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Zentralafrikanische Republik: Samira, 13, Bürgerkriegsopfer

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Kindheit im zentralafrikanischen Bürgerkrieg Samira wünscht sich eine Prothese

Samira verlor beim Angriff einer Miliz in der Zentralafrikanischen Republik ein Bein. Die 13-Jährige möchte wieder laufen können und träumt von einer besseren Zukunft, für sich und für ihr Land.

Es ist wieder eine Nacht, wie sie Mandatakou fürchtet. In der Ferne sind Kalaschnikow-Salven zu hören. Er weiß, bei seiner Tochter Samira weckt das böse Erinnerungen. "Manchmal weint sie nachts. Besonders wenn geschossen wird. Ich muss hilflos zusehen", sagt der 43-Jährige am nächsten Tag. Samira kocht währenddessen Gemüse, es gibt Okraschoten und Kassawa. Die 13-Jährige hat ihre Krücken neben sich gelegt. Ihr linkes Bein fehlt. Es wurde amputiert.

Im März 2017 griff eine Miliz das Dorf der Familie an, eine Kugel traf das Mädchen ins Bein. Die Familie rannte um ihr Leben, der Vater trug seine verwundete Tochter - als er sich umdrehte, sah er seine Hütte brennen. Mandatakou sah, wie sein Bruder und dessen gesamte Familie ermordet wurde.

Der große, hagere Mann senkt den Kopf. "Die Kämpfer kamen am helllichten Tag. Sie haben Unschuldige getötet, einfach so. Weil sie es konnten. Es gab keinen Grund", sagt der 43-Jährige heute.

Die Zentralafrikanische Republik, weniger als fünf Millionen Einwohner, fast doppelt so groß wie Deutschland, ist eigentlich ein reiches Land. Der Boden bietet fruchtbare Erde, Eisen, Diamanten, Gold und Uran. Aber gerade diese Schätze entwickelten sich zum Fluch für die Menschen.

Sechs Jahre Bürgerkrieg, christliche und muslimische Milizen bekämpfen sich in einem undurchsichtigen Machtkampf um Einfluss und Bodenschätze. Die Kämpfe und maßlose Korruption haben den Staat ruiniert. Frankreich, China und zunehmend auch Russland verfolgen zudem ihre eigene Agenda im Land. Staatschef Faustin-Archange Touadéra baut auf russische Militärberater und russische Waffen. Außer französischen Soldaten seien auch russische Söldner im Einsatz, sagen Beobachter.

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Zentralafrikanische Republik: Samira, 13, Bürgerkriegsopfer

Foto: Till Mayer

Unter der Gewalt leiden Menschen wie Samira und ihre Familie. Nach dem Angriff 2017 versteckten sie sich fast einen Monat lang im Wald. Samiras Wunde eiterte, das Mädchen wimmerte vor Schmerzen, bekam Fieber. "Wir haben es mit unserer traditionellen Medizin versucht. Mit dem, was wir im Wald gefunden haben, haben wir eine Paste aus Rinde gemacht. Es hat wenig genutzt", sagt Vater Mandatakou.

Das Rote Kreuz brachte die Familie schließlich in Sicherheit in die Stadt Bambari, fast 150 Kilometer entfernt von ihrem Heimatdorf. Im örtlichen Krankenhaus konnten die Ärzte Samiras linkes Bein nicht mehr retten. Dass das Mädchen überlebte, grenzt an ein Wunder.

Die Familie hat im verlassenen Verwaltungsgebäude einer ehemaligen landwirtschaftlichen Firma Unterschlupf gefunden. Ein lang gezogenes, einstöckiges Gebäude. Innen kahle Wände und kalter Betonboden. Ein Zimmer hat sich die Familie gesichert, auf dem Beton Pappstreifen und Decken. Viel mehr als ein paar Kleidungsstücke und einen Kochtopf besitzt die Familie nicht. Ihr geht es so wie weiteren rund 25.000 Binnenvertriebenen, die in Bambari auf Frieden hoffen. Die Einwohnerzahl der Stadt hat sich durch die Folgen des Bürgerkriegs verdoppelt.

Samira ist die älteste von fünf Geschwistern. Ihr jüngster Bruder ist noch kein halbes Jahr alt. Samira liebt ihn sehr. Wenn sie den Kleinen im Arm hält, hat sie ein Lächeln im Gesicht. Das Mädchen hilft seiner Mutter, wo es nur kann. Hütet die kleinen Geschwister, kocht, harkt die Erde im Garten hinter dem Haus, fegt den Raum, wäscht das Geschirr. "Sie ist sehr fleißig. Auch beim Lernen", sagt ihre Mutter stolz. Jeden Morgen macht sich Samira auf ihren Krücken auf den Weg zur rund einen Kilometer entfernten Schule, auf dem Rücken einen pinkfarbenen Barbie-Rucksack.

Eine Klasse, mehr als hundert Schüler

Samira hat das erste Mal in ihrem Leben die Chance, Rechnen, Lesen und Schreiben zu lernen. Aber ihre Klasse zählt über hundert Schüler. Eine Lehrerin steht im riesigen Klassenzimmer und versucht mit Strenge, der viel zu großen Kinderschar das Alphabet beizubringen.

