Kinderehen in Afrika "Ich habe noch nie eine glückliche Kinderbraut getroffen"

Viele Mädchen in Afrika werden minderjährig verheiratet. Die Expertin Nena Thundu erklärt, wie das die Kinder traumatisiert - und warum Emanzipation und eine liberalere Gesellschaft sogar neue Probleme schaffen.

Mädchen im Tschad: Vier von zehn jungen Frauen in West- und Zentralafrika heiraten vor ihrem 18. Geburtstag
Anadolu Agency/ Getty Images

Mädchen im Tschad: Vier von zehn jungen Frauen in West- und Zentralafrika heiraten vor ihrem 18. Geburtstag

Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Frau Thundu, laut Unicef heiraten jedes Jahr weltweit zwölf Millionen Mädchen vor ihrem 18. Geburtstag. In Afrika ist die Praxis besonders verbreitet. Warum?

Thundu: Ein großer Grund ist die Armut. Eltern sind froh, wenn sie ein Kind weniger durchbringen müssen und geben ihre Töchter früh in die Ehe. Benachteiligung spielt auch eine Rolle: Eltern investieren all ihre Ressourcen in die Söhne, die zur Schule gehen und eine Ausbildung machen sollen. Mädchen haben dann das Nachsehen.

Zur Person
  • Heike Klovert/ SPIEGEL ONLINE
    Nena Thundu arbeitet in der Abteilung für soziale Angelegenheiten der Afrikanischen Union und koordiniert dort seit fünf Jahren die Kampagne gegen Kinderheirat.

SPIEGEL ONLINE: Wie groß ist das Problem?

Thundu: In 30 der 55 afrikanischen Staaten werden immer noch mindestens drei Viertel aller Mädchen verheiratet, bevor sie volljährig sind. In West- und Zentralafrika ist das besonders üblich. In manchen Ländern verstößt dieser Brauch gegen die nationalen Gesetze, doch längst nicht in allen. Unseren Auswertungen zufolge ist Kinderheirat in sieben von zehn afrikanischen Staaten legal.

SPIEGEL ONLINE: Dabei haben 49 Staaten die Afrikanische Charta der Rechte und des Wohlergehens des Kindes ratifiziert, die bereits 1999 in Kraft trat und die Kinderheirat untersagt.

Thundu: Es braucht viel Zeit, bis sich Denkweisen und Einstellungen ändern. Eine Mutter, die selbst eine Kinderbraut war, wird ihre Tochter auch früh verheiraten. Sie weiß es nicht besser.

SPIEGEL ONLINE: Wie kann man das ändern?

Thundu: Man muss zunächst verstehen, warum Eltern ihre minderjährigen Töchter verheiraten - und dann muss man ihnen Alternativen anbieten. Man muss Familien zum Beispiel beibringen, nachhaltige Landwirtschaft zu betreiben, sodass sie ein geregeltes Einkommen haben. Wenn die Frauen und Mädchen selbst Geld verdienen können, schützt sie das ebenfalls gegen die Kinderehe. Doch das ist ein langer Prozess.

SPIEGEL ONLINE: Was tut die Afrikanische Union gegen Kinderheirat?

Thundu: Mit unserer afrikaweiten Kampagne stoßen wir Veränderungen auf politischer Ebene an. Wir wirken darauf hin, dass die einzelnen Staaten Gesetze erlassen oder verschärfen, die Kinderheirat unterbinden sollen. Wir arbeiten mit Regierungen, Hilfsorganisationen und anderen Gruppen aus der Zivilgesellschaft zusammen, um mehr Menschen auf dem Kontinent für das Problem zu sensibilisieren. Und wir dokumentieren die Fortschritte in unseren Mitgliedstaaten und werten sie aus.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie bisher erreicht?

Thundu: Seit wir die Kampagne 2014 gestartet haben, hat gut die Hälfte der Mitgliedstaaten ihre eigenen nationalen Kampagnen ins Leben gerufen. Äthiopien und Niger waren die ersten, andere Länder zogen nach. Zuvor gab es praktisch nur Initiativen auf lokaler Ebene, wenn überhaupt.

SPIEGEL ONLINE: Eine Kampagne heißt aber noch nicht, dass sich auch in der Praxis etwas ändert. Welche Länder gehen das Problem erfolgreich an?

Thundu: Mauritius hat sehr strenge Gesetze, dort wird Kinderheirat wie ein Verbrechen geahndet. Malawi und Sambia konnten ebenfalls Erfolge verzeichnen, auch Eritrea ist sehr vorbildlich. Dort ist die Zahl der früh verheirateten Mädchen drastisch zurückgegangen.

SPIEGEL ONLINE: Wieso?

Thundu: Die eritreische Regierung arbeitet sehr gut mit den Kirchen, Kommunen und Familien zusammen. Das ist extrem wichtig, um die Kinderheirat einzudämmen. Das gesamte Umfeld muss involviert sein, auch die Väter, Brüder, Onkel und Nachbarn. Wenn ein Mädchen in Eritrea zu früh verheiratet wird, kann es gut sein, dass jemand aus dem Dorf deren Eltern der Polizei meldet. Eritrea ist sehr effektiv darin, Mädchen zu schützen.

SPIEGEL ONLINE: Wo hapert es noch?

Thundu: Bisher waren es vor allem volljährige Männer, die minderjährige Mädchen ehelichten. Jetzt sehen wir häufiger, dass Kinder Kinder heiraten. In Sambia war das ein Thema, als wir im vergangenen Jahr dort waren. Aber auch aus anderen Ländern bekommen wir das zurückgemeldet.

SPIEGEL ONLINE: Woran liegt das?

Thundu: Viele Jugendliche sind offener und unabhängiger geworden. Sie haben eine bessere Bildung genossen als ihre Eltern, sie können ins Internet, wollen mehr sehen und erleben. Dann lernen sie jemanden kennen, in den sie sich verlieben. Aber die konservativen Eltern dulden die Beziehung nicht. Der einzige Weg, zusammen sein zu können, scheint die Ehe. Daher kommt es nun öfter vor, dass zwei 15-Jährige heiraten.

SPIEGEL ONLINE: Wie lässt sich das verhindern?

Thundu: Erwachsene können mit Kritik und Mahnungen wenig ausrichten. Wir unterstützen deshalb Jugendbotschafter, die Kinder motivieren sollen, weiter zum Unterricht zu gehen und einen Beruf zu erlernen, statt über eine baldige Hochzeit nachzudenken. Und sogenannte Survivors erzählen in den Schulen und Gemeinden, wie sie unter einer frühen Ehe gelitten haben.

SPIEGEL ONLINE: Was sagen sie?

Thundu: Sie mussten die Schule abbrechen und ihre Familie verlassen, manchmal sogar schon mit neun oder zehn Jahren. Ihre Kindheit war damit auf einen Schlag vorbei. Sie haben nur sehr wenig Bildung bekommen und werden später kaum einen Job finden und Geld verdienen können. Außerdem werden sie Mütter, bevor sie mental dafür bereit sind. Diese Mädchen sind traumatisiert.

SPIEGEL ONLINE: Verlaufen Kinderehen wirklich immer so drastisch?

Thundu: Ich habe noch nie eine glückliche Kinderbraut getroffen. Irgendwann bereuen sie es und merken, dass sie da nicht mehr allein rauskommen.

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