Kernenergie Briten setzen auf Wind, Wasser - und Atom

In Deutschland streitet man über den Ausstieg aus der Kernenergie. In Großbritannien setzt man dagegen auf eine neue Generation von Atommeilern - die meisten Briten haben nichts dagegen.

Von Sebastian Borger, London


London - Die britische Regierung hat in den letzten Jahren ihre Haltung zur Atomenergie radikal geändert. Noch 2003 verwarf das Weißbuch zur künftigen Energieversorgung den Strom aus der Kernspaltung als zu teuer. Doch im Wahlkampf 2005 begann ein Umdenkungsprozess, der im vergangenen Sommer in eine Neubewertung mündete. Neben größeren Anstrengungen zugunsten erneuerbarer Energien wie Wind und Wasser und "einem Quantensprung” bei Energiesparprogrammen, so Premierminister Tony Blair, zählt das zuständige Industrieministerium nun auch eine neue Generation von Atommeilern zum Energie-Mix der Zukunft.

Atomanlage Sellafield: Teil eines Energiemixes
Getty Images

Atomanlage Sellafield: Teil eines Energiemixes

Neuerdings genießt der Premier auf Abruf für diese Politik auch die Zustimmung der Öffentlichkeit. Während sich vor einiger Zeit Gegner und Befürworter neuer Atommeiler noch ungefähr die Waage hielten, wollten zuletzt bereits 63 Prozent der Befragten "Atomstrom als Teil eines Energiemix” nicht missen. Dazu bedarf es neuer Kraftwerke. Derzeit erzeugen die 19 überwiegend veralteten Atomreaktoren etwa 20 Prozent des britischen Strombedarfs; nach bisheriger Planung würde 2023 nur ein einziger Meiler übrig bleiben.

Trotz zahlreicher Lippenbekenntnisse hat die Labour-Regierung die Stromerzeugung aus sauberen Quellen nie kraftvoll gefördert; derzeit liegt der Anteil von Sonne, Wasser und Windkraft bei gerade einmal vier Prozent. Die Regierung hat sich ein Ziel von 10 Prozent bis 2010 gesetzt, zehn Jahre später sollen sogar 20 Prozent des Strombedarfs aus erneuerbaren Quellen stammen. Da Gezeitenkraftwerke in den Kinderschuhen stecken und Solarzellen zu wenig verbreitet sind, müsste die immense Steigerung vor allem aus der Windkraft kommen. Doch auch in Großbritannien stoßen die gigantischen Windräder zunehmend auf Widerstand. Die ehrgeizigen Vorhaben werden sich kaum einhalten lassen.

Unterdessen gerät die Insel in immer größere Abhängigkeit von politisch unsicheren Gas-Lieferanten wie Russland und Algerien. Durch die Öl- und Gas-Vorkommen unter der Nordsee gehörte Großbritannien bis 2004 zu den Netto-Exporteuren; angesichts schwindender Reserven wird das Land Regierungsberechnungen zufolge in zwanzig Jahren sein Erdgas zu 90 Prozent aus dem Ausland beziehen.

Kosten stets höher als angenommen

Kritiker der Blair’schen Nuklear-Begeisterung verweisen auf die mangelnde Begeisterung der Privatwirtschaft für neue Atommeiler. Sie wäre unerlässlich, weil die Regierung Subventionen für den Bau von AKWs ausgeschlossen hat. Privatinvestoren aber halten sich einstweilen bedeckt. Ungerührt wirbt der wissenschaftliche Chefberater der Regierung nicht zuletzt mit ökonomischen Argumenten für neue AKWs. Zwar seien viele Menschen besorgt wegen der Kosten neuer Atomkraftwerke, sagt Chemie-Professor David King, "aber wenn wir eine Steuer von etwa 15 Euro pro Tonne Kohlendioxid-Ausstoß einführen würden, wäre die Nuklearoption plötzlich auch wirtschaftlich attraktiv.”

Die Berechnung des Professors ist so interessant wie unwiderlegbar – über die Kostenfrage neuer Reaktoren lässt sich allenfalls halbseriös spekulieren. Die bisherigen Atom-Anlagen bieten immerhin den Anhaltspunkt, dass die Kosten bisher stets höher ausfielen als zunächst angenommen. Im vergangenen Jahr musste die halbstaatliche Aufsichtsbehörde NDA ihre Kostenprognose für die Beseitigung aller derzeit betriebenen Atom-Anlagen um umgerechnet 23 Milliarden Euro auf 104 Milliarden Euro korrigieren. Das war Wasser auf die Mühlen der Lobby-Gruppe Friends of the Earth: Den immensen Rückbau-Kosten weitere Ausgaben für neue Reaktoren hinzuzufügen "wäre finanziell Wahnsinn und würde Investitionen aufsaugen, die besser Energie-Sparmaßnahmen und erneuerbaren Energiequellen zugute kämen”.

Unklarheit über 30 Kilo Plutonium

Die Wiederaufarbeitungsanlage im nordenglischen Sellafield, in der grosse Teile des britischen (und deutschen) Atommülls zwischengelagert sind, sorgt ebenfalls nicht gerade für Zutrauen in die Atomwirtschaft. Im Februar 2005 hatte das Management des Betreibers British Nuclear Group (BNG) zugeben müssen, dass in den Büchern 30 Kilo mehr Plutonium - genug für etliche Atombomben - verzeichnet seien als in der Anlage vorhanden. Schuld daran seien keineswegs Nuklearterroristen, sondern die Tatsache, dass es "zwischen der physischen Inventur und den Büchern immer Unstimmigkeiten” gebe.

Am vergangenen Mittwoch erhielt die Thorp genannte Anlage zur Wiederaufbereitung hoch radioaktiven Materials in Sellafield wieder eine Betriebsgenehmigung durch die Behörden – knapp zwei Jahre nach einem schweren Zwischenfall, für den BNG zu einer Geldstrafe von umgerechnet 750.000 Euro verurteilt wurde. Es war der schwerste von 57 Störfällen in britischen Atomreaktoren seit 1997. Allerdings hätten "nur die wenigsten” eine ernste Gefahr dargestellt, sagt ein Sprecher des Industrieministeriums.



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.