Kaukasus-Krise Bushs Parteifreunde fordern harten Anti-Russland-Kurs

Ohnmachtsgefühle einer Supermacht: Die USA haben keine Antwort auf den Kaukasus-Krieg gefunden - anders als die EU schickten sie nicht mal hochrangige Vermittler ins Krisengebiet. Parteifreunde von Präsident Bush verlangen ein härteres Auftreten gegenüber Russland.

Von , Washington


So ein entspanntes Wochenende hat Präsident George W. Bush schon lange nicht mehr verbracht. Erst schäkerte der prominenteste Olympia-Tourist mit leicht bekleideten Beachvolleyball-Spielerinnen. Dann schwenkte er eifrig die US-Flagge, als Schwimmstar Mark Phelps zu weiterem Gold kraulte. Und schließlich sah Bush noch zu, wie die US-Basketballer das hochgelobte chinesische Team deklassierten. "One, two, three, USA, go!", jubelte der US-Oberbefehlshaber mit den Spielern.

Zu Hause nach Washington war der Präsident dann weit weniger ausgelassen - direkt nach dem Rückflug aus Peking trat Bush mit müden Augen vor das Weiße Haus und rang sich ein paar scharfe Worte zum russischen Verhalten im Georgien-Konflikt ab. "Russland hat einen souveränen Nachbarstaat angegriffen und bedroht eine demokratisch gewählte Regierung. Ein solches Verhalten ist unakzeptabel im 21. Jahrhundert", sagte er. Doch konkrete Worte zu möglichen US-Reaktionen blieb er nach wie vor schuldig.

Also hagelte es auch gleich nach der Ansprache neue Kritik an Bushs Strategie. Es sei ein schwerer Fehler gewesen, nicht direkt nach Ausbruch des Konflikts ins Weiße Haus zurückzukehren, moserte der prominente Kommentator Charles Krauthammer auf dem konservativen Kanal "Fox News". "CNN" machte sich einen Spaß daraus, jeden Fortschritt der russischen Offensive in Georgien mit Aufnahmen von Bushs lockerem Olympia-Reigen in China zu kontrastieren.

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Prominente Demokraten wie Richard Holbrooke kritisieren, im Gegensatz zu europäischen Partnern wie Frankreich habe die Bush-Regierung sich nur halbherzig diplomatisch engagiert. Von republikanischer Seite kam die Frage auf, ob Washington mehr Solidarität mit den Georgiern hätte zeigen müssen. Immerhin hatte Bush die Demokratisierungsbewegung dort begeistert unterstützt und das Land stets als besonders engen Verbündeten bezeichnet - was die georgische Regierung unter anderem mit beträchtlichem Truppenengagement im Irak dankte. "Wir sind es Georgien schuldig, sie bei der Verteidigung ihrer Souveränität zu unterstützen", mahnte der konservative Publizist William Kristol in der "New York Times" - und verglich die aktuelle Krise gar mit der sowjetischen Besatzung Georgiens in den zwanziger Jahren.

Begrenztes Repertoire symbolischer Gesten

Die Bush-Regierung versuchte zwar, diese Vorwürfe gleich im Keim zu ersticken - etwa mit Verweisen auf zwei "ernste" Gespräche des Präsidenten mit Russlands starkem Mann Wladimir Putin am Rande der Olympischen Spiele. Außenministerin Condoleezza Rice, so hieß es, habe gar über 90 hochrangige Unterredungen zur Krise geführt. Und Vizepräsident Dick Cheney hatte mit eine erheblichen Abkühlung der Beziehung zwischen USA und Russland gedroht.

Wie die richtige Antwort auf Russlands Kurs aussehen sollte, bliebt fraglich. Zwar war für Dienstag ein Nato-Sondertreffen angesetzt, auch ein Ausschluss Russlands aus dem G8-Kreis wurde offen diskutiert. Doch weitere Optionen standen den Amerikanern bei näherer Betrachtung eigentlich nicht offen - abgesehen von eher symbolischen Maßnahmen wie der bereits beschlossenen raschen Heimbringung der rund 2000 georgischen Soldaten aus dem Irak.

