Kindersoldaten "Sie kämpfen besser und essen weniger"

Als eine schwangere Frau ihn fragte, ob er nicht zu klein für eine solch große Waffe sei, erschoss sie "Mosquito". Neun Jahre war er damals alt. In vielen afrikanischen Ländern werden Jungen wie er als Kindersoldaten zum Morden missbraucht.


Verlorene Kindheit: ein als Soldat missbrauchter Junge im Kongo
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Verlorene Kindheit: ein als Soldat missbrauchter Junge im Kongo

Nairobi/Bukavu - An dem Tag, an dem sich Masumbuku in "Mosquito" verwandelt, verliert er seine Kindheit. Eben noch hat der Neunjährige mit Freunden in einem kleinen Dorf im Osten Kongos Fußball gespielt. Wenig später sitzt er auf der Ladefläche eines Lastwagens der Rebellen, die ihn einfach mitgenommen haben. Tage darauf beherrscht der kleine Zwangsrekrut den Abzug einer AK-47. Ein Jahr später ist "Mosquito" einer der Härtesten. So schildert Bernard Kitembala das Schicksal des Jungen, den er nun betreut. Kitembala leitet für die Hilfsorganisation "Save the Children" ein Entmilitarisierungscamp für Kindersoldaten in der ostkongolesischen Stadt Bukavu.

Ob in Angola, Burundi, Sierra Leone oder eben Kongo: Regierungs- wie Rebellenarmeeen bedienen sich hemmungslos der "Kidogos", der kleinen Kämpfer, die ein kongolesischer Guerilla-Kommandant wegen ihrer Zähigkeit lobt: "Sie kämpfen besser als Erwachsene, klagen und essen weniger und geben sich mit einem geringen Sold zufrieden." Gerade in den Rebellengebieten im Osten und Norden Kongos mangelt es nach einem im Mai veröffentlichten Bericht der Organisation Human Rights Watch entgegen aller so genannter Friedensprozesse weniger an Waffen als vielmehr an Menschen, die sie bedienen. "Kinder werden entführt und von den Soldaten an die Front geschickt, die eigentlich dazu gedacht sind, sie zu beschützen", sagt Alison DesForges von der Afrika-Abteilung der Menschenrechtsorganisation.

Die Kinder würden auf ihrem Weg zur Schule, zur Kirche oder zum Markt entführt. "Wenn sie erst einmal in den Händen der Soldaten sind, vollzieht sich ihre Umwandlung ganz schnell", sagt Kitembala. In Windeseile würden die kleinen Soldaten zu Spionen, Pionieren und Minenlegern ausgebildet oder fürs direkte Töten gedrillt.

"Die Kinder werden in der Regel so brutal behandelt, dass es ihnen leicht fällt, selber Grausamkeiten zu begehen", weiß der Leiter des Camps. Oft werde der Blutrausch durch Drogen stimuliert. Nicht selten würden Kindersoldaten gezwungen, ihre Altersgenossen zu töten, wenn die nicht spuren oder versuchen zu flüchten. Besonders "beliebt" sei es auch, Kinder beim Angriff auf ihre eigenen Dörfer oder Familien einzusetzen. Kimbala sagt: "Das lässt sie völlig abstumpfen. Zum Schutz gegen aufkommende Gefühle, verfallen sie in einem ständigen Größenwahn." So habe "Mosquito" eine Schwangere erschossen, die ihn beim Passieren seiner Straßensperre gefragt habe, ob er nicht zu klein sei, eine solch große Waffe zu tragen.

In ihren Dörfern gelten sie als grausame Täter

"Von diesem Trauma wird sich der heute elfjährige Junge vermutlich niemals komplett erholen", sagt Kitembala. Die Vermittlung von psychischer Stabilität sei die schwerste Aufgabe, die er und seine Mitarbeiter im Camp zu bewältigen haben. "Wenn wir sie aufnehmen, ist es oft, als erwachten diese Kinder aus einem Alptraum. Sie wirken völlig verstört, und wir kommen schwer an sie ran." Über Gespräche, an das Alter angepasste Spiele, dem Lernen von Lesen und Schreiben versuchen die Helfer, die Jungen wieder an ihre Kindheit zu führen.

Frühestens nach zwei Monaten, meist aber erst nach Jahren, sind sie nach Angaben Kimbalas soweit, das sie wieder behutsam an ihre Familien herangeführt werden können. "Hier stehen wir vor der nächsten große Hürde. Die Kinder sind dort als grausame Täter verschrien und wurden ausgestoßen", sagt Kitembala: Oft gelinge es erst nach langen Verhandlungen mit den lokalen Führern, die Ausgestoßenen wieder einzugliedern. Wenn der Junge eines Tages in sein Dorf zurückkehrt, wird aus "Mosquito" wieder Masumbuku. "Ein Kind", sagt Kitembala, "wird er jedoch nie mehr sein."

Antje Passenheim, dpa



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