Kinderhandel "Ein lebenslanger Alptraum"

Der Handel mit Kindern aus armen Ländern boomt. Kinderlose auf der Suche nach Adoptivzöglingen und die Sex-Industrie erzeugen eine grenzenlose Nachfrage. Das Kinderhilfswerk Terre des hommes mobilisiert für politische Gegenmaßnahmen und die Durchsetzung von Kinderrechten in den Zielländern des Nordens.

Osnabrück/Berlin - Die Etiketten verheißen pures Familienglück: Unter Firmennamen wie Teddybär-Adoptionen, Regenbogenkinder oder Baum des Lebens versprechen professionelle Adoptionsvermittler per Internet die Lieferung von Wunschkindern auf Bestellung.

Ganze Datenbanken sind da abrufbar, die dem Interessenten Auskunft über die gesundheitliche Verfassung und den Entwicklungsstand der Ware geben - und den Preis. Sodann genügt es, ein Bewerbungsformular auszufüllen, um mit den Zwischenhändlern Kontakt aufzunehmen, und der Handel kann beginnen.

An die 20.000 US-Dollar sind zumeist fällig, später noch die Gebühren für staatliche Stellen, Notar- und Beglaubigungskosten und natürlich die Reisekosten. Auf diesem Wege erfüllen sich immer mehr Kinderlose ihren Wunsch nach Erben und Nachwuchs, auch wenn dieser über Tausende Kilometer erst aus seiner Heimat herangeschafft werden muss. Vor allem Waisenkinder aus Russland, der Ukraine oder Rumänien werden an zahlungskräftige Kunden verkauft. Lateinamerika und Asien sind weitere Herkunftsregionen der gehandelten Kinder.

So schildern die Mitarbeiter des Kinderhilfswerkes Terre des hommes die modernen Geschäftspraktiken in einer der widerlichsten und am schnellsten wachsenden Branchen der globalisierten Ökonomie: Den Handel mit Kindern. Vollkommen anonym geboren zu sein und seine lebenden leiblichen Eltern niemals kennen lernen zu können, das sei aber "für viele dieser Kinder ein lebenslanger Alptraum ", sagt Terre-des-hommes-Mitarbeiterin Rebecca Knesch. Die Vorstellung vieler Möchtegern-Eltern, sie könnten sich ihr vermeintliches Recht auf Nachwuchs auch mittels Geld verschaffen, stifte vielfach unendliches Leid, bei Kindern und Eltern.

Darum haben Terre des hommes und zahlreiche weitere Organisationen eine internationale Kampagne gegen Kinderhandel gestartet, die politische und rechtliche Gegenmaßnahmen erzwingen soll. "Die Opfer des Kinderhandels", erklärt Boris Scharlowski, Sprecher der Kampagne, "sind oft nicht einmal zehn Jahre alt: Sie werden vermarktet, versklavt und ausgebeutet und bezahlen die jahrelange Tortur nicht selten mit ihrem Leben."

Dabei ist das kommerzielle Adoptionsgeschäft nur eine der treibenden Kräfte hinter dem Boom beim Handel mit jungen Menschenleben. Hinzu kommt die Vermittlung von Kindern zur sexuellen Ausbeutung und der Handel von Kindersklaven für die Arbeit in Fertigungsbetrieben aller Art, dies vornehmlich in Ländern der Dritten Welt.

Aufsehen erregende Fälle, wie die Entdeckung von 41 gehandelten Kindern auf einem Schiff im Hafen von Cotonou im afrikanischen Benin oder der einer Mutter in den USA, die ihre beiden zur Adoption freigegebenen Kinder zweimal von den Adoptiveltern entführte, werfen ein Schlaglicht auf diesen Bereich der internationalen Kriminalität.

Ursachen für den Kinderhandel: Die Banalität des Bösen

Die Ursachen für die Ausweitung des Kinderhandels sind ebenso banal wie wirksam: das wirtschaftliche Ungleichgewicht zwischen den Herkunftsländern und den westlichen Industriestaaten, Gesetzeslücken und mangelnde Rechtssicherheit. Vor allem die Landflucht und der Rückzug des Staates aus elementaren Dienstleistungen wie dem Schul- oder Gesundheitswesen in vielen Entwicklungsländern tragen wesentlich zum Gedeihen des Geschäfts bei. "Stets machen sich die Händler die Unwissenheit der Betroffenen zu Nutze. Sie versprechen den Eltern zu Beginn der Odyssee ihrer Kinder Bildung und Wohlstand, doch stattdessen finden sie meist nichts als Ausbeutung und Elend", erläutert Scharlowski.

