Kinderprostitution in Ghana Hölle auf Erden - und schlimmer

Mehr als hunderttausend Kinder arbeiten in Ghana als Prostituierte. Melphia, 13, ist eine von ihnen. Sie lebt im Slum, nachts hat sie Sex mit Geschäftsleuten und Polizisten - und immer häufiger auch mit Touristen.

Sophia Bogner und Paul Hertzberg

Aus Kumasi berichten Sophia Bogner und Paul Hertzberg


Jeden Abend verlässt Melphia den Ort, den Einheimische die "Hölle auf Erden" nennen. Um an einen Ort zu gehen, der noch schlimmer ist. In ein Hotelzimmer, dessen Vorhänge sie immer zugezogen lässt. Melphia ist 13 Jahre alt. Sie lebt in einem Slum in Kumasi, der zweitgrößten Stadt Ghanas. Seit drei Jahren arbeitet sie als Kinderprostituierte.

Mit bis zu fünf Männern hat Melphia jede Nacht Sex, zu ihr kommen Arbeiter, Geschäftsleute, Polizisten - und, immer häufiger: Touristen. Von den meisten Freiern kennt sie nicht einmal die Namen. Was sie weiß, ist, dass "Obronis", weiße Männer, mehr bezahlen als Ghanaer. "Ohne die Ausländer wäre Kinderprostitution nicht annähernd so lukrativ", sagt Martin Opoku Sekyere, der sich ehrenamtlich um Kinderprostituierte in Kumasi kümmert.

Seit zwei Jahren wächst die Wirtschaft in dem westafrikanischen Land wieder stärker, Ghana geht es spürbar besser. Das heißt auch: Es kommen mehr Menschen ins Land, chinesische Investoren, europäische Touristen. Und mit ihnen kommen die Freier. Wie viele Kinder sich inzwischen prostituieren, wisse niemand genau, sagt Dr. George Oppong, Leiter der Ghana-Sektion der NGO "Defence for Children International" (DCI), für die auch Martin arbeitet. Hundert- bis zweihunderttausend Kinder, schätzt er, könnten es in Ghana sein. Die Jüngsten sind neun Jahre alt. Knapp 200.000 Kinder, so viele gehen in Hamburg jeden Tag zur Schule.

Melphia, links, und zwei andere Kinderprostituierte
Sophia Bogner und Paul Hertzberg

Melphia, links, und zwei andere Kinderprostituierte

Melphia weiß nicht, wo Hamburg ist und sie geht auch nicht zur Schule. Sie sieht jünger aus als 13, ist klein und mager, die Ellbogen stechen spitz heraus. Wie die anderen Mädchen im Slum trägt sie einen kurzen Afro, der ihr hübsches, kindliches Gesicht betont. Stillsitzen fällt ihr schwer, sie zieht die Knie an und sucht an ihren Fingern nach einem noch nicht abgekauten Rest Nagel.

Und dann erzählt sie ihre Geschichte, während um sie herum der Sound des Slums dröhnt: Betrunkene schreien, aus alten Lautsprechern scheppert nigerianischer Hip-Hop, jemand stöhnt laut beim Sex. Es sind knapp 40 Grad und die Luft ist so feucht, dass die Wände in ihrer Hütte schwitzen.

Melphia war zehn, als sie in ihrem Dorf, ungefähr eine Stunde von Kumasi entfernt, in einen Bus stieg. Weil sie so klein war, musste sie fürs Ticket nichts bezahlen. Dass der Bus nach Kumasi fuhr, war Zufall. Sie wäre überall hingefahren, ihr einziges Ziel war: Geld verdienen. Irgendwo. Irgendwie.

Auf der Farm ihrer Eltern gab es nie genug zu essen für sie und ihre zwölf Geschwister, erzählt Melphia. Sie besuchte eine Grundschule im Dorf, der Freund ihrer älteren Schwester finanzierte ihren Alltag. Doch als der nach Europa ging, kam kein Geld mehr. Da konnte Melphia noch nicht einmal richtig lesen. Und so ging sie statt zur Schule nach Kumasi.

