Kaukasus-Konflikt Tausende fliehen vor Gefechten in Südossetien

Wer kann, bringt sich in Sicherheit: Die russisch-georgischen Kämpfe in Südossetien treiben Tausende in die Flucht. Die Provinzhauptstadt Zchinwali ist zerbombt, zahlreiche Zivilisten starben. Georgien holt 2000 Soldaten aus Afghanistan und dem Irak zurück an die Front - und will das Kriegsrecht ausrufen.


Moskau - Granaten, Raketen und Mörser. Stundenlang lag die südossetische Hauptstadt Zchinwali am Freitag unter Beschuss. In den frühen Morgenstunden hatte die georgische Großinvasion gegen die abtrünnige Republik begonnen, am Nachmittag rückten russischen Truppen vom Norden an. Am Ende des Tages lag die Stadt in Schutt und Asche. Das russische Staatsfernsehen zeigte Bilder des Geschossfeuers. Das Heulen der Sirenen und die donnernden Einschläge ließen die Menschen in ihren Bunkern zusammenschrecken.

Zchinwali war nach Darstellung beider Parteien den Tag über umkämpft: Russische Truppen kontrollierten einen Teil, georgische andere. Militärvertreter sagten, auch russische Kampfjets hätten angegriffen, deshalb habe es viele Verletzte gegeben. Am Abend betonten die Georgier, sie hätten die Hauptstadt wieder unter ihre Kontrolle gebracht - ob dies Fakt ist oder Propaganda, blieb unklar.

Die Kämpfe haben zahlreiche Menschen in die Flucht getrieben. Laut russischen Nachrichtenagenturen kamen am Abend 140 Busse mit Flüchtlingen in Nordossetien an, das zu Russland gehört.

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Augenzeugen berichten von grauenvollen Erlebnissen: "Ich habe Leichen in den Straßen liegen sehen und auch rund um die zerstörten Häuser oder in Autos - überall Tote", sagte etwa die 50-jährige Ljudmila Ostajewa. Sie ist mit ihrer Familie nach Dschawa geflohen, ein kleines Dorf an der Grenze zu Russland.

"Ich habe miterlebt, wie die Georgier mein Dorf unter Beschuss genommen haben", sagte eine Frau, die ihren Namen nur mit Maria angeben wollte. Sie wirkte verstört und wollte kaum reden. Sie und andere Dorfbewohner hätten die Nacht in einem Feld verbracht. Als die Kämpfe bei Tagesanbruch dann weiter eskaliert seien, sei es ihnen gelungen, zur russischen Grenze zu fliehen.

Andere Augenzeugen sprachen von einem Flammenmeer in der südossetischen Hauptstadt. Das wichtigste Krankenhaus wurde ebenfalls getroffen und musste seine Arbeit einstellen, wie das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) bestätigte. Wie viele Tote, Verletzte und Flüchtlinge die Kämpfe bisher gefordert haben - niemand weiß es genau. Laut dem selbsternannten Präsidenten der abtrünnigen Republik, Eduard Kokoiti, wurden 1400 Zivilisten getötet.

Auch auf der anderen Seite gibt es Opfer. Nur 20 Kilometer jenseits der südossetischen Grenze harren Hunderte verzweifelte Angehörige vor dem Militärkrankenhaus der Stadt Gori aus. Sie sind getrieben von quälender Ungewissheit über das Schicksal ihrer Männer, Söhne und Brüder. "Wer braucht so was? Das ist entsetzlich!", ruft eine Frau voller Zorn. "Mein Sohn, der Sohn meiner Schwester und mein Schwiegersohn liegen jetzt alle hier im Krankenhaus", sagt Koba Sechniaschwili. "Wir wissen nicht, wie schwer ihre Verletzungen sind. Sie sollen uns endlich sagen, was los ist." Zehn russische Soldaten sollen offiziellen Angaben zufolge bei den Kämpfen um Zchinwali ums Leben gekommen sein. Über die Zahl der getöteten Georgier gibt es noch keine verlässlichen Angaben. Opfer soll es vor allem bei einem russischen Angriff auf einen georgischen Militärflughafen gegeben haben.

