Kirgisien "Amerika hat die Wurzeln der Demokratie zerstört"

Kirgisiens Ex-Präsident Akajew hält nichts von parlamentarischer Demokratie in dem krisengeschüttelten Land - obwohl die Bürger jüngst dafür stimmten. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview kritisiert er die Interessenpolitik der USA und Übergangspräsidentin Otunbajewa.
Ex-Präsident Akajew: "Kirgisien braucht einen starken Präsidenten"

Ex-Präsident Akajew: "Kirgisien braucht einen starken Präsidenten"

Foto: epa Anatoly Maltsev/ picture-alliance/ dpa/dpaweb

SPIEGEL ONLINE: Nach der jüngsten Volksabstimmung soll Kirgisien eine parlamentarische Demokratie nach westlichem Vorbild werden. Kann das in einer Region gelingen, in der sonst starke Männer regieren?

Akajew: Parlamentarische Demokratie funktioniert, wenn die Wirtschaft gut läuft, die Politiker auf das Volk hören und zu Kompromissen bereit sind. Die Elite in den Staaten der Ex-Sowjetunion ist noch nicht so weit. Beinahe überall haben wir Präsidialdemokratien.

SPIEGEL ONLINE: In einigen Diktaturen.

Akajew: Kirgisien braucht keine Diktatur, aber einen starken Präsidenten, der effektive Entscheidungen trifft, damit das Land nicht zerfällt. Aber auch Gewaltenteilung: ein starkes Parlament, Opposition, eine kritische Presse. Als ich das Land von 1990 bis 2005 regierte, sprach der Westen zu Recht von einer Insel der Demokratie.

SPIEGEL ONLINE: Weshalb sind Sie dann gestürzt worden?

Akajew: Ich wollte nie Präsident auf Lebenszeit sein und hatte mein Karriereende angekündigt. Den Amerikanern ging es nicht schnell genug. Die US-Botschaft hat offen meinen Sturz betrieben. Sie haben die Wurzeln der Demokratie herausgerissen und zerstört.

SPIEGEL ONLINE: Warum taten die Amerikaner das in Kirgisien und nicht in Kasachstan oder Usbekistan?

Akajew: Dort war es am leichtesten, weil wir am demokratischsten waren. Wir hatten Hunderte Nichtregierungsorganisationen, Presse- und Versammlungsfreiheit. Die Hotels waren voll mit US-Beratern. Sie sollten die bunten Revolutionen von 2003 in Georgien und 2004 in der Ukraine wiederholen.

SPIEGEL ONLINE: Die Bush-Regierung wollte Sie weg haben, weil Sie als enger Verbündeter Moskaus galten. Mochten Sie die Amerikaner nicht?

Akajew: Im Gegenteil. Ich habe erreicht, dass wir als erstes Nachfolgeland der Sowjetunion in die WTO kamen. Ich hatte verstanden, dass Kirgisien drei Großmächte als Nachbarn hat. China und Russland, wie man auf der Landkarte sieht. Und Amerika, weil Amerika eben überall seine Interessen hat.

Bakijew

SPIEGEL ONLINE: Was halten Sie von Ihrem Nachfolger , der seinerseits im April gestürzt wurde?

Rosa Otunbajewa

Akajew: Er hat das Land ausgeraubt. Journalisten und Oppositionelle und die Drogenbarone, mit deren Hilfe er an die Macht gekommen war, wurden umgebracht. Jetzt regiert eine Art Junta mit an der Spitze. Das sind die Super-Demokraten, die sich der Westen herangezogen hat. Revolutionen gehen schnell, aber irgendwann fragt das Volk, wo denn das Brot bleibt.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Nachfolger Bakijew hat im Interview mit SPIEGEL ONLINE durchblicken lassen, dass er nicht viel von einer Frau als Staatschefin hält.

Akajew: Weil er die Geschichte seines eigenen Volkes nicht kennt. Vor hundert Jahren herrschte im Süden Kurmandschan Datka und zwar über fünf Jahrzehnte.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben als Präsident Rosa Otunbajewa gefördert wie auch Bakijew. Hat sie das Zeug, das Land zusammenzuhalten?

Akajew: Da mache ich mir wenig Hoffnung.

SPIEGEL ONLINE: Warum will Rosa Otunbajewa, die im April durch einen Putsch an die Macht kam, eine parlamentarische und keine Präsidialdemokratie?

Akajew: Weil das bequem für die Mitglieder ihrer Regierung ist. Bei einer Präsidentenwahl hätte keiner eine Chance. Jetzt wollen sie die Macht im Parlament unter sich aufteilen.

SPIEGEL ONLINE: Immerhin haben 90 Prozent für die neue Verfassung gestimmt, 69 Prozent gingen zur Wahl.

Akajew: Viele meiner Freunde taten das, ohne den Text der Verfassung überhaupt gelesen zu haben. Sie wollten einfach Ruhe und Frieden.

SPIEGEL ONLINE: Wurde ehrlich gezählt oder gefälscht?

Akajew: Es ist offensichtlich, dass vieles nicht mit rechten Dingen zuging. Von den zahllosen Kirgisen, die in Russland leben, stimmten aber nur 13.000 ab. Die meisten Usbeken, die vor den bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen flüchteten, haben nicht abgestimmt.

SPIEGEL ONLINE: Wie groß ist der Einfluss eines radikalen Islam in Kirgisien?

Akajew: Ich war immer dagegen, den Islam zu dämonisieren. Man muss den Dialog suchen und die große Mehrheit der Muslime will mit Extremisten nichts zu tun haben. Die Islamisten sind stark im Ferghana-Tal. Im Süden des Landes finanziert Saudi-Arabien den Bau von Moscheen und bezahlt Mullahs.

SPIEGEL ONLINE: Wollen Sie wieder zurück in die Politik?

Akajew: Danach habe ich keinerlei Sehnsucht. Ich bin Mathematiker von Beruf und freue mich, dass ich heute wieder Formeln schreibe.

Das Interview führten Matthias Schepp und Benjamin Bidder in Moskau
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.