Kerrys Kandidatenkür Gut gebrüllt - und nun?

Mit einer scharfen, ernsten, kraftvollen Rede hat John Kerry seinem Gegner George W. Bush zum Ende des Parteitags von Boston den Kampf angesagt und seine Demokraten für den Wahlkampf scharf gemacht. An politischen Details ließ es der frisch gebackene Kandidat aber mangeln.

Aus Boston berichtet


Kerry: Die Rede seines Lebens
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Kerry: Die Rede seines Lebens

Boston - Am Ende, nach vier Tagen politischer Zuckerwatte, PR-Geschwafel und Pseudo-Pathos, geschieht das Unfassbare: John Kerry schwitzt. Tropfen sammeln sich auf seiner Stirn, vereinen sich zu Gerinnseln, graben sich durchs Wangen-Rouge hinunter zum Hemdkragen, bis sein ganzes Gesicht eine glänzende, klebrige Masse ist. Seine gemeißelte Fönfrisur löst sich auf, eine Strähne senkt sich in die Stirn wie ein schwerer Zweig im Regen. Selbst die Fingerspitze, mit der er sich vergeblich die Nase trocken tupft, ist nass.

John Forbes Kerry redet sich in Rage.

Und das ist unglaublich, selbst für die, die ihn kennen. Seit Kerry seinen langen Marsch aufs Weiße Haus begann, ist er immer der Unterkühlte gewesen, in jeder Hinsicht. Bei den Vorwahlen, in den überheizten Festsälen Iowas, da warfen seine Mitarbeiter ächzend die Cordsakkos ab; Kerry behielt seines an, staubtrocken bis zum Schluss. In Florida quälte sich sein Tross bei 30 Grad durch die Bingo-Stuben; die Contenance des Kandidaten blieb makellos.

Doch hier in Boston hat das alles ein Ende. Kerry zeigt Schweiß. Kerry zeigt Biss. Kerry macht Ernst. Zunächst verhalten, dann immer animierter und von sich selbst ganz mitgerissen, findet der Mann, den sie so lange als Wahlkampf-Wattebausch verhöhnt haben, seinen Tritt. Und beginnt zu kämpfen - mit großen Worten, donnernden Anklagen und hehren Versprechen, vor allem an die Seinen.

Die "Rede seines Lebens"

Er feuert sie an und wühlt sie auf und treibt ihnen die Tränen in die Augen mit seinen scharfen Attacken gegen George W. Bush, den er zugleich jedoch nur einmal beim Namen nennt. "Es besteht Hoffnung, die Sonne geht auf, unsere besten Tage liegen vor uns!", ruft er den fast 20.000 Parteigenossen zu, die ihn im Fleet Center als ihren neuen Präsidentschaftskandidaten umjubeln.

John Kerry hält, wie alle Kommentatoren übereinstimmend befinden, die "Rede seines Lebens". Er weiß: "Dies ist die wichtigste Wahl unserer Lebzeiten." Vier Tage haben die Delegierten des Demokraten-Konvents in Boston darauf hingefiebert. Die Rede, die ihren Mann und ihren Wahlkampf "definieren" würde. Die sie, mit einem Schlag, befreien würde aus dem Jammertal der Opposition.

Dabei sieht es am Anfang so aus, als werde er das verpatzen, wie so oft zuvor. Kerrys erster Satz, improvisiert und nicht von den Ghostwritern gegengezeichnet, geht voll daneben: "Ich heiße John Kerry, und ich melde mich zum Dienst", sagt er und salutiert - albern-plumpe Anspielung auf seinen Kriegsdienst in Vietnam, den die Partei hier zur einzigen Qualifikation fürs höchste Staatsamt verherrlicht hat. Das ist so dick aufgetragen wie seine Schminke, und auf dem Foto dazu, das AP sofort um die Welt beamt, sieht Kerry aus wie der gequälte Komparse einer Operette.

Ein Leben fürs Oval Office

Er verliert den Faden, wiederholt Worte, verhaspelt sich auch bei den plattesten Wahlparolen, die sie alle längst auswendig kennen. Hilflos flüchtet er sich in einstudierte Buffo-Gestik. Klemmt der Teleprompter?

Doch dann fängt er sich. Ein prägnanter Moment hier, wo es doch so viel inszeniertes Drama gegeben hat. Ein Moment, in dem sich seine ganze Karriere bündelt: Kerry stolpert - und steht auf, frischer als zuvor. "Ich bin beim zweiten Anlauf besser", hat er einmal gesagt.

Und dann legt er los. Als Allererstes tut er das, worum ihn seine Berater so lange schon anflehen: Er stellt sich den Amerikanern vor. Denn nach 20 Jahren im US-Senat, eineinhalb Jahren im Wahlkampf und TV-Spots für 80 Millionen Dollar haben trotzdem noch die Hälfte Amerikaner eine schlechte oder gar keine Meinung ihm. Er sei, so ein Teilnehmer einer demoskopischen Fokusgruppe, "ein Nachbar, dem man zuwinkt, aber nie kennen lernt".

Also erzählt Kerry erst mal von sich selbst. Beziehungsweise davon, dass jeder Moment seines nicht besonders unbequemen Lebens (von der Zeit an der Front mal abgesehen) offenbar nur einem Ziel gedient hat: dem Einzug ins Oval Office. Seine Geburt in einem Armeehospital, in einem Trakt, der genau so hieß wie die Kommandozentrale der Welt: "West Wing". Seine Eltern, die ihm "die Werte von Familie, Glauben und Heimat zeigten". Seine Jugendzeit im geteilten Berlin, wo er "den Stolz unserer Freiheit" zu schätzen lernte.