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Kinderprostituierte in Ghana: "Zu viele profitieren von diesem Geschäft"

Direkt nach ihrer Ankunft traf die damals Zehnjährige einen jungen Mann, Ali. Er war der erste, mit dem sie sich in Kumasi unterhielt. Wenige Stunden später schlief er mit ihr, es war ihr erstes Mal. Ali sagte ihr, dass sie mit Sex Geld verdienen könne. Aber Melphia wollte nicht. Allein mit ihm zu schlafen tat ihr so weh, dass sie kaum laufen konnte. Sie versuchte, Bonbons zu verkaufen, doch sie wurde die bunten Mentos nicht los, die sie von ihrem letzten Geld gekauft hatte. Dann erzählte Ali ihr von den Chinesen. 25 Euro würden die zahlen, um mit einem kleinen Mädchen Sex zu haben. So wurde er ihr Zuhälter.

Dies ist ihre Geschichte, so wie sie sie erzählt. Nachprüfen lässt sie sich nicht, weil Melphia selbst keinen Kontakt mehr hat zur ihrer Familie. Fest steht: Melphia lebt allein, ohne ihre Familie, in dem Slum Asafo Railroad, den die Bewohner selbst nur "BB" nennen. Sie spricht die ghanaische Sprache Twi und etwas Englisch. Sie arbeitet als Kinderprostituierte, und alles, was sie besitzt, passt in einen kleinen schwarzen Beutel: Ein altes Nokia-Handy mit kaputtem Display, zwei paar Flipflops, zwei Outfits, ein Paar graue Socken.

Alles, was sie verdient, geht sofort wieder weg: an den Zuhälter, fürs Duschen, eine Mahlzeit am Tag und die Miete für ihre winzige Hütte, die sie sich mit vier anderen Mädchen teilt, ein Verschlag eher, vielleicht sechs Quadratmeter groß. Melphia kann überleben, mehr nicht. "Es ist ein illegales Geschäft, von dem zu viele profitieren", sagt Martin von der NGO "DCI". Die Hotelbesitzer, die Zuhälter, die Drogendealer und die korrupten Polizisten - sie alle haben etwas davon, dass Melphia und die anderen Mädchen für ein paar Euro ihre Körper verkaufen.

Melphias Zuhause: Hier lebt sie mit vier anderen Mädchen
Sophia Bogner und Paul Hertzberg

Melphias Zuhause: Hier lebt sie mit vier anderen Mädchen

Eigentlich leitet Martin das örtliche Arbeitsamt, doch in seiner Freizeit kämpft er für die Kinder in Kumasi. Jeden Tag geht er in den Slum. Er spricht mit den Mädchen und versucht, sie von der Straße zu bekommen. Wenn eine krank ist, bringt er sie ins Krankenhaus, sofern möglich zahlt "DCI" die Rechnung. Die Namen der Mädchen notiert sich Martin in einem Buch: "Abena, 14; Mariam, 10; Lydia, 13; Josie, 11; Melphia, 13." Melphia hat weder einen Ausweis noch eine Geburtsurkunde. Martins Buch ist vielleicht das einzige Dokument, in dem ihr Name auftaucht.

"Ich habe im Mai Geburtstag", erzählt Melphia. Und dann: "Ich wünsche mir ein Busticket zu meiner Mutter." Sie vermisse sie, könne sich noch an ihre Stimme erinnern. Seit sie ihr Dorf verlassen hat, hat sie nichts mehr von ihrer Familie gehört. Inzwischen habe sie nicht einmal mehr eine Handynummer. Die Familie glaube, Melphia verkaufe in Kumasi Wasser und Mentos, sagt sie.

