Kirgisien Angst vor dem, was kommt

Nach den Auschreitungen und Plünderungen bleibt die Lage im zentralasiatischen Kirgisien gespannt. Bürger fürchten neue bewaffnete Auseinandersetzungen in Machtkämpfen von Clans und Banden.

Von , Bischkek


Bischkek: Polizist auf Streife
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Bischkek: Polizist auf Streife

Das moderne, von türkischen Investoren gebaute Einkaufszentrum "Beta Store" bot rund 400 Leuten Arbeit. Bis zum vergangenen Donