Kidnapping in Afghanistan 40.000 Dollar für deutsche Geisel

Diesmal ging es sehr schnell: Nach einer Woche Geiselhaft ist ein in Afghanistan verschleppter Deutscher frei, laut afghanischen Quellen zahlte seine Firma einen fünfstelligen Betrag. Die Gefahr für Deutsche bleibt, das Geschäft mit der Ware Mensch boomt.

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Berlin - Außenminister Frank-Walter Steinmeier war erleichtert, als er am Donnerstagnachmittag vor die Presse trat. Der Minister hatte gute Nachrichten: Ein 46-jähriger deutscher Ingenieur aus Nordrhein-Westfalen, der eine Woche zuvor im Südwesten Afghanistans entführt worden war, wurde Stunden zuvor befreit und war bereits auf dem Weg zur deutschen Botschaft nach Kabul. Folglich war der Minister mehr als froh, "dass diese Entführung so ein schnelles Ende und vor allen Dingen einen so glücklichen Ausgang gefunden hat". Ein wenig grinste Steinmeier sogar dabei.

Außenminister Steinmeier: Erleichtert angesichts der Geisel-Freilassung
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Außenminister Steinmeier: Erleichtert angesichts der Geisel-Freilassung

Der Minister dankte allen Beteiligten, die an dem Ende des relativ kurzen Geisel-Dramas mitgearbeitet hatten. Konkret nannte er die afghanischen Behörden und die Geheimdienste, die Schutztruppe Isaf und insbesondere die britischen Einsatztruppen der Isaf.

Alle gemeinsam hatten intensiv an der Lösung der Krise gefeilt, die den Diplomaten in Berlin und Kabul seit vergangenen Freitag viele Sorgen bereitet hatte: Erstmals seit dem Sturz der Taliban hatten Kidnapper in Afghanistan einen deutschen Ingenieur in den Händen.

Entführer waren keine Taliban

Dass es bei dieser Geiselnahme so schnell und glimpflich abging, lag vor allem an den Kidnappern. Aus Sicht der Diplomaten handelte es sich bei ihnen nicht um Mitglieder der gefürchteten radikal-islamistischen Taliban, die in den vergangenen Monaten mehrmals Ausländer entführt hatte. "Vermutlich waren es Drogenhändler oder Kriminelle", so ein Beamter.

Schnell gewannen die Vermittler den Eindruck, man könne den Fall durch Verhandlungen lösen. Auch deshalb blieb zunächst alles geheim, um in Ruhe verhandeln zu können. Erst als Journalisten immer wieder nachfragten, bestätigte das Amt den heiklen Fall - lieber hätte man erst die Freilassung erreicht.

Was genau heute morgen in der Provinz Deralam im Südwesten Afghanistans geschah, bleibt vermutlich ein Geheimnis der Beteiligten. Der Polizeichef der Provinz, Abdul Rahman Farjang, sagte SPIEGEL ONLINE nach der Freilassung, die Dorfältesten hätten den Kidnappern 40.000 Dollar für die deutsche Geisel und seinen ebenfalls entführten Dolmetscher übergeben. Diese Summe hatten die Geiselnehmer zuvor als Forderung genannt.

Farjang schilderte auch die Umstände der Freilassung: So hätten die Dorfältesten den ganzen Morgen lang per Telefon mit den Entführern verhandelt. "Gegen ein Uhr mittags dann brachten sie die Geisel und den Dolmetscher zur lokalen Polizeistation", so der Polizeichef. Das Geld für die Freilassung habe die Firma des Deutschen bezahlt, der seit längerem in der Provinz Farah arbeitet. "Die Dorfbewohner fühlten sich verpflichtet, dem Fremden zu helfen", sagte Farjang.

Schulden bei lokalen Arbeitern und Firmen

In Afghanistan selber wurde am Abend viel über den Hintergrund der Entführung spekuliert. Farjang sagte, der Deutsche habe in der Region viele Schulden bei lokalen Arbeitern und Firmen. "Wir wissen es nicht genau, doch vielleicht hat sich jemand auf kriminelle Weise sein Geld beschafft", so der Polizeichef.

Nach der Freilassung dauerte es nur kurz, bis das Innenministerium in Kabul den Erfolg mitteilte, wobei die Behörde von einer Aktion der afghanischen Polizei sprach. Kurz darauf holten vier britische Hubschrauber der Isaf den Deutschen ab und brachten ihn nach Kabul, wo er vom deutschen Botschafter empfangen wurde.

Über die Details der Freilassung schwieg sich die Bundesregierung, wie schon bei anderen Fällen, komplett aus. Doch selbst, wenn Vermittler kleinere Geldsummen oder Sachleistungen für die Geiseln an die Geiselnehmer aushändigten, wäre das aus Sicht der Diplomaten nicht so problematisch wie bei Kidnappings der Taliban. So gibt es international eine wichtige Unterscheidung bei Geiselnahmen: Sind sie politisch motiviert, gestaltet sich jegliches Nachgeben schwierig. Stecken Kriminelle hinter der Tat, kann man verhandeln - auch wenn es unangenehm ist.

Die Lage für Deutsche und alle Ausländer am Hindukusch bleibt trotz des glücklichen Ausgangs mehr als gefährlich. Seitdem in zwei Fällen, der Entführung eines italienischen Journalisten und von französischen Entwicklungshelfern, erhebliche Zugeständnisse gemacht wurden, gelten Ausländer in Afghanistan als lukrative Ware - sowohl für die Taliban als auch für die marodierenden Milizen und Drogen-Armeen, die weite Teile des Lands unter Kontrolle haben. Dauerhaft müssen die Botschaften westlicher Länder mit weiteren Entführungen rechnen.

Lukrative Geschäfte in Afghanistan

So gefährlich die Lage in Afghanistan auch sein mag, so lukrative Geschäfte gibt es in dem Land zu machen. Allein die deutschen Exporte betrugen im vergangenen Jahr rund 202 Millionen Euro. Einige Geschäftsbereiche, wie der Export von Kraftfahrzeugen, lässt sich ohne westliches Personal auf dem Boden abwickeln. Kommt es aber zu Aufträgen wie für Telekommunikations-Technik, müssen deutsche Ingenieure an den Hindukusch reisen. Einige von ihnen haben dabei risikoreiche Überlandfahrten in Kauf zu nehmen. Jeder von ihnen gilt als potentielles Opfer einer möglichen Entführung.

Schutz suchen die meisten Unternehmen bei professionellen Sicherheitsunternehmen, die für viel Geld gepanzerte Autos und angeblich gute Kontakte zu lokalen Milizen verkaufen. Absolute Sicherheit aber gibt es in Afghanistan schon lange nicht mehr. Im Auswärtigen Amt jedenfalls warnen die Diplomaten immer wieder vor Reisen in das krisengeschüttelte Land. Am Ende bleibt dort nur die Hoffnung, dass man in Zukunft Glück hat und nicht schon bald wieder einen Krisenstab bilden muss.

Noch immer tagt der Stab regelmäßig in dem Fall der beiden Deutschen, die seit Monaten im Irak in der Hand von Entführern sind, die politische Forderungen stellten und zu denen es seit langer Zeit keinen Kontakt gibt. In ihrem Fall, das gestehen auch Diplomaten mittlerweile ein, stehen die Chancen nicht so gut wie in der aktuellen Geiselnahme.



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