Kerry-Fieber in Kalifornien Mission erfüllt

John Kerry streift sein Image als steifer Pedant ab. Unverkrampft, doch kämpferisch begeisterte der Bewerber der Demokraten für die Präsidentschaftswahl in Oakland, Kalifornien, die Massen. Kurz vor dem Super-Dienstag versuchte Kerry mit scharfer Anti-Bush-Polemik weiter Boden gut zu machen.

Von Alexander Schwabe, Oakland, Kalifornien


Kandidat der Demokraten Kerry: Freie Rede ohne jeden Versprecher
REUTERS

Kandidat der Demokraten Kerry: Freie Rede ohne jeden Versprecher

Den Einheizer hätten sich die Veranstalter sparen können. Als Chuck Mack ans Mikrofon tritt, genügen genau zwei Worte, um die Menge in Rage zu bringen: "George Bush". Hausherr Mack ist Vizepräsident der Teamsters, eine der einflussreicheren Gewerkschaften in Amerika, und nichts könnte die Stimmung seiner kampfbereiten Kollegen besser veranschaulichen als sein glühend roter Kopf.

Die Demokraten haben acht Monate vor der Präsidentschaftswahl Blut geleckt. Jüngsten Umfragen zufolge liegen sie erstmals vor dem republikanischen Amtsinhaber. Wegen des Nominierungswettkampfs sind sie derzeit auf allen amerikanischen Kanälen präsenter als ihre konservativen Gegner. Das beflügelt. Zu Tausenden strömen sie daher an diesem Abend zur Wahlkampfshow ihres aussichtsreichsten Kandidaten in die Gewerkschaftshalle in Oakland bei San Francisco, kurz vor den Vorwahlen in Kalifornien.

"George Bush", schmettert Chuck Mack ins Mikrofon, "George W. Bush sitzt im Weißen Haus und schmiedet Verschwörungstheorien gegen fremde Nationen und gegen sein eigenes Volk." "Doch", so der Gewerkschaftsboss unter dem Ohren betäubenden Pfeifkonzert und den Buh-Rufen der organisierten Lkw-Fahrer, Auslieferer und Feuerwehrmänner, "wir kommen!" Statt wütendem Gebrüll füllt euphorischer Jubel nun die Halle - der Lärmpegel bleibt der gleiche. "Wir kommen, denn wir haben den nächsten Präsidenten der Vereinigten Staaten."

John Kerry ist noch gar nicht in der Halle. Er war für sieben Uhr angekündigt. Allein: Zu diesem Zeitpunkt stehen die meisten seiner Fans noch draußen in der Kälte Schlange wegen des schleppenden Sicherheitschecks am Eingang der Halle - während drinnen der hyperventilierende Mack fortfährt, diejenigen aufzupeitschen, die gar nicht angespitzt werden müssen.

Es dauert eine weitere Stunde bis das Haus voll ist. Und wie bestellt finden sich gegen acht Uhr "very important people" ein, die Schwergewichte der kalifornischen Demokraten: Finanzminister Phil Angelides ist vorne zu sehen, der jüngst von Gouverneur Arnold Schwarzenegger geschlagene Cruz Bustamante, Sozialminister John Garamendi, der die Öffentlichkeit trotz fürchterlicher Veilchen an beiden Augen nicht scheut, die frühere Buergermeisterin von San Francisco und heutige Senatorin Dianne Feinstein und der frühere Gouverneur von Kalifornien und heutige Bürgermeister von Oakland, der populäre Jerry Brown.

Auch Keith Barros hat es mittlerweile in die Halle geschafft. Der 53-jährige UPS-Zusteller kann es gar nicht fassen, dass so viele Menschen gekommen sind. "Es ist unglaublich", sagt er und zückt aufgeregt alle paar Minuten sein Handy, um den Seinen in der Ferne mitzuteilen, was sich in der Halle abspielt. Abgespielt werden gerade die Tom-Petty-Songs "American Girl" und "Breakdown".

