Kinderarmut Unicef fordert neue Strategie für Entwicklungshilfe

Auf dem Uno-Gipfel loben viele Staatschefs erste Erfolge bei der Armutsbekämpfung. Doch die Hilfsorganisation Unicef warnt: Auch jetzt leben Hunderte Millionen Kinder in extremer Armut - ihre Lage hat sich seit Verkündung der Millenniumsziele kaum gebessert.

REUTERS

Von , New York


Stellen Sie sich ein Mädchen vor, geboren in einem der ärmsten Teile der Welt. In der Subsahara-Region vielleicht oder in Südasien. Oder in einer von Armut geplagten Gegend eines nicht ganz so armen Landes. Das Mädchen ist fünf Jahre alt, doch es hat schon unzählige brenzlige Situationen durchlebt. Es hat sie überlebt. Allein dass sie überlebt hat, ist ein Wunder.

Das fünfjährige Mädchen ist ein Beispiel, das Hunderte Einzelschicksale im Elend lebender Kinder in einer Person kulminiert. Eine Figur, die Werner Schultink, Chef des Ernährungsprogramms beim Uno-Kinderhilfswerk Unicef, bisweilen zum Leben erweckt, wenn er verdeutlichen will, wie weit die Vereinten Nationen von ihren Millenniumszielen entfernt sind.

Das Mädchen hat, verglichen mit einem Kind in der westlichen Welt, ein zehnmal höheres Risiko, im Monat nach seiner Geburt zu sterben. Es hat eine dreimal geringere Chance, in einem Krankenhaus zur Welt gebracht zu werden und mit großer Wahrscheinlichkeit Untergewicht. Es erhält keine Medikamente gegen Malaria und wird später nur vielleicht eine Grundschule besuchen können.

Als Säugling wird das Mädchen wahrscheinlich nicht von seiner Mutter gestillt. Es bekommt stattdessen Babynahrung, verdünnt mit verschmutztem Wasser. Erkrankt es deshalb an Durchfall, ist nur selten ein Arzt da, um es zu behandeln. Deshalb ist Durchfall in armen Regionen eine der Hauptursachen dafür, dass Kinder vor ihrem fünften Geburtstag sterben.

8,1 Millionen tote Kinder in einem Jahr

Laut Berechnungen von Unicef geschieht das jeden Tag rund 24.000 Mal. Insgesamt starben 2009 insgesamt rund 8,1 Millionen Kinder vor dem fünften Lebensjahr. Im Jahr 1990 waren es noch rund 12,4 Millionen. Doch für Schultink ist dieser Rückgang trügerische Statistik. "Wir haben Fortschritte gemacht", sagt er. "Aber nur in einigen Teilen der Welt."

In einer Unicef-Studie von Mitte September gibt es acht bunte Weltkarten, die verdeutlichen, was Schultink meint. Südasien und weite Teile Afrikas sind darauf stets gelb oder rot gefärbt. Gelb bedeutet, das Land wird das jeweilige Uno-Millenniumsziel vermutlich nicht erreichen. Rot heißt, das Land hat fast überhaupt keine Fortschritte gemacht, seit die Vereinten Nationen im September 2000 ihre ambitionierte Agenda gegen Armut, Krankheit und Elend präsentierte. Manchmal heißt rot auch, dass sich die Lage sogar verschlechtert hat.

"Die Welt driftet auseinander", sagt Schultink. "Die Fördergelder kommen bei den Ärmsten der Armen nicht an." Unicef setzt sich daher für einen Strategieschwenk in der Entwicklungspolitik ein. In Regionen, in denen es den Menschen schon jetzt besser geht, sollen die Ausgaben sinken. "Statt hier noch eine Krankenstation zu errichten, könnten bestehende Krankenstationen zum Beispiel Menschen in den umliegenden Dörfern medizinisch ausbilden", sagt Schultink. "Das ist günstiger und spart Geld."

Die frei werdenden Mittel will Unicef verstärkt in die ärmsten Regionen leiten. "Das ist nicht nur ethisch erstrebenswert", sagt Schultink. Es habe auch das Potential, die Elendsbekämpfung zu beschleunigen. Laut Unicef-Berechnungen wäre der Effekt bis zu 60 Prozent höher. Denn es gibt mittlerweile hocheffiziente Methoden, um einen minimalen Lebensstandard zu sichern. Nur werden diese nicht flächendeckend eingesetzt - auch zehn Jahre nach Verkündung der Millenniumsziele nicht.