Wenn sie die Wahrheit wüssten, würden sie sie verstoßen. Melphia weint. Sie schnappt sich schnell ein Handtuch und ein Stück Seife, schlüpft durch den Plastikvorhang aus ihrer Hütte und schließt sich den anderen Mädchen auf dem Weg zum Duschen an. Es ist 17 Uhr, sie ist gerade aufgewacht, wie immer hat sie sich zum Sonnenaufgang hingelegt und den ganzen Tag geschlafen. Die Sonne knallt seit Stunden auf das Wellblech und das Plastik, aus denen ihre Hütte besteht, drinnen ist es wie in einer Sauna.

Der Boden im Slum ist schlammig. Überall liegen Plastiktüten, -flaschen und Verpackungen, die von Flipflops platt getreten werden. Wo eine Hütte aufhört und die nächste beginnt, ist kaum auszumachen, so dicht sind die Behausungen ineinander geflochten. Über die offene Kanalisation, den "Fluss von BB", spannen sich Wäscheleinen. Es riecht nach Müll- und Kochfeuern, menschlichen Fäkalien und dem verwesenden Fisch aus den Hütten der Fischhändler.

Der sogenannte "Fluss von BB": Die offene Kanalisation zieht sich durch den Slum.
Sophia Bogner und Paul Hertzberg

Der sogenannte "Fluss von BB": Die offene Kanalisation zieht sich durch den Slum.

Einmal Duschen kostet 20 Cent. Dafür bekommt Melphia fünf Minuten in einer nach oben offenen Betonzelle. Martin sagt: "Die Duschen, der Drogenverkauf, die Prostitution, die Mieten für die Verschläge - alles wird von derselben Crew organisiert." Wie der Boss hier heißt, weiß oder sagt keiner. Aber seine Handlager sieht man überall. Sie lungern auf Plastikstühlen und auf dem Boden herum. Schlaffe, kiffende Typen mit Goldketten und Basketball-Trikots.

Die Zuhälter sind Jungs, die aus den gleichen Verhältnissen stammen wie die Mädchen. Jeder hat ein oder zwei Mädchen, die für sie arbeiten, sie nennen sie ihre "girlfriends" - die Mädchen sprechen von ihren "boyfriends". Ab und zu vermitteln sie den Mädchen ausländische Freier, Ghanaer zahlen nämlich nur zwischen fünf und sieben Euro, oder sie begleiten die Mädchen zu den Hotels. Vor allem aber nehmen die "boyfriends" ihren "girlfriends" das Geld weg.

Gegen 21 Uhr verlässt Melphia den Slum, in den Morgenstunden kehrt sie zurück

Tagsüber trägt Melphia ein ärmelloses T-Shirt, nachts zieht sie ein gepunktetes Kleid an. Sie hat im vergangenen Jahr ihre Periode bekommen, ihr Körper sieht aber immer noch aus wie der eines Kindes. Und auch sonst ist sie: ein Kind. Sie trifft keine eigenen Entscheidungen, sondern wird bestimmt vom Handeln der Menschen um sie herum. Sie reagiert, anstatt zu agieren. Ihr fehlen Erfahrung, Bildung und Vorstellungskraft, um sich ein anderes Leben auszumalen oder sich gar Ziele zu stecken.

Wenn Melphia abends gegen 21 Uhr den Slum verlässt, ist der Himmel schwarz und die Luft voller Mücken. In "BB" gibt es keinen Strom, mit ihrem Handy leuchtet sich Melphia den Weg. Nach ungefähr 500 Metern endet der Slum und geht in ein Gewirr aus kleinen Gassen über. Zweigeschossige Häuser mit kleinen Restaurants, billigen Hotels und Bars, aus denen buntes Licht und Musik dringen und an deren Tischen 12-jährige geschminkte Mädchen stehen und Zigaretten rauchen. Unter einer Straßenlaterne wickelt eine Frau ihr Kind, es riecht nach Marihuana.