Unvermeidlicher Vietnam-Aufmarsch

Dann der einfache Schwur, der seine Mission bündelt: "Wir können's besser machen!" Besser als Bush, den er meisterhaft indirekt auseinander nimmt. "Ich werde die Vertrauens- und Glaubwürdigkeit des Weißen Hauses wiederherstellen", ruft er. "Ich werde ein Oberkommandierender sein, der uns nie in einen Krieg irreführt." Die Delegierten brechen in rituelles Toben aus und winken mit ihren Abertausenden "Kerry"-Schildern - auf Funk-Kommando des "Schilderwarts" Charlie Baker, der hinter der Bühne an seinem Monitor sitzt und jeden Begeisterungsausbruch souffliert.

Kerry (r.) und sein Vize Edwards: "Ich werde diesen Krieg mit den Lehren führen, die ich aus dem Krieg gezogen habe."
AP

Kerry (r.) und sein Vize Edwards: "Ich werde diesen Krieg mit den Lehren führen, die ich aus dem Krieg gezogen habe."

Den Großteil seiner Rede verwendet Kerry auf Themen, in denen Bush die Nase vorn hat: Krieg, Terror, Innere Sicherheit. Der Schwarzweiß-Politik Bushs setzt er seinen Intellekt entgegen. Versucht, Image-Schwäche zu seinen Gunsten zu wenden: "Manche Fragen sind eben nicht ganz so einfach." Präsentiert sich als erfahrener Krieger, der wisse, was es heiße, durch fremdes Terrain zu irren. "Ich werde diesen Krieg mit den Lehren führen, die ich aus dem Krieg gezogen habe."

Und immer wieder Vietnam: "Ich habe dieses Land als junger Mann verteidigt - und ich werde es als Präsident verteidigen."

Vietnam. Das ist sie also, die Essenz seiner Kandidatur. Es war das einzige Thema des Parteitags, ist unübersehbar in den Kolonnaden des Fleet Centers, die mit Fotos aus Kerrys Kriegszeit dekoriert sind. Es war auch der Dreh- und Angelpunkt des biografischen Filmchens, der der Rede vorangestellt wurde - eine neun Minuten lange Ode an Kerry, von denen sich drei Minuten mit seinen Vietnam-Verdiensten beschäftigten, doch keine einzige Sekunde mit seiner Zeit im Senat. Dem folgte der unvermeidliche Aufmarsch der Vietnam-Kameraden und des dreifach amputierten Veteranen-Senators Max Cleland, der seine Kriegsversehrtheit in Kerrys Dienste stellt: "Er ist ein authentischer amerikanischer Held."

Ein Fest der politischen Korrektheit

Wer dagegen an diesem Abend der großen Worte auf spezifische politische Initiativen hoffte, auf Details zu Kerrys Wirtschafts- und Sozialprogramm, für den hat der Kandidat eine einzige Antwort: "Geh' zu johnkerry.com."

Kerry und Frau Teresa: Schunkeln im Konfettiregen
DPA

Kerry und Frau Teresa: Schunkeln im Konfettiregen

"Ker-ry! Ker-ry!", skandieren sie am Ende hysterisch. Schön war das eben, und so gar nicht langweilig, wie es einige erst befürchtet hatten. Beglückt halten sie sich bei den Händen und schunkeln im Konfettiregen.

Denn eins ist sicher: Geschlossener denn je gehen sie aus diesem Konvent hervor. Dies war ein Fest der political correctness, eine sanitäre, kritikfreie Politzone. Der Parteitag, sagt der Abgeordnete John Dingell artig, "war der vereinigte, den ich je erlebt habe", und er mache das schon seit 1956. "Sehr einheitlich", lobt auch sein Kollege Jeff Bingaham.

Schnelles Geld in die Kasse

Kontroverse Themen wurden ausgeblendet. Kerrys Zickzack um den Irak, das vor allem Howard Dean in den Vorwahlen so scharf angegriffen hatte - keiner redete mehr davon, weder Kerry noch Dean. Einziger Hinweis auf weiter gärende Zweifel in der Partei waren die 37 wackeren Delegierten aus Colorado, Hawaii, Maine und North Carolina, die bei der Nominierung gegen Kerry stimmten und für den Antikriegs-Kandidaten Dennis Kucinich.

Die Einheit werden sie brauchen. Kerry stehen schwere Wochen bevor. Bush wirft sich, nach freiwilliger Wahlkampfpause, heute wieder voll ins Gefecht. Mit enormem Vorteil: Der Parteitag beendet Kerrys Recht, unbegrenzte Spenden zu sammeln; für Bush fällt die Klappe erst nach seinem Parteitag Ende August in New York. Kenner haben das in einen Vorsprung von bis zu 40 Millionen Dollar umgerechnet.

Und so diente Boston noch einem anderen, wichtigen Zweck: schnelles Geld in die Kasse zu bringen. "Bush ist im Vorteil", schrieb Kerrys Wahlkampfchefin Mary Beth Cahill in einer eiligen E-Mail an alle Anhänger. Und versprach jedem, der bis zuletzt noch etwas spende, "zwei Stoßstangen-Aufkleber - gratis".



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