Kenia-Krawalle 200 Schilling für jeden toten Gegner

Minister, Abgeordnete, Kirchenleute - sie sollen die schweren Unruhen in Kenia angezettelt haben: Sechs Monate nach den Krawallen, bei denen 1200 Menschen umkamen, hat eine Kommission die Namen mutmaßlicher Anstifter veröffentlicht. Der Report schildert grausame Details.

Hamburg - "Schamlose Lügen" und "unglaubwürdig", schäumte Landwirtschaftsminister William Ruto von der ODM, der Partei von Premierminister Reila Odinga, nach der Lektüre des Papiers und drohte der Nationalen Kommission für Menschenrechte Konsequenzen an.

Tourismusminister Najib Balala (ebenfalls ODM) sprach von einer "Fälschung" und forderte die Kommission auf, alle Namen zu veröffentlichen.

Vizepremier Uhuru Kenyatta von Präsident Mwai Kibakis Partei der Nationalen Einheit gab an, den Bericht noch nicht gelesen zu haben.

Das Papier, das für so viel Aufregung sorgte, ist der Bericht der Nationalen Kommission für Menschenrechte in Kenia. Monatelang hat sie den Ursachen und Anstiftern der Krawalle Anfang des Jahres hinterherrecherchiert. Bekannt ist der Bericht bereits seit einigen Wochen - lediglich die Namen, die der 159-Seiten-Report in einem eigenen Anhang nennt, blieben bislang verborgen.

Nun sickerten auch die Namen der fünf Minister, fünf Religionsführer, 13 Parlamentsabgeordneten und drei Radiostationen durch, die eine aktive Rolle gespielt haben sollen. Die Betroffenen reagierten mit den erwartbaren Dementis.

1200 Tote, 350.000 Flüchtlinge

Die Unruhen unmittelbar nach den Wahlen im vergangenen Dezember, bei denen vor allem Kikuyu auf der einen, und Luo, Luhya und Kalenjin auf der anderen Seite aufeinander losgegangen waren, hatten etwa 1200 Menschen das Leben gekostet, rund 350.000 Menschen waren vertrieben worden. Zigtausende von Menschen wurden zudem verletzt, Tausende Frauen vergewaltigt. Wochenlang hatte der vormalige Uno-Generalsekretär Kofi Annan vermittelt, ehe sich Präsident Kibaki und Odingas ODM auf eine Große Koalition verständigten.

Insgesamt listet der Bericht 209 Personen auf, die mutmaßlich als Täter aufgetreten sind.

  • Landwirtschaftsminister Ruto zum Beispiel soll bereits bei einem Treffen im August des vergangenen Jahres mit Abgeordneten seiner Partei beschlossen haben, Kikuyu und Abagusii aus dem fruchtbaren Rift Valley zu vertreiben.
  • Auch die Hochschulministerin Sally Kosgei (ODM) wird beschuldigt, im Rift Valley Gewalt "geplant, entfacht und finanziert" zu haben.
  • Balala (ebenfalls ODM) soll in der Küstenregion Jugendliche mit 500 Schillingen (umgerechnet fünf Euro) am Tag zu Gewalttaten ermuntert haben.
  • Einer der Minister soll Jugendliche animiert haben, Schnellstraßen zu blockieren und die Krawallmacher auch in seiner Residenz beherbergt haben.

Prämie für jeden toten Gegner

An vielen Stellen geht der Report ins grausame Detail:

  • Im westkenianischen Nakuru sollen lokale Kikuyu-Anführer Geld gesammelt haben, um Rache an Luos, Luyas und Kalenjin zu nehmen. Wer sich weigerte, wurde enthauptet. Jugendliche wurden mit 100 bis 200 Schilling aufgestachelt, und für jeden getöteten Luo habe es eine Extraprämie gegeben.
  • In Naivasha soll die frühere Abgeordnete Jane Kihara eine "Schlüsselrolle" bei den Übergriffen auf Luo gespielt haben. Sie soll Macheten besorgt und Geld an die berüchtigte Mungiki-Sekte gegeben haben, um Luo zu jagen.
  • In Narok soll William Ole Ntimama (ODM), Minister für das nationale Erbe Kenias, Kikuyus und Kisii während des Wahlkampfs mit Vertreibung gedroht haben. Ntimama und lokale Kalenjin-Größen sollen ebenfalls mit Geld zu Attacken auf Kikuyu animiert haben.
  • Auch Präsident Kibaki soll mittelbar eine Rolle bei den Unruhen gespielt haben. Seine inoffizielle zweite Ehefrau, Mary Wambui, so heißt es in dem Report, soll Geld und Waffen aus Äthiopien organisiert haben.

Der Bericht beschreibt noch einmal detailliert die Vorgänge rund um den Brand der Kirche in Eldoret, bei dem rund 30 Frauen und Kinder, überwiegend Kikuyu, ums Leben kamen oder die gewaltsame Beschneidung von Luo-Männern durch Kikuyu, bei der die Opfer verbluteten.

Die Menschenrechtskommission will ihre Ergebnisse der Waki-Kommission übermitteln, einer von zwei großen Untersuchungskommissionen, die den Hintergrund der Unruhen noch einmal ausleuchten sollen. Die Waki-Kommission wird unter anderem von der Uno finanziert.

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