Samira ist stolz, dass sie zur Schule geht. Stolz, dass sie mittlerweile ihren Namen schreiben kann. Nur weiß der Vater nicht, wie es langfristig mit den Schulgebühren aussieht. "Eine Hilfsorganisation hat versprochen, sie zu zahlen. Aber noch ist nichts passiert", sagt er. In seiner Hosentasche steckt ein Tastenhandy. Wenn es klingelt, hat er wieder einen Job als Tagelöhner, Ziegel schleppen und aufschichten. Aber das Telefon klingelt zu selten. An manchen Tagen schläft Mandatakous Familie hungrig ein.

Jeden Montag nach der Schule macht sich Samira auf dem Weg zum Krankenhaus. Dort hat die Organisation Handicap International  (Humanity & Inclusion) einen kleinen Therapieraum, finanziert vom Auswärtigen Amt, in dem Willi wartet, ein großer Mann mit einem freundlichen Gesicht. Er arbeitet für Handicap International und bereitet Samira auf den Tag vor, an dem sie wieder ohne Krücken laufen kann. Das Mädchen soll eine Prothese bekommen. Dafür muss der Beinstumpf behandelt, massiert und bandagiert werden. Es sind anstrengende Gymnastikübungen für Samira, doch das Mädchen freut sich auf jeden Montag.

Der Weg zum Krankenhaus führt Samira durch eine geteilte Stadt. Die Seleka, eine muslimische Miliz, kontrolliert manche Viertel Bambaris, ebenso die christlichen Kämpfer der AB (Anti Balaka). Außerdem gibt es die Armee und die Uno-Soldaten, die mit weißen Radpanzern durch die Stadt rattern oder sich am Checkpoint an einem wichtigen Verkehrskreisel verschanzen.

Am Tag wirkt die Stadt friedlich, nachts wird oft genug geschossen. Am Tag steht der Zigarettenverkäufer mit seinem Stand am Straßenrand, nachts patrouilliert er mit der Kalaschnikow für seine Miliz. Dieser Wahnsinn macht Samira Angst. Gerade geht wieder ein Raunen durch Bambari, eine Miliz hat mit Überfällen gedroht. Angespannt sind nun alle, egal ob Christen oder Muslime.

Wohin die Gewalt im Land führt, sieht man im Krankenhaus der Hauptstadt Bangui. Das Hospital ist eines der wenigen im ganzen Land. Von außen wirkt es idyllisch. Viel Grün, die Gebäude im französischen Kolonialstil mit großen Bäumen, einem Spielplatz und Blumenrabatten davor. Der Eindruck verfliegt, wenn man einen Blick in die großen Krankensäle wirft.

Gesundheitsversorgung gibt es in der Zentralafrikanischen Republik kaum. Laut den Vereinten Nationen liegt die durchschnittliche Lebenserwartung bei knapp 53 Jahren - einer der niedrigsten Werte weltweit. Die Säuglingssterblichkeit liegt laut Daten der Weltbank bei 107 pro 1000 Geburten. Fast zehn Frauen von 1000 sterben bei der Entbindung und im Anschluss.

In der Pädiatrie starren ausgemergelte Kinder apathisch ins Nichts. Die Schussopfer werden in der Chirurgie behandelt. Es sind zu viele Patienten für das Krankenhaus, dessen Personal mit einfachsten Mitteln helfen muss.

Samira hat einen Traum

Angesichts der Situation im Land ist Samiras Traum vielleicht gar nicht so verrückt, weil alle lebenswerte Normalität unerreichbar scheint. "Ich will Präsidentin werden", sagt das Mädchen ein wenig im Flüsterton. Doch dann wird die Stimme fest. "Ich will Frieden schaffen. Und endlich soll unsere Armut aufhören." Das Wahlprogramm der 13-Jährigen klingt im Vergleich zu den Worthülsen der Politiker und Warlords sehr glaubwürdig und vernünftig.

Wie es gehen könnte, zeigt sich in Chimbolo. Das Dorf liegt rund dreißig Kilometer außerhalb von Bambari, es besteht aus Lehmziegelhütten mit Schilfdächern. Die Menschen hier lieben ihre Siedlung. In einer der runden Hütten lebt Adjara. Ein blaues Dreirad mit Handantrieb steht vor der Hütte der Familie. Das hat die 20-Jährige von Handicap International bekommen, und dank Mitteln des Auswärtigen Amts. Adjaras Füße sind nach innen gewachsen. Das Dreirad bedeutet für die junge Frau, dass sie nun endlich zur Schule kann.

Sie findet dabei recht tatkräftige Hilfe. Gerade schieben die Nachbarskinder sie und ihr Dreirad an, junge Christen und Muslime. Adjara lacht vor Vergnügen, als sie über den staubigen Boden ruckelt. "In Chimbolo zählt es nicht, welchen Glauben ein Mensch hat. Bei uns kamen und kommen alle miteinander aus", sagt der zweite Dorfchef. Er ist Muslim. Die Menschen im nahen Bambari lebten bis vor sechs Jahren friedlich zusammen. Vielleicht muss man so mutig wie ein Kind sein, um zu glauben, dass das wieder möglich ist.

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