Augenzeugen des Kennedy-Attentats Der Tag, an dem Amerika seine Unschuld verlor

22. November 1963, 12.30 Uhr, Dallas: Das Attentat auf John F. Kennedy schockierte die Welt. Buell Frazier fuhr Lee Harvey Oswald an diesem Tag zur Arbeit. TV-Reporter Bob Huffaker berichtete live. Krankenschwester Phyllis Hall fühlte den Puls des Präsidenten, bis er tot war. Der Tag prägte ihr Leben.

AP

Aus Dallas berichtet


Vorhangstangen, sagt der Arbeitskollege Lee Harvey Oswald damals erklärend. Vorhangstangen für die neue Wohnung. Buell Frazier schielt auf die Rückbank seines Wagens: eine braune Papiertüte liegt da, länglich, vielleicht 80 Zentimeter. Na dann. Frazier fährt los, die meiste Zeit schweigen sie, das Radio läuft. Eine gute Viertelstunde dauert es bis zum Schulbuchdepot in Dallas, wo beide angestellt sind. Noch nieselt es, am Mittag wird die Sonne scheinen. Frazier parkt, der Kollege klemmt seine Papiertüte unter den rechten Arm, verschwindet.

Das nächste Mal wird Frazier in den Nachrichten von dem 24-Jährigen hören. Es ist der 22. November 1963. Der Tag, der Amerika verändert. Den Menschen, die damals dabei waren, hat er sich für immer ins Gedächtnis gebrannt. So wie Buell Frazier, der den mutmaßlichen Attentäter Lee Harvey Oswald zur Arbeit gefahren hat; mitsamt Mannlicher-Carcano-Gewehr auf dem Rücksitz, verpackt in eine braune Tüte.

Was wäre, wenn?

Um 12.30 Uhr wird US-Präsident John Fitzgerald Kennedy von zwei 6,5-Millimeter-Patronen aus Oswalds Gewehr getroffen. Die erste durchschlägt seinen Hals, die zweite trifft ihn in den Kopf. Buell Frazier treibt das noch 50 Jahre später die Tränen in die Augen. Das war der Moment, sagt er, in dem Amerika die Gnade Gottes verspielt habe. "Wie sähe die Welt heute aus, wenn das nicht geschehen wäre?" Frazier meint: Die Welt wäre eine bessere.

Das Kennedy-Attentat, sagt der bekannte TV-Journalist Jim Lehrer, "war der erste Dominostein". Auch Lehrer war damals dabei, als Reporter des "Dallas Times Herald". Im November 1963 habe Amerika seine Unschuld verloren, seitdem folge Tragödie auf Tragödie: Die Attentate auf Martin Luther King und Bobby Kennedy, Vietnam, Watergate, 9/11, Irak, all die Amokläufe.

Was wäre wenn? Diese Frage schleppen sie alle mit sich herum. Der 22. November lässt sie nicht mehr los.

Der Journalist Lehrer hat am Morgen jenes Tages auf die Ankunft der Air Force One in Dallas gewartet. Als das Wetter aufklart, fragt er den zuständigen Secret-Service-Agenten, ob die Kennedy-Limousine mit Verdeck fahren werde. Daraufhin schaut der Sicherheitsmann nach oben - und gibt Anweisung das Verdeck abzunehmen.

Was wäre, wenn? Das hat sich Lehrer sein Leben lang gefragt. Gerade hat er einen Roman veröffentlicht, der die Frage mit dem Verdeck beantworten soll: Hätte es Kennedy gerettet? Thriller-Meister Stephen King schickt derweil in "Das Attentat" seine Hauptfigur auf Zeitreise ins Jahr 1963, um Oswald von den Schüssen abzuhalten und damit letztlich den Vietnam-Krieg zu verhindern.

