Rätsel um Rückkehr des Machthabers Kim hat sich dünn gemacht

Kim Jong Un ist wieder da - anscheinend. Doch es bleiben Zweifel, ob die veröffentlichten Bilder des Diktators aktuell sind. Es wäre nicht das erste Täuschungsmanöver aus Pjöngjang.

Von Christoph Asche


Seoul - 40 Tage sind in Nordkoreas Herrscherhaus eine lange Zeit. So lange war Machthaber Kim Jong Un von der Bildfläche verschwunden. Keine Videos, keine Fotos, keine Zeitungsberichte. Der Diktator, üblicherweise bestimmendes Thema in Nordkoreas Staatsmedien, war verschwunden - und das Ausland spekulierte schon über einen möglichen Putsch im politisch isolierten Nordkorea. Zuletzt hieß es aus dem Umfeld der nordkoreanischen Führung, Kim leide an einer Beinverletzung.

Jetzt ist Kim plötzlich wieder aufgetaucht - zumindest behauptet das die nordkoreanische Zeitung "Rodong Sinmun". Auf der Titelseite zeigt sie den gut gelaunten Diktator im schwarzen Mao-Anzug und mit einem Gehstock. Als Kulisse dient eine angeblich neu errichtete Wohnanlage. Die Botschaft ist klar: Seht her, unser Führer hat alles im Griff - trotz Verletzung. Wirklich aufschlussreich sind die Bilder aber nicht, denn niemand weiß, wann sie entstanden sind. Videoaufnahmen vom August zeigen den Diktator bereits übergewichtig und humpelnd. Die jetzt veröffentlichten Bilder von Kim mit Gehstock könnten demnach schon mehrere Wochen alt sein.

Bilder als Antwort auf politische Spekulationen

Ein südkoreanischer Experte geht davon aus, dass das nordkoreanische Regime die Bilder als Antwort auf die wilden Spekulationen um die politische Lage im Land veröffentlicht hat. Laut südkoreanischen Beobachtern ist es das erste Mal, dass sich ein Machthaber aus dem feindlichen Norden Koreas öffentlich mit einer Gehhilfe zeigt. Das könnte die Dringlichkeit beweisen, die die kommunistische Regierung der Sache beigemessen hat. Ein Staat ohne Führung - diese Blöße wollte man sich in Pjöngjang offenbar nicht länger geben. Kims Verschwinden ist kein Novum in Nordkorea.

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Nordkorea: Der Diktator ist wieder da
Schon im Juni 2012 war der junge Machthaber für 23 Tage von der Bildfläche verschwunden. Und auch sein Vater und Ex-Machthaber Kim Jong Il war nach einem Schlaganfall im Jahr 2008 immer mal wieder für kurze Zeit abgetaucht. Doch nie waren die Gerüchte um einen Sturz der mächtigen Kim-Dynastie stärker als jetzt. Und in der Tat gibt es derzeit mehr Fragen als Antworten: Warum etwa besichtigt Kim freudestrahlend eine belanglose Wohnsiedlung, während er am vergangenen Freitag beim wichtigen 69. Jahrestag der Partei fehlte, auf dem sein Vater und Großvater geehrt wurden?

Dass mit zweifelhaften Bildern Politik gemacht wird, wäre in Nordkorea nichts Neues. Die Staatsführung hatte bereits nach Kim Jong Ils Schlaganfall mehrfach in die Trickkiste gegriffen. Sie veröffentlichte Bilder, auf denen der damalige Machthaber nachträglich digital eingefügt worden war. Im vergangenen Jahr wollte Nordkorea die Weltöffentlichkeit mit Bildern mächtiger Raketen beeindrucken - ein näherer Blick auf die Fotos zeigte, dass es sich um minderwertige Attrappen handelte. Zudem setzt die staatliche Nachrichtenagentur KCNA alles daran, Kim Jong Un regelmäßig in Begleitung entzückter Nordkoreaner zu zeigen.

Kim Jong Un soll zehn Kilo abgenommen haben

Gegen die Spekulationen um eine mögliche Inszenierung der aktuellen Kim-Bilder spricht die Aussage eines südkoreanischen Experten. Er will bemerkt haben, dass der Diktator auf den aktuellen Bildern weniger übergewichtig ist als früher. Verglichen mit Fotos aus der Zeit vor seinem Verschwinden soll Kim demnach etwa zehn Kilogramm verloren haben. Einen Beweis gibt es freilich nicht.

Bruce Cummings, Nordkorea-Experte an der University of Chicago, geht davon aus, dass Kim mit seinem jüngsten Abtauchen Aufmerksamkeit erlangen wollte. Nordkorea fühle sich isoliert, erklärt Cummings, "all das bringt das Land jetzt zurück auf die Titelseiten".

Etwas mehr Klarheit könnte sich womöglich in Kürze ergeben: Üblicherweise informiert Nordkoreas Nachrichtenagentur KCNA mit einem Tag Verzögerung darüber, wann öffentliche Auftritte des Diktators stattgefunden haben. Es bleibt also abzuwarten, ob KCNA zu Kims dubiosem Wohnsiedlungsbesuch Informationen nachreicht.

insgesamt 13 Beiträge
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tailspin 14.10.2014
1. Kim Yong Ill
Die Bilder sind nur dann authentisch, quasi wie ein Echtheits Hologramm, wenn Kim Militaers um sich stehen hat, die ihn beklatschen.
chucho 14.10.2014
2. Ja, ja,
Hugo Chavez wurde seinerzeit auch mit Zeitung des aktuellen Tages lesend im Krankenbett abgelichtet. Zu dieser Zeit waren schon Spekulationen über seinen Tod laut geworden. Kurz darauf kam dann die Todesnachricht.
sponnerd 14.10.2014
3.
Falls Kim Jong Un wirklich 10 kg während seiner Abwesenheit abgenommen hat, ist ihm dies auf den Bildern nicht anzusehen.
haselmaus100 14.10.2014
4. Abnehmen
... auf Bildern kann man auch mit Photoshop (Filter verflüssigen - ist nicht komisch, klingt nur so)
robert.haube 14.10.2014
5. Bauboom in Pyongyang
KCNA hat heute berichtet und 12 Fotos ins Netz gestellt. Sie können gar nicht anders als aktuell sein, denn die neue Wohnsiedlung für Angestellte der Nordkoreanischen Wissenschaftsakademie ist gerade erst fertig geworden. Von Kim sind schon kurzfristig neue Bilder von in der Fertigstellungsphase befindlichen Bauprojekten zu erwarten - es gibt bekanntlich einen Bauboom in Pyongyang.
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