Elitesoldaten aus Afghanistan

Georgien will seine Truppen in Südossetien schnell verstärken und Soldaten aus dem Irak und Afghanistan abziehen. Binnen Tagen sollen 1000 Elitesoldaten aus Afghanistan in die Konfliktregion verlegt werden. Die Truppen sollten beim Kampf gegen Russland helfen, sagte Kacha Lamia vom georgischen Sicherheitsrat am Freitag. Derzeit hat Georgien 2000 Soldaten in Afghanistan. Lamia zufolge sind die USA bereits unterrichtet. Auch aus dem Irak holt Georgien 1000 Soldaten zurück - wiederum die Hälfte des dortigen Kontingents. Präsident Saakaschwili will nach Meldungen aus der Hauptstadt Tiflis in Kürze das Kriegsrecht ausrufen.

Inzwischen läuft die weltweite Diplomatie auf Hochtouren. Die internationale Gemeinschaft forderte Georgien und Russland auf, den Konflikt friedlich beizulegen. Die Nato und die Europäische Union verlangten eine sofortige Einstellung der Kämpfe. In Zusammenarbeit mit den Konfliktparteien arbeite die EU auf einen Waffenstillstand hin, "um eine Ausweitung des Konflikts zu vermeiden", erklärte die französische EU-Ratspräsidentschaft am Freitag in Brüssel. Alle Konfliktparteien sollten "die Feindseligkeiten einstellen" und in Verhandlungen eine "politische Lösung" anstreben.

Die US-Außenministerin Condoleezza Rice appellierte an Russland, die Angriffe auf Georgien zu stoppen. Moskau solle die territoriale Integrität Georgiens respektieren. Rice sagte, man wolle gemeinsam mit den europäischen Partnern vermitteln. Washington hatte zuvor angekündigt, einen Unterhändler in die Region schicken zu wollen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel rief die Konfliktparteien zu größter Besonnenheit und Zurückhaltung auf. Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier unterbrach seinen Urlaub und führte Telefongespräche mit dem georgischen Präsidenten Micheil Saakaschwili und dem russischen Außenminister Sergej Lawrow.

Die EU teilte in Brüssel mit, sie arbeite für eine Waffenruhe zwischen Georgien und den Separatisten. Auch die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) will einen Vertreter in die Krisenregion schicken. Kurz vor den olympischen Feiern in Peking beriet Bush mit dem russischen Ministerpräsidenten Wladimir Putin über den Konflikt. Frankreich bemühte sich in Vermittlungsgesprächen mit beiden Seiten um einen Plan für einen Waffenstillstand, wie das Büro von Außenminister Bernard Kouchner mitteilte.

Referenden ohne Anerkennung

Das von Russland unterstützte Südossetien hat sich 1992 von Georgien abgespalten und ist seither de facto unabhängig. International gilt die Region jedoch als Teil des westlich orientierten Georgiens. Zweimal - 1992 und 2006 - stimmten die südossetischen Einwohner für die Unabhängigkeit von Georgien. International wurden die Referenden jedoch nicht anerkannt.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ist der Südkaukasus zu einem Spielball Russlands und der USA geworden. Beiden Seiten geht es um die Sicherung von Transportwegen etwa für Öl und Gas. Experten sehen auch ein strategisches Interesse der USA, sich Georgien als Stützpunkt für einen möglichen Angriff auf den nur einige hundert Kilometer entfernten Iran zu sichern.

Washington hatte sich wiederholt dafür ausgesprochen, die in Südossetien mit Uno-Duldung stationierten russischen Friedenssoldaten durch EU- oder Nato-Truppen zu ersetzen. Russland warb im Westen am Freitag um Unterstützung für seine militärische Reaktion auf die georgischen Angriffe.

ler/AP/AFP/Reuters/dpa

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