Posse um Bürgermeister Kiew ohne Badehose

Kiew hat derzeit keinen Bürgermeister - Leonid Tschernowetski wurde entmachtet. Doch die Parteien sperren sich gegen Neuwahlen. So bleibt der skurrile Millionär, der gern spärlich bekleidet seine Muskeln zur Schau stellt, im Amt. Aber: Lebt er überhaupt noch in der Stadt?
Brust raus: Leonid Tschernowetski posiert im März 2009 vor Journalisten in Badehose

Brust raus: Leonid Tschernowetski posiert im März 2009 vor Journalisten in Badehose

Foto: AP

Kiews letzter gewählter Bürgermeister Leonid Tschernowetski war sich nie zu schade, den Bürgern unter vollem Körpereinsatz seine physische Gesundheit nachzuweisen. Mal empfing er Journalisten in sportlich knapper Badehose zur Pressekonferenz. Mal wuchtete er sich mit entblößtem Oberkörper vor laufenden Kameras an einer Reckstange empor. Dennoch konnte Tschernowetski Spekulationen über seine psychische Konstitution jedoch nie gänzlich ausräumen.

"Kosmos" nennen sie Tschernowetski in seiner Heimat - eine Portion Spott für den inbrünstigen Wunsch des 60-Jährigen, eines Tages gemeinsam mit seinem Kater an einer Weltraummission teilnehmen zu können.

Sechs Jahre lang regierte Tschernowetski, der mit einem geschätzten Vermögen von umgerechnet rund 700 Millionen Dollar zu den reichsten Männern der Ukraine gehört, mit eigenwilligem Stil. Mal schlug er vor, Bittstellern 100.000 Dollar für eine Audienz im Bürgermeisteramt zu berechnen. Oder bot an, seine Küsse meistbietend zu versteigern, um das Stadtsäckel zu füllen. Anfang Juni dann, einen Tag vor dem Ablauf seiner Amtszeit, erklärte Tschernowetski seinen Rücktritt. Und dennoch könnte "Ljonja aus dem Kosmos" den 2,8 Millionen Einwohnern der ukrainischen Hauptstadt noch ungewisse Zeit erhalten bleiben - als Interimsbürgermeister, weil die Regierung unter Präsident Wiktor Janukowitsch keinerlei Anstalten macht, fällige Neuwahlen anzusetzen.

Hintergrund ist ein vertracktes Patt zwischen Opposition und der regierenden Partei der Regionen in der Hauptstadt, die am 1. Juli das Finale der Europameisterschaft ausrichten wird. Und der stille Putsch, mit dem Janukowitsch Tschernowetski schon 2010 de facto entmachtet hatte.

Tschernowetski galt einst als Gefolgsmann Juschtschenkos. Als sich dessen Scheitern 2009/2010 abzeichnete, suchte Tschernowetski eine Annäherung an das Janukowitsch-Lager. Im Wahlkampf gegen die in Kiew populäre Rivalin Julija Timoschenko unterstützte der Stab des Bürgermeisters unter der Hand Janukowitsch. Tschernowetskis Leute, erinnert sich jemand, der damals im Stab dabei war, ließen Lebensmittelpakete an bedürftige Rentner verteilen, nebst Wahlempfehlung für Janukowitsch.

Tschernowetski wurde von Janukowitsch zum Statisten degradiert

Doch die Rechnung ging nicht auf. Janukowitschs Partei der Regionen aus den Schwerindustriegebieten im Osten hat einen schweren Stand im weltoffenen Kiew. Um die Hauptstadt ganz unter Kontrolle zu bringen, setzte Janukowitsch Tschernowetski Ende 2010 einen Vertrauten vor die Nase. Der neue Verwaltungschef Alexander Popow, ein spröder ehemaliger Oberstleutnant aus den Reihen des Geheimdienstes SBU, degradierte den Exzentriker Tschernowetski zum Statisten. In einer Talkshow verkündete Popow selbstbewusst die Aufteilung der Kompetenzen: "Ich kümmere mich um die ausführende Macht und Haushaltsführung und er - um die Politik." In der Folge beschränkten sich Tschernowetskis Aufgaben aufs Repräsentieren. Er sei "wie die Queen von England", spottete Janukowitschs Premierminister Nikolai Asarow.

Das neue Konstrukt trieb bizarre Blüten. Während Popow, den niemand gewählt hatte außer Präsident Janukowitsch, die Geschicke der Millionenmetropole bestimmte, galt der etatmäßige Stadtchef Tschernowetski monatelang als verschollen. Anfang 2011 machte ihn ein ukrainisches TV-Team in Israel ausfindig. Im Interview beteuerte der geschasste Bürgermeister, er erfülle weiter treu seine Pflichten. Ukrainische Medien berichteten von Kurieren, die ihm per Flugzeug mit Dokumenten zur Unterzeichnung hinterherjetteten.

"Es gab einen Mann, der vor vier Jahren gewählt wurde und der angeblich noch existieren soll", gab im Herbst der Leiter der EU-Mission in Kiew, José Manuel Pinto Teixeira, sein Unbehagen angesichts der Lage zu Protokoll. Und bezweifelte, dass es eine zweite "europäische Hauptstadt ohne Bürgermeister gibt".

Durchsichtiges Manöver

Es sind nicht allzu viele Tränen, die Kiews Einwohner dem exaltierten Oligarchen nachweinen. Neun Milliarden Dollar sollen während Tschernowetskis Amtszeit versickert sein, konstatierte Kiews neuer starker Mann Popow Ende März. Anders als Janukowitschs Rivalin Julija Timoschenko aber musste sich Tschernowetski nie vor Gericht verantworten. Beobachter in Kiew glauben, der Bürgermeister habe kampflos kapituliert und einen Deal mit den neuen Machthabern geschlossen. Vor seinem Rücktritt wurde Tschernowetski in Georgien vermutet, der sonnigen Heimat seiner Frau.

Trotz der Demission des Bürgermeisters werden EM-Touristen in Kiew vergeblich nach Wahlplakaten und Transparenten Ausschau halten. Erst nach der EM soll Mitte Juli über den Rücktritt beraten werden. Ob und wann gewählt wird, könnte auch dann noch in den Sternen stehen. Das Janukowitsch-Lager weiß um die miserablen Umfragewerte und scheut eine Niederlage bei den Wahlen in der Hauptstadt. Zupass kommen könnte der Führung dabei eine juristische Finte, die für die Ansetzung von Neuwahlen bei einem vorzeitigen Rückzug vom Bürgermeisteramt keine klare Frist setzt. Tschernowetski hatte seinen Rücktritt passenderweise einen Tag vor seinem offiziellen Ausscheiden erklärt.

Die Proteste der Opposition angesichts des durchsichtigen Manövers blieben allerdings halbherzig. Auch Julija Timoschenkos Partei "Vaterland" hat derzeit wenig Interesse an Neuwahlen, bei denen Box-Weltmeister Vitali Klitschko siegen könnte, dessen Partei Udar (Schlag) eine Allianz mit dem Timoschenko-Lager abgelehnt hatte. Unterdessen scheint auch Klitschkos Neigung überschaubar, für einen Bürgermeisterposten ohne große Einflussmöglichkeiten zu kandidieren.

Parlamentspräsident Wladimir Litwin hat vorgeschlagen, die eigentlich schon im vergangenen Mai fälligen Wahlen erst 2015 abzuhalten. Es sieht ganz so aus, als könnte Kiew, die siebtgrößte Stadt Europas, noch lange ohne ein gewähltes Oberhaupt bleiben.