Uno-Experten gehen davon aus, dass der gesamte Menschenhandel inzwischen so lukrativ ist wie der Handel mit Drogen. Kinder sind besonders profitabel, weil sie wenig kosten und hohe Profite bringen. Sie sind wehrlos und lassen sich, einmal aus ihrem familiärem Umfeld herausgerissen, leicht einschüchtern. Nach einem Bericht des zuständigen Kommissionsmitgliedes für Justiz und Inneres bei der EU, António Vitorino, wird die Anzahl der vom Sklavenhandel betroffenen Frauen und Kinder allein innerhalb der EU auf 500.000 geschätzt.

In Asien werden jährlich eine Million Kinder ins kommerzielle Sexgeschäft verschleppt, schätzten die Autoren einer im Dezember veröffentlichten Unicef-Studie. In Thailand gebe es etwa 800.000 Kinderprostituierte, heißt es in dem Bericht, in Brasilien wird ihre Zahl auf 500.000 bis zwei Millionen geschätzt. Diese Zahlen kommentierte die Direktorin des Uno-Kinderhilfswerkes, Carol Bellamy, auf der zweiten weltweiten Konferenz gegen die sexuelle Ausbeutung von Kindern in Yokohama im Dezember 2001 mit dem Verweis, es liege an den einzelnen Staaten, diese Verbrechen endlich wirksam zu verfolgen.

Eben das zu erreichen ist auch Ziel der Kampagne von Terre des hommes. Dabei gelte es vor allem das oft wiederholte falsche Argument zurückzuweisen, es gehe den gehandelten Kindern hier zu Lande allemal besser als in den Elendsregionen ihrer Heimat, fordert das Kinderhilfswerk. Vielmehr sei dieses Denken ursächlich dafür, dass Menschen bedenkenlos zu Ware degradiert werden.

Kinderhandel ist auch ein deutsches Problem

Entgegen weit verbreiteten Annahmen ist der Kinderhandel durchaus auch ein deutsches Problem. Zwar gibt es darüber kaum verfügbare Daten. Aber Fachleute schätzen, dass es auch hier zu Lande etwa 30.000 bis 50.000 Konsumenten von Kinderpornografie gibt. Viele davon sind vermutlich durchaus bereit, den dort dargestellten sexuellen Missbrauch auch selbst zu vollziehen. Immer wieder würden Fälle bekannt, bei denen junge Frauen aus Osteuropa, Afrika, Asien und Lateinamerika adoptiert wurden, um sich anschließend an ihnen zu vergehen. Ermöglicht werden Adoption und Missbrauch unter anderem durch die Heirat der Täter mit den Müttern der Kinder.

Potenzielle Opfer sind auch die Kinder von Flüchtlingen mit ungeklärtem Aufenthaltsstatus oder Kinder, die allein auf der Flucht nach der Deutschland gelangen. Ihnen gewährt die Bundesrepublik entgegen der geltenden Kinderrechtskonvention keineswegs den gleichen Schutz wie deutschen Kindern. Ein entsprechendes Zusatzprotokoll zur Konvention hatte die Bundesregierung nur unter Vorbehalt unterzeichnet.

Darum haben Flüchtlingskinder in Deutschland noch immer kein Recht auf Schulbesuch, auf ausreichende medizinische Versorgung oder - als Jugendliche - auf Aufnahme einer eigenständigen Arbeit. Diese Ungleichbehandlung müsse endlich aufhören, die Bundesregierung müsse ihren Vorbehalt aufgeben, fordert Kampagnen-Sprecher Scharlowski. Zudem bedürfe es einen ausreichenden Zeugenschutzprogramms für Kinder, die gegen ihre Peiniger aussagen. Zu oft komme es vor, dass nach Deutschland verkaufte Flüchtlingskinder kriminalisiert werden, weil sie keinen Aufenthaltsstatus haben.

Neben der Lobbyarbeit für mehr praktischen Rechtsschutz der Kinder leistet die Organisation auch praktische Hilfe, zum Beispiel am Hamburger Hafen, wo auf einem Containerschiff minderjährige Flüchtlinge betreut werden. Von den 3000 in Hamburg offiziell als unbegleitet registrierten Flüchtlingen sind viele hilflos - sie können sich nicht verständigen, sind zum Teil orientierungslos, haben keinen Pass. Von den Strapazen der Flucht geschwächt, können sie leicht in die Illegalität oder in die Drogenszene abrutschen. Darum bietet Terre des hommes Beratung und Betreuung. Von der EU mitfinanziert, vermitteln zwei Betreuer in einem Kleinbus Unterrichtsmöglichkeiten, kümmern sich um Arzttermine, sorgen für Übersetzung, helfen beim Ausfüllen von Formularen, vermitteln einen Schlafplatz und informieren die Öffentlichkeit.

Dabei können die Kinderschützer neuerdings auch auf prominente Unterstützer zählen: Die Fernsehmoderatorin Dagmar Berghoff und die Schauspielerin Barbara Auer unterstützen die Kampagne gegen das Geschäft mit Kindern mit ihrem Namen.

Bastian Bechtle

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.