All diese Dominotheorien sind nicht zu belegen, Phantasie statt Fakt. Kennedy ist eben unsterblich, weil er ermordet wurde. Sein Tod markiert für viele Amerikaner den Übergang vom selbstbewussten, hoffnungsvollen Amerika zum irrenden, zweifelnden, angstgetriebenen Amerika. Es ist ein Gefühl. Wenn sich die US-Bürger heute überhaupt noch auf Vorbilder einigen können, dann sind es Lincoln und Kennedy. Ausgerechnet jene beiden, die Attentaten zum Opfer fielen.

"Dann war das Märchen vorbei"

Carol Hutchinson war 15 Jahre alt, als es passierte. Jetzt macht sie die Bustour zum Ort des Attentats: Das Schulbuchdepot mit der roten Backsteinfassade; Oswalds Haus; die Straßenecke, an der er den Polizisten Tippit tötete; die Polizeigarage, in der Oswald vom Nachtclubbesitzer Jack Ruby erschossen wurde. Vorbei an all den Verschwörungstheoretikern, die ihre selbstgemachten DVDs unters Touristenvolk bringen wollen. Und während der Busfahrer vorne mit den Armen fuchtelt - "Ihr befindet euch jetzt im November 1963!" - und Tonaufnahmen der Schüsse auf den Präsidenten über die Stereoanlage einspielt, sagt Hutchinson: "Das war eine Märchenpräsidentschaft. Und danach war das Märchen vorbei, Amerikas Unschuld verloren." Wieder dieser Satz.

Im Kennedy-Museum im Schulbuchdepot hat sie sich mit Nachdrucken der Zeitungen von damals eingedeckt, eine ganze Tüte voll. Hutchinson arbeitet in einem Altersheim für Alzheimer-Patienten. "Die erinnern sich nicht daran, was sie gefrühstückt haben - aber an das Kennedy-Attentat erinnern sie sich." Es hat sich eingebrannt. Sie hat sogar ein pinkfarbenes Kostüm besorgt, welches jenem ähnelt, das Jackie Kennedy damals trug. Die Alten werden es wiedererkennen. Und vielleicht weinen wie Bob Huffaker.

Als Oswald erschossen wurde, stand Huffaker direkt daneben. Er war der CBS-Fernsehreporter, die Bilder sind noch heute verstörend. "Lee Harvey Oswald ist getroffen worden!", sagt Bob Huffaker damals außer Atem ins Mikrofon. Erst Kennedy tot, dann der mutmaßliche Täter tot und er, der Journalist, immer dabei. "Das Ausmaß dieser Tragödie...", sagt Huffaker heute, bricht ab, schüttelt den Kopf. Nach dem Tod Kennedys ist in ihm etwas kaputtgegangen. Den Journalistenjob gab Huffaker auf, lehrte Englisch an der Uni. Dass er ganz nah dran war, das hat er seinen Studenten nie erzählt. Niemals.

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Kennedy-Attentat: Orte der Tragödie
Im Parkland Memorial Hospital von Dallas haben sie aus der Notaufnahme von damals einen Röntgen-Warteraum gemacht. Hier starb Kennedy. Phyllis Hall war als Krankenschwester dabei, sie fühlte den Puls des Präsidenten. Und fand ihn nicht. Sie hat das nie vergessen können, es ist der Bezugspunkt ihres Lebens. All das Blut, Kennedys Hirnmasse, die Witwe Jackie. "Es ist ziemlich beängstigend", sagt Hall, "dass ich aus nächster Nähe all die Leute erlebt habe, die in diese Tragödie verwickelt waren." All diese Leute. Ein paar Wochen vorher behandelte sie Oswalds hochschwangere Frau Marina, dann Kennedy, und einige Zeit später brachte die Polizei Oswald-Mörder Ruby wegen einer Verletzung vorbei.

Sie denke oft darüber nach, sagt sie. Dann zieht sie eine Art Autogrammkarte mit ihrem Porträtfoto aus den Sechzigern hervor. Auf der Rückseite steht unter dem Titel "Die Krankenschwester" ein Kurzabriss ihres Lebens. Doch der Text endet mit dem 22. November 1963: "... die Türen wurden aufgestoßen und der tödlich verwundete Präsident Kennedy hereingeschoben. Der Rest ist Geschichte."

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