaupt, dann nur im Rahmen von gutnachbarlichen Beziehungen mit Russland gelöst werden können, keinesfalls gegen die Russen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben in den letzten Jahren mehrfach gewarnt, eine Konfrontation zwischen Georgien und Russland werde zu einer Teilung des Landes in eine russische und eine amerikanische Einflusssphäre führen. Sehen Sie sich jetzt bestätigt?

Tschatschija: Leider ist es so gekommen wie ich befürchtet hatte. Für die USA ist das ein befriedigendes Ergebnis, denn sie brauchen Südossetien und Abchasien nicht. Aber für Georgien ist es eine Tragödie. Die Lage könnte noch gefährlicher werden, wenn die USA auf die Idee kämen, das Territorium Georgiens für Militärschläge gegen Iran zu nutzen. Iran verfügt über Mittelstreckenraketen und würde sich rächen, nicht an den Amerikanern, aber an uns. Das wäre das Ende Georgiens.

SPIEGEL ONLINE: Was wäre Ihre Alternative?

Tschatschija: Eine einseitige politische und militärische Orientierung an den USA widerspricht unseren nationalen Interessen. Besser wäre es für uns als kleines Land, neutral zu sein und mit Russland, den USA und Europa gute Beziehungen zu pflegen, wie es sich für ein kleines Land empfiehlt.

SPIEGEL ONLINE: Saakaschwili nutzt die Solidarität der Bush-Administration, um zu demonstrieren: Georgien ist nicht allein.

Tschatschija: Er täuscht darüber hinweg, dass Georgien in der Region völlig isoliert ist. Mit Russland haben wir die diplomatischen Beziehungen abgebrochen. Mit Armenien im Süden, das mit Russland verbündet ist, haben wir keine guten Beziehungen. Auch Aserbaidschan im Osten schaut skeptisch auf uns. Wir gelten als trauriges Beispiel dafür, wie man Politik nicht betreiben sollte.



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