Beschimpfungen statt Diplomatie Die Pöbler von Kiew

Die Ukraine agiert im Konflikt mit Russland kaum mehr diplomatisch: Demonstranten demolieren Moskaus Botschaft in Kiew, der Außenminister beschimpft Kreml-Chef Putin unflätig.
Außenminister Deschtschytsja mit Demonstranten in Kiew: "Ich unterstütze die Proteste"

Außenminister Deschtschytsja mit Demonstranten in Kiew: "Ich unterstütze die Proteste"

Foto: YURIY KIRNICHNY/ AFP

Andrij Deschtschytsja hat eine bemerkenswerte Karriere hinter sich, der Ukrainer mit dem für Ausländer unaussprechlichen Namen war Botschafter in Finnland, Polen und Vertreter bei der OSZE, im Zuge der Maidan-Revolution gelangte er auf den Chefsessel des Kiewer Außenministeriums. Seit dem Wochenende gilt Deschtschytsja in seiner Heimat zudem als eine Art Nationalheld, allerdings hat er diese Stellung nicht durch feinfühlige Diplomatie errungen, sondern durch das Gegenteil.

Filmaufnahmen zeigen den Außenminister am Samstag in Kiew mit Demonstranten, die vor die russische Botschaft gezogen waren, manche von ihnen vermummt. Sie kippten Fahrzeuge um, sie warfen mit Eiern, Scheiben gingen zu Bruch. Die russische Flagge wurde von ihrem Mast gerissen und dort die ukrainische gehisst.

Außenminister Deschtschytsja eilte zur Botschaft, um eine Erstürmung des Gebäudes zu verhindern. "Ich unterstütze die Proteste", sagte der Außenminister. Er sei bereit, mit den Demonstranten "hier zu stehen und zu fordern: Russland raus aus der Ukraine". Eine Frau spricht ihn an, fragt, ob Putin nicht ein "Chuilo" sei, ein obszönes Schimpfwort, das sich am ehesten mit "Schwanzgesicht" übersetzen lässt. "Jaja", antwortete der oberste Diplomat der Ukraine, "Putin ist ein Chuilo."

Wenig feinfühlig

Wie so oft in der Ukraine-Krise ist die Abfolge der Geschehnisse wichtig: Der Angriff auf die Botschaft erfolgte, nachdem prorussische Separatisten in der Ostukraine ein Transportflugzeug der ukrainischen Armee abgeschossen hatten. Alle 49 Passagiere kamen dabei ums Leben, die meisten waren Mitglieder einer Spezialeinheit.

Moskaus unrühmliche Rolle im Konflikt in der Ostukraine kann den Zorn der Demonstranten vor der Botschaft erklären, aber nicht die Entgleisungen von Kiews Außenminister und auch nicht die Untätigkeit der Polizei. Die Sicherheitskräfte waren nach dem Wiener Übereinkommen verpflichtet, die Vertretung zu schützen. Das Verhalten von Regierung und Behörden wenige Stunden vor der entscheidenden Runde in den Gasverhandlungen mit Moskau offenbart kaum diplomatisches Geschick. Diese scheiterten dann auch wenig später mit einem für die Ukraine ungünstigen Ergebnis.

Am nötigen Feingefühl hatte es Kiew schon bei einem Besuch von Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier im Mai vermissen lassen. Steinmeier hätte gern einen Kranz vor dem Gewerkschaftshaus in der Schwarzmeerstadt niedergelegt. Dort waren nach Ausschreitungen am 2. Mai Dutzende Gegner der Maidan-Revolution bei lebendigem Leibe verbrannt. Die Behörden sagten die Kranzniederlegung jedoch ab - wegen Sicherheitsbedenken. Die Angehörigen der Toten waren vor den Kopf gestoßen.

Die Spaltung des Landes wird vertieft

Auch Regierungschef Arsenij Jazenjuk trat schon mit Ausfällen in Erscheinung, die die Spaltung des Landes noch vertiefen können. Am Sonntag veröffentlichte die ukrainische Botschaft in den USA auf Englisch ein Statement des Premiers zum Tod der Flugzeuginsassen beim Abschuss in Luhansk. Er pries sie als Helden, die ihr Leben verloren hätten bei der Verteidigung des Landes, ihre Gegner schmähte er dagegen als "subhumans" - "Untermenschen". Gemeint waren sowohl Russen als auch Ukrainer aus dem Osten, die gegen die Regierung in Kiew kämpfen.

Inzwischen hat die Botschaft die Meldung überarbeitet. Dort steht jetzt "inhumans" - "Unmenschen", aber auch diese Wortwahl ist kaum geeignet, die Aussöhnung des zerrütteten Landes möglich zu machen.

Kiews Verhalten macht eine Lösung des Konflikts nicht leichter. Dabei hatten die Zeichen nach der Wahl Petro Poroschenkos zum Präsidenten Ende Mai auf Entspannung gestanden. Zur Amtseinführung war sogar Moskaus Botschafter Michail Surabow gekommen. Poroschenko hatte am Rande der D-Day-Feiern in der Normandie mit Putin gesprochen.

Am Montag kündigte der ukrainische Präsident eine Feuerpause für die Ostukraine an, allerdings erst, sobald seine Truppen die Grenze unter ihre Kontrolle gebracht haben.