Melphia schlängelt sich an allen vorbei, sie ist auf dem Weg zur Hauptstraße, dorthin, wo die großen, roten Überlandbusse der Firma VIP stehen. Tagsüber fahren die Busse nach Tamale, nach Accra, in den heißen Norden und in den Süden ans Meer. Nachts dienen sie als Sichtschutz, niemand soll sehen, was sich hinter ihnen abspielt.

Busse als Sichtschutz: Prostituierte auf den Straßen von Kumasi
Sophia Bogner und Paul Hertzberg

Busse als Sichtschutz: Prostituierte auf den Straßen von Kumasi

Hinter den Bussen stehen die jungen Mädchen und warten. Ein Mann um die 40 spricht Melphia an. Er lallt, sie schaut weg. Es werden noch genügend Männer vorbeikommen. Gewalt gehört für alle Kinderprostituierten von Kumasi zum Alltag. Auch deswegen wünschen sich die Mädchen ausländische Kunden. Die zahlen nicht nur mehr, sondern schlagen auch seltener zu. Melphias Freundin wurde vor ein paar Monaten von einem Mann an den Stadtrand gefahren, er wollte Sex mit ihr in einem dornigen Busch. Als sie sich weigerte, schlug er sie mit einer Machete nieder. Sie hat überlebt, eine große Narbe zieht sich jetzt über ihren Wangenknochen.

Immer wieder sterben auch Mädchen, sagt Martin. Was genau passiert ist oder wer sie sind, weiß dann aber keiner. Wie alles andere bleibt auch die Gewalt in "BB" undokumentiert. Kaum einer weiß etwas über den anderen. Das ist auch bei Melphia und ihren Freundinnen so. Tatsächlich sind sie eher Mitbewohnerinnen, Kolleginnen - und natürlich Rivalinnen.

Martin wischt sich den Schweiß aus dem Gesicht und versucht zu erklären, was ihn offensichtlich selbst schmerzt: "Nichts wird sich ändern, wenn die Leute weiter 15 Kinder bekommen. Die Eltern sind dankbar, wenn eines verschwindet. Einer weniger, den man durchfüttern muss."

Martin Opoku Sekyere: Tagsüber arbeitet er im Arbeitsamt, abends kämpft er für die Kinder im Slum.
Sophia Bogner und Paul Hertzberg

Martin Opoku Sekyere: Tagsüber arbeitet er im Arbeitsamt, abends kämpft er für die Kinder im Slum.

Ab und zu gelingt es Martin, Kinderprostituierte in lokalen Schulen unterzubringen. Die meisten Mädchen verschwinden aber irgendwann wieder. Ein paar Erfolgsgeschichten kann Martin trotzdem vorweisen, von Mädchen, die es mit seiner Hilfe geschafft haben, Friseurinnen zu werden. Viele sind es aber nicht. Und so besteht der Großteil seiner Arbeit darin, die Kinder in ihrem Alltag zu unterstützen: Er verteilt Kondome, bläut ihnen ein, niemals ungeschützten Sex zu haben und erklärt ihnen, was mit ihrem Geld passiert.

Zwischen zwei Bussen hindurch verfolgt Melphia nervös, was auf der anderen Straßenseite passiert. Auch dort stehen Prostituierte, es sind erwachsene Frauen, vor denen sie Angst hat. "Letzte Woche", sagt Melphia, "haben die einen Schlägertrupp rübergeschickt." Den Frauen war die Konkurrenz durch die Kinder zu groß geworden.

Heute bleibt es ruhig. Auf der einen Seite der Straße verkaufen sich Frauen, auf der anderen Kinder. "Wenn ich so alt bin", sagt Melphia und zeigt auf die 20- und 30-Jährigen, "wäre ich gern Krankenschwester." Oder Friseurin. "Oder ich habe eine Familie." Eigentlich ist es ihr egal, wohin es geht. Hauptsache, nicht auf die andere Straßenseite.

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