Kidnapping im Irak Der Schmerz einer Mutter, die Kälte der Politik

Die bitteren Tränen der 86-jährigen Lil Bigley wühlen jeden Zuschauer auf. Sie spricht, stockt, weint, fleht Premierminister Blair an, sich auf einen Deal mit den Terroristen einzulassen, die ihren Sohn als Geisel genommen haben. Der Staatsmann - selbst vierfacher Vater - hat keine Wahl. Er muss hart bleiben. Doch immer mehr Briten fragen: Warum dieser Krieg?

Von Matthias Matussek, London


Tony Blair: Staatsräson vor Menschlichkeit
REUTERS

Tony Blair: Staatsräson vor Menschlichkeit

Es kann keine aufwühlenderen, keine ungelegeneren Schlagzeilen geben an diesem Morgen für Englands Premierminister Tony Blair. "Eine Mutter bittet um Barmherzigkeit", heißt es im "Guardian", und der "Daily Mirror" zeigt einen Krankenwagen, in dem dieselbe Frau ins Hospital gebracht wird. Schreiende Überschrift: "Der Kummer ist zu groß."

Hier steht Tony Blair, Staatsmann, treuester Alliierter des US-Präsidenten George W. Bush. Er bereitet sich auf den Parteitag seiner Labour Party nächste Woche in Brighton vor.

Und dort die 86-jährige Lil Bigley, die Mutter der britischen Irak-Geisel Ken Bigley, die gestern Abend in einem letzten Appell versucht hat, den Premier zu einem politischen Deal zu erweichen, von dem jeder weiß, dass er nicht möglich ist.

Denn das ist die Spielregel in politischen Kidnapping-Fällen: Nicht nachgeben. Das Einzelschicksal auf der einen Seite, die Kälte der Politik auf der anderen. Nur: Wer, fragt sich das bewegte Publikum, hat uns in diesen Schlamassel gebracht, wenn nicht die Politik?

Keine humanitäre Ausnahme

Die Terrorgruppe um Abu Mussab al-Sarkawi, die in den vergangenen Tagen bereits zwei amerikanische Geiseln enthauptete, verlangt für den Ingenieur aus Liverpool die Freilassung einiger hochrangiger Saddam-loyaler Giftexperten aus irakischer Haft. Ein Entgegenkommen, eine humanitäre Ausnahme, so viel ist allen klar, würde nur Nachfolgetaten bedeuten.

Doch: Hieß es nicht schon längst, der Krieg sei gewonnen? Warum dann diese entsetzlichen Bilder? Warum ist Bagdad dieser Tage unsicherer, als es je war? Was haben wir dort unten überhaupt zu suchen? Diese brennenden Fragen werden in der britischen Öffentlichkeit jetzt immer häufiger, immer lauter gestellt.

Die Kriegsgründe, jene angeblichen Massenvernichtungswaffen, das ist bekannt, waren erlogen. Eine Entschuldigung dafür hat man von offizieller Seite bisher nicht gehört. Gründe wurden nachgeschoben: Man wolle mit der Besatzung des Iraks den internationalen Terror bekämpfen.

Tatsächlich trat der englische Premier vor wenigen Tagen vor die Mikrofone und verlangte internationale Solidarität: "Wir befinden uns im Krieg ... in einem zweiten Krieg."

Immerhin: Der Irak schien unter Sadddams Mörderregime zumindest frei von internationalen Terrorgruppen. Heute ist er das, was Afghanistan einst war. Ein Sammelbecken sämtlicher fundamentalistischer Killergruppen dieser Welt, die Superparty des arabischen Terrors, die Ausbildungsstätte, der Sandkasten islamischer Killer: Jeder darf mal ran.

Ken Bigley: In der Hand brutaler Geiselnehmer
AP

Ken Bigley: In der Hand brutaler Geiselnehmer

Und deshalb, so die Kommentatoren in den Zeitungen, so die geschockte Öffentlichkeit, sitzt der 62-jährige Ingenieur dort, mit verbundenen Augen, den Gewehrlauf an der Schläfe, in irgendeinem der Kellerlöcher einer zerbombten Stadt.

Blairs teure Besessenheit

Deshalb zünden Freunde und Verwandte Bigleys in einer Liverpooler Kirche Kerzen an und halten Nachtwache. Und deshalb ist Blairs politisches Kapital so weit weggeschrumpft. Blairs "Besessenheit" mit dem Irak, so rechnet ihm die "Daily Mail" heute vor, wird ihn drei Millionen Stimmen kosten.

"Es ist unsere Präsenz dort unten", so der ehemalige Verteidigungsminister Robin Cook vor wenigen Tagen im Fernsehen, "die den Terror anheizt." Er empfiehlt den baldigen Rückzug nach den Wahlen im kommenden Januar. Und er ist nicht der Einzige: Eine überwältigende Zweidrittel- Mehrheit auf der Insel möchte das gleiche.

Ken Bigley, die Geisel selber, hatte sich mit bewegenden Worten an Tony Blair gewandt. Über das Internet wurden die Bilder des um sein Leben flehenden Mannes verbreitet. Bigley benutzte dabei jenes politisch-humane Überwort, das früher jede zweite Blair-Rede schmückte: Compassion. Mitleid.

"Sie sind der Einzige, an den ich mich nun wenden kann", sagte Bigley. "Zeigen Sie 'compassion'." Und Blair? Er musste schmallippig von Staatsräson reden. Nicht gut das alles, wenn wir schon von Politik reden, vor einem Parteitag, der mit Blairs Bewerbung für eine dritte Amtszeit schließen soll.

Seine innerparteilichen Gegner hatte der Premier in den letzten Tagen ausmanövriert. Und nun erinnert das an den Nerven zerrende Drama um den Ingenieur aus Liverpool wieder täglich daran, dass Tony Blair eine desaströse Fehlentscheidung für sein Land getroffen hat, als er Vasallentreue gegenüber Bushs Falken schwor und gegen alle Warnungen auch in den eigenen Reihen in ein kriegerisches Abenteuer marschierte, das mittlerweile mit einem zweiten Vietnam verglichen wird.

Elizabeth Bigley: Die 86-jährige Mutter des entführten Briten bittet Premierminister Blair weinend um Hilfe
REUTERS

Elizabeth Bigley: Die 86-jährige Mutter des entführten Briten bittet Premierminister Blair weinend um Hilfe

Und für wen marschierten die Briten an der Seite der Amerikaner in den Krieg? Für die Selbstbestimmung des unter Saddam geknechteten Volkes? Für Demokratie und Freiheit? Das geknechtete Volk, so viel ist sicher, wird derzeit bombardiert. Das traut sich nicht aus den Häusern. Das hat immer noch, anderthalb Jahre nach Verkündung des Sieges über den Tyrannen, keine frei gewählte Regierung.

Zwei Bilder reiben sich daher an diesem Morgen ins Bewusstsein der Inselbewohner. Zwei Bilder, die der "Independent" nebeneinander gestellt hat auf seiner Titelseite. Auf dem einen ist der irakische US-Statthalter Ijad Allawi zu sehen, grinsend, bei einem Cocktailempfang in Washington. Auf dem Bild daneben Lil Bigley mit rot verweinten Augenlidern, die Mutter des gekidnappten Ingenieurs.

Zwei Welten. Zwei Wahrheiten.



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