Kinderarbeiterin in Bolivien "Ein bisschen stolz"

Reyna Elizabeth Copa Marca hat mit sechs Jahren angefangen zu arbeiten. Sie gehört zu den Hunderttausenden Kindern, die in Bolivien Geld verdienen müssen. Hier erzählt sie aus ihrem Leben.
Aufgezeichnet von Klaus Ehringfeld, Potosí
Reyna Elizabeth Copa Marca will Jura studieren

Reyna Elizabeth Copa Marca will Jura studieren

Foto: Luz Rivera

Reyna Elizabeth Copa Marca, 15 Jahre alt, hat gerade zu Mittag gegessen, als sie sich Zeit nimmt für ein Gespräch. Sie sitzt in der "Casa Nats" der Caritas-Sozialpastorale in Potosí, in die Einrichtung kommt das Mädchen oft nach der Schule. NATS steht für "niños y adolescentes trabajadores", etwa: arbeitende Kinder und Jugendliche.

Die Sozialpastorale in der bolivianischen Bergbaustadt betreut arbeitende Mädchen, Jungen und junge Erwachsene im Alter von fünf bis 25 Jahren. Reyna ist eine von ihnen, sie jobbt als Kellnerin auf einem Markt. Bevor sie zum Sport muss, erzählt sie, wie ihr Alltag aussieht.

Zur Person
Foto: Luz Rivera

Reyna Elizabeth Copa Marca, Jahrgang 2004, geboren in Chichamayu, Bolivien. Seit neun Jahren arbeitet sie. Reyna lebt heute in der Bergbaustadt Potosí und hat vier kleine Geschwister zwischen ein und acht Jahren.

"Heute ist Donnerstag, ein ganz normaler Tag für mich: Schule und dann am Nachmittag in die "Casa Nats". Hier haben wir "Talleres", Kurse, in denen wir etwas über Gesundheit und unsere Rechte als Kinderarbeiter lernen. Das ist total spannend. Aber wichtig ist eben auch, dass wir hier zu Essen bekommen. Denn viele Jungen und Mädchen gehen morgens ohne Frühstück zur Schule, weil es dafür zuhause nicht reicht. Bei mir ist das anders. Wir haben zwar nicht viel, aber so schlimm ist es nicht.

An den Wochenenden jobbe ich als Kellnerin in einem Restaurant im Markt von Porco. Das ist eine kleinere Bergarbeiterstadt, rund 50 Kilometer von Potosí entfernt. Da arbeite ich seit zwei Jahren samstags und sonntags, von 9 Uhr morgens bis abends um 18 Uhr. Manchmal auch länger, je nachdem, wann die letzten Gäste gehen.

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Pro Tag verdiene ich rund 50 bis 70 Bolivianos (6,60 bis 9,23 Euro). Das ist nicht viel, aber es ist mein eigenes Geld, damit helfe ich zuhause. Wenn was übrig bleibt, ist das für mich; ich gebe es aus für Dinge, die ich für die Schule brauche, zum Beispiel für die Schuluniform oder Exkursionen.

Natürlich arbeite ich nicht in erster Linie aus Spaß, es ist vor allem die finanzielle Notwendigkeit. Ich komme aus einer armen Familie. Mein Vater hat uns bei meiner Geburt verlassen, er unterstützt mich und meine vier kleinen Geschwister nicht. Mein Stiefvater hilft ab und an aus. Er arbeitet im Bergwerk, meine Mutter verkauft auf der Straße Quinoa-Säfte.

Ich arbeite, seit ich sechs Jahre alt bin. Damals habe ich angefangen, meiner Mutter zu helfen, ihre Säfte zu verkaufen. Aber jetzt verdiene ich mein eigenes Geld, das ist schon was anderes.

Ich weiß, dass Ihr das in Europa anders seht, aber hier in Bolivien sind arbeitende Kinder und Jugendliche durchaus normal. Auch für mich hat Arbeit etwas Positives. Ich lerne Dinge fürs Leben, verdiene Geld, kann helfen, das macht mich ein bisschen stolz.

Aber unerlässlich ist es dabei, dass ich meine Ausbildung nicht vernachlässige. Das geht, denn ich arbeite ja nur am Wochenende. Wir haben hier in Bolivien in den Schulen drei verschiedene Unterrichtszeiten: Manche Kinder gehen morgens, anderes nachmittags, wieder andere abends zur Schule. Ich selber gehe morgens und komme dann halt nachmittags hier in die "Casa Nats". Ich gehe gerne zur Schule, besonders Spaß machen mir Kunst, Chemie und Physik, da habe ich auch die besten Noten.

In meinem Alter beginnt es jetzt schon, dass die Männer blöde Sprüche machen. In den Restaurants im Markt von Porco essen viele Minenarbeiter. Am Wochenende, wenn ich arbeite, trinken die gerne und machen unpassende Bemerkungen. Dann gehe ich zu meiner Chefin, die hilft mir. Sie behandelt mich gut.

Später möchte ich Jura studieren und dann Anwältin werden, um die Rechte der Kinder zu verteidigen, denn in der Kinderarbeit gibt es ja leider auch viel Ausbeutung. Und die Behörden tun viel zu wenig dagegen, eigentlich tun sie gar nichts, um uns zu schützen.

Ich habe auch von diesem Gesetz gehört, das es in Bolivien möglich machte, dass Kinder schon mit zehn Jahren arbeiten dürfen. Dass sie das wieder abgeschafft haben, ist blöd. Denn in so vielen Familien müssen die Mädchen und Jungen arbeiten, weil es sonst nicht für alle reicht. Manchmal sind es nur die Großeltern, die Geld verdienen, da müssen wir einfach aushelfen."

(Lesen Sie hier die Hintergründe zum Streit um das bolivianische Gesetz zur Kinderarbeit.)

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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