Kaukasus-Krieg Flüchtlingswelle überfordert georgische Behörden

Medikamente, Nahrung und Feldküchen für 100.000 Menschen, die ihre Heimat verloren haben: In Georgien ist die internationale Hilfe angelaufen - doch die Güter finden nicht den Weg zu den Bedürftigen. Auf den Fluren der Behörden herrscht Chaos.

Am Tifliser Flughafen stapeln sich die Hilfsgüter. Am 13. August brachte eine Maschine aus den USA die erste Unterstützung für Georgien. Gesamtwert: 850.000 Dollar. Seitdem sind rund 50 weitere Flugzeuge auf dem Flughafen von Tiflis gelandet, mit Decken und Schlafsäcken aus den USA, aber auch mit Medikamenten aus Griechenland, der Ukraine und anderen europäischen Ländern.

"Die 30 Feldküchen da hinten in der Ecke hat Kroatien geschickt", berichtet Zaali Mikava. Der Leiter des Zwischenlagers schlendert lässig durch die Lagerhalle. Eile hat er nicht. Keine langen Schlangen von Bedürftigen sieht man vor dem Gebäude. Nur zwei kleinere LKW mit den blauen Planen der Vereinten Nationen warten auf Ladung, um sie in Flüchtlingslager und Notunterkünfte zu transportieren.

Die Mühlen der Bürokratie

Seit zwei Tagen harren sie bereits vergeblich aus, seit zwei Tagen hoffen Wachtang Elbakidse, 28, seine Frau Eka und sein fünf Jahre alter Sohn Badri auf Hilfe. Resigniert haben sie sich ein Stück entfernt von der Schlange vor dem Ministerium für Flüchtlinge und Umsiedlung hingesetzt. Hier spenden die Mauern wenigstens Schatten. "Wir sind hergekommen, um eine Bleibe zu finden. Wir haben kein Geld, um Essen zu kaufen", erzählt Wachtang.

Einhundert Meter weiter drängen sich Flüchtlinge aus der Region um die Stadt Gori in einen gelben Bus - der Wagen wird sie in eines der eilig eingerichteten Auffanglager bringen. Um für sich, seine Frau und sein Kind einen Platz bei einem Transport zu ergattern, braucht Familienvater Wachtang eine Registrierung durch die Behörde. Doch immer wieder wird er auf später vertröstet.

Er berichtet, dass er aus einem Dorf in der Nähe von Zchinwali fliehen musste, vor Russen und Osseten. Jetzt ist er in die Mühlen der völlig überforderten Ministeriumsbürokratie geraten, wie Hunderte andere Hilfesuchende. Wer es doch bis auf die Gänge des Ministeriums schafft, der muss auf jedem Stockwerk aufs neue erklären, was sein Begehr ist und zu wem er möchte. Frauen mit kleinen Kindern irren von Raum zu Raum. Georgische Männer brüllen die Wachmänner an.

100.000 Vertriebene müssen versorgt werden

"Wenn ich das hier überlebe", sagt Pressesprecherin Maja Rasmadse im sechsten Stock des Gebäudes, "bringt mich nichts mehr um."

Die georgische Behörde droht überrollt zu werden von der Zahl der Flüchtlinge. Binnen weniger Tage sind Zehntausende Menschen in Georgien entwurzelt worden. Wie viele genau, das weiß im Moment niemand. "Wir haben immer noch zu vielen Gegenden keinen Zugang, wir wissen nicht genau, wie viele Menschen auf der Flucht sind," berichtet Benjamin Parks, Vize-Chef der Georgien-Mission des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen (Unicef). Die Zahl der bekannten Flüchtlinge wachse jeden Tag.

Den Planungen der Unicef liegt eine Schätzung von 100.000 Vertriebenen zu Grunde, die gleiche Zahl nennt auch die georgische Regierung. "Unser Hauptaugenmerk muss jetzt darauf gerichtet sein, den Nachschub an Nahrungsmitteln nach Georgien zu sichern", betont Parks.

Pressesprecherin Rasmadse schreit auf georgisch in zwei Telefone gleichzeitig: Irgendwo in dem Wirrwarr menschlicher Schicksale auf den fünf Stockwerken unter ihrem Büro ist der stellvertretende Minister Besik Tserediani verschollen. "Ich kann nicht mehr", seufzt dieser, als er einige Minuten später doch noch den Weg in den sechsten Stock findet. Die Situation sei sehr schwierig, aber man versuche alles, um den Menschen mit Unterkunft, Lebensmitteln und Geld zu helfen.

Ob die georgischen Behörden mit der Aufgabe fertig werden? "Natürlich", versichert Tserediani. Und schüttelt dabei doch unwillkürlich und müde seinen Kopf.