Tagelang bemühen sich die Amerikaner um eine Verurteilung der russischen Reaktion im Uno-Sicherheitsrat - aber dort kann Russland jede Resolution mit einem Veto blockieren. Auch wirtschaftliche Sanktionen schienen wenig erfolgversprechend, denn sie hätten den USA angesichts der russischen Energiereserven schaden können. Zwar begannen die Amerikaner schon unter der Clinton-Regierung, sich durch den Bau der BTC-Pipeline - der zweitgrößten in der Welt - weniger abhängig vom russischen Erdöl zu machen. Doch die Pipeline verläuft unweit der aktuellen Kriegsfelder in Georgien, und war damit möglichen russischen Attacken ausgesetzt. Am Wochenende hatten georgische Quellen von Luftangriffen in der Nähe der Ölleitung berichtet

Ein militärisches Eingreifen der Amerikaner wiederum kam nie wirklich in Frage. Auch, weil die Amerikaner russische Hilfe bei anderen globalen Herausforderungen brauchen - Moskau kann etwa mäßigend auf Teheran einwirken, wenn es um dessen Nuklearprogramm oder Irans Rolle im Irak geht. Fareed Zakaria, Herausgeber von "Newsweek International", empfahl im aktuellen Außenpolitik-Besteller "The Post-American World" pragmatische Prioritätensetzung im Umgang mit Russland. Wenn die USA russische Hilfe etwa in der Iran-Frage brauchten, so Zakaria, müssten sie Moskau eben bei anderen Themen entgegenkommen - etwa Georgien.

Dennoch war die amerikanische Lähmung peinlich für die einzige Supermacht - die ihre Beziehungen mit Russland bis vor ein paar Jahren noch als Erfolgsgeschichte dargestellt hatte. Noch vor kurzem habe Condoleezza Rice die amerikanischen Bande mit Russland als so eng wie nie zuvor gerühmt, höhnte Außenpolitik-Altmeister Zbigniew Brzezinski auf der Website "Huffington Post". Die russische Invasion habe die "acht Jahre lange Selbsttäuschung des Weißen Hauses über Putin und sein Regime" verdeutlicht.

Vielen wurde klar, wie sehr Washington Russland immer wieder frustriert hatte: durch die von Washington forcierte Anerkennung des Kosovo in diesem Jahr und die Verhandlungen über einen baldigen Nato-Beitritt Georgiens. Die Untätigkeit der USA hat auch die Frage aufgeworfen, was der von Bush so gepriesene Nato-Schutzschild oder amerikanische Bündniszusagen für Länder wie Georgien noch wert sind. "Bushs Impotenz angesichts einer so gravierenden Krise unterstreicht nicht nur seinen persönlichen Ansehensverlust, sondern auch wie sehr er die amerikanische Autorität auf der Weltbühne verringert hat - vor allem in den Augen Russlands", schrieb Dan Froomkin in der "Washington Post".

Andere Stimmen gaben der Sorge Ausdruck, Russland bereite sich darauf vor, die Übergangsphase in Washington durch weitere Provokationen auszunutzen. Die Bewerber um Bushs Nachfolge widmten sich dem Thema entsprechend oft. Der republikanische Kandidat John McCain tut sich schon länger mit scharfer Kritik an Russland hervor - und verurteilte Moskaus Georgien-Attacken umgehend scharf. Dass sein demokratischer Rivale Barack Obama zunächst versöhnlichere Töne anschlug, wertete McCain umgehend als Beleg für dessen außenpolitische Naivität. Die Attacken zeigten Wirkung. Am Montag legte auch Obama aus dem Urlaub in Hawaii nach: Man müsse überdenken, so Obama, ob Russland noch in die Welthandelsorganisation WTO aufgenommen werden könne.

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