Es ist viertel nach Acht. Hinter den großen Glasscheiben auf der Eingangseite der Halle ist das erste Blitzlichtgewitter zu sehen: Kerry ante portas. Keith Barros, der Pakete-Zusteller, nestelt an seiner Kleinbildkamera herum, damit er vom möglichen künftigen Präsidenten ein Foto mit nach Hause nehmen kann. Sein "Teamster for Kerry"-Plakat hält er vorsorglich schon mal hoch.

Doch zunächst einmal sind die örtlichen Notablen an der Reihe. Der demokratische Finanzminister im schwarzen Schwarzenegger-Kabinett, Angelides, geht ans Mikro. Er feiert den Mann, der bisher fast alle Wahlen der Nominierungsprozedur überlegen gewonnen hat, als einen "großen Patrioten". "Kerry wird George Bush aus dem Weißen Haus jagen und uns unser Land zurückgeben", ruft Angelides - und Barros schreit aus vollem Leib: "Yeah!"

Dann kommt der Superstar. Sportlich lässig hüpft Kerry ein Treppchen herunter. Er strahlt übers ganze Gesicht. Locker nimmt der schlanke, hoch gewachsene Mann die Stufen zum Podest, wo die bisherigen Redner noch stehen. Sie recken gemeinsam die Arme siegesbewusst in die Höhe.

So will das Parteivolk sie sehen. Es skandiert "Ker-ry, Ker-ry", die VIPs machen die Bühne frei, der Kandidat zieht sich das Jackett aus und nimmt das Mikro in die Hand: "Wir sind heute hier nach Oakland gekommen, um das Ende von Bushs Präsidentschaft einzuläuten." Jubel. "Wir sollten nicht Feuerwehrhäuser in Bagdad eröffnen, während wir sie in Amerika schließen", ruft er den Feuerwehrgewerkschaftlern zu. Reflexartig reißen die ihre "Firefighters for Kerry"-Plakate hoch.

"George Bush dachte, er könne ein bisschen Kostümschau auf einem Flugzeugträger spielen", sagt Kerry auf Bushs berühmte "Mission erfüllt"-Inszenierung an Deck der "USS Abraham Lincoln" Bezug nehmend. Bush habe gedacht, man würde nicht bemerken, dass Menschen im Irak sterben, dass jede Minute zwei Menschen in den USA ihren Job verlieren, dass Fabrikarbeiter links liegen gelassen werden. "Die einzige Person in den Vereinigten Staaten von Amerika, die verdient, links liegen gelassen zu werden, ist George W. Bush", sagte Kerry und fügt hinzu: "Und genau dafür werden wir sorgen."

Der Saal kocht. Die Hallen hohen Glasfenster an der Eingangswand beschlagen, so dass die rund 1300 Fans draußen in der Kälte Kerry zwar noch hören, aber nicht mehr sehen können. Nach Sätzen wie "Junge Amerikaner in Uniformen sollen nie mehr für unsere Ölinteressen im Nahen Osten herhalten müssen" oder "Wir werden ein Gesundheitssystem für alle schaffen" oder "Wir werden die Steuervergünstigungen für die Wohlhabenden rückgängig machen" ist Kerry auch in der Halle nicht mehr zu sehen: Das hell auf begeisterte Publikum nimmt sich mit Fähnchen und Plakaten jede Sicht.

Nach 45 Minuten verlässt Kerry die Plattform, auf der er hin und her wandernd völlig frei und ohne jeden Versprecher eine kurzweilige Rede gehalten hat, das Publikum jederzeit im Griff. Auf Sichthöhe mit seinen Zuhörern nähert er sich der Absperrung, schüttelt Hände, verteilt Autogramme, zeigt sich bestens gelaunt und nimmt sich Zeit, bis auch Paketmann Keith Barros eine Signatur bekommen hat: Mission erfüllt in Oakland.



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