200 Millionen Kinder sind unterernährt

So leiden laut Unicef noch immer rund 200 Millionen Kinder unter chronischem Nahrungsmangel. Sie wachsen langsamer als gutgenährte Gleichaltrige, und nicht selten werden ihre Gehirne durch Nährstoffmangel irreparabel beschädigt. "Dabei lässt sich Unterernährung heute eigentlich gut bekämpfen", sagt Schultink. Hilfsorganisationen setzten mittlerweile eine Paste aus Erdnüssen, Milch und Nährstoffen ein, die alle lebensnotwendigen Stoffe enthalte. Man müsse diese in jedes Dorf bringen - und sicherstellen, dass alle Kinder sie essen.

Doch genau das ist das Problem. Für den Transport in entlegene Regionen fehlen oft die Mittel. Und oft endet der Erfolg der Unterstützung, sobald die Helfer wieder abziehen.

Schultink kämpft nun dafür, dass die Hilfen für die Ärmsten der Armen rasch aufgestockt werden. Dafür sprechen seiner Ansicht nach auch ökonomische Überlegungen. "Volkswirtschaften mit extremer Armut verlieren bis zu 30 Prozent ihrer Leistungsfähigkeit", sagt er. "Wenn die Uno wirklich ihr Ziel einhalten will, die ganze Welt an den Vorteilen der Globalisierung zu beteiligen, kann sie dieses Potential auf Dauer nicht ungenutzt lassen."

Es könnte sein, dass sein Appell bald Gehör findet. Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon will am Mittwoch in New York eine neue Strategie zur Bekämpfung von Kinderarmut vorstellen. Offenbar umfasst diese einen signifikanten Einsatz neuer Mittel und Hilfsprogramme.

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SaT 20.09.2010
1. Zwischenbilanz gar nicht so schlecht
Die Menschheit wächst rapide – die Zahl der in absoluten Armut lebenden ist dagegen stabil oder sinkt – so schlecht sieht es also gar nicht aus. Ansonsten finde ich es absurd wenn die "Welt" (gemeint ist hier ja die so genannte erste Welt) beschließt Armut und Hunger bis irgendwann zu halbieren. Als hätten die, die dies beschlossen haben, in der Hand. Wenn die Bevölkerung in Entwicklungsländer weiterhin so wächst und die der Industrieländer so rapide abnimmt, werden wir die Karre gegen die Wand fahren – egal wie gut oder schlecht die Zwischenbilanzen aussehen.
Interessierter0815 20.09.2010
2.
Zitat von SaTDie Menschheit wächst rapide – die Zahl der in absoluten Armut lebenden ist dagegen stabil oder sinkt – so schlecht sieht es also gar nicht aus. Ansonsten finde ich es absurd wenn die "Welt" (gemeint ist hier ja die so genannte erste Welt) beschließt Armut und Hunger bis irgendwann zu halbieren. Als hätten die, die dies beschlossen haben, in der Hand. Wenn die Bevölkerung in Entwicklungsländer weiterhin so wächst und die der Industrieländer so rapide abnimmt, werden wir die Karre gegen die Wand fahren – egal wie gut oder schlecht die Zwischenbilanzen aussehen.
Die Arbeitslosenstatistik sieht auch nicht so schlecht aus... Tagträumer!
elektro-ing 20.09.2010
3. ?
Vergleicht man die Summen für die Rüstung mit den Summen für die Armutsbekämpfung wird klar welche Ziele wirklich verfolgt werden. Das die Armut beseitigt werden soll ist doch nicht mehr als ein Lippenbekenntnis!
ein schäfchen 20.09.2010
4. Grafik verwirrend
Die zum Artikel gehörende Grafik mit dem tendenziösen Titel:"Lähmende Hilfe?" zeigt angeblich den Anteil von Entwicklungshilfe am BSP des jeweiligen Landes. In Liberia beträgt dieser Anteil 185%. Das ist wirklich sehr erstaunlich.
chirin 20.09.2010
5. Milleniumsziele - was haben die VereintenNationen erreicht?
Zitat von sysopVor zehn Jahren hat sich die Uno acht "Milleniumsziele" gesetzt: Armut und Hunger sollen unter anderem bis 2015 bekämpft, die Gleichstellung der Frau vorangetrieben und die Gesundheit von Kindern und Müttern verbessert werden. Auf einem Gipfel in New York ziehen mehr als 100 Staats- und Regierungschefs nun Bilanz. Was ist Ihre Meinung? Können diese Ziele erreicht werden? Haben die Industrieländer genug getan?
Übergenug haben die Industrieländer getan, allerdings kommt doch kaum etwas bei den Betroffenen an. Statt Geld sollte lieber Hilfe zur Selbsthilfe geleistet werden, wobei in den verschiednen moslemisch geprägten Länder wie Sudan, Soamlia etc., verheerende Zustände herrschen. Da kann man dann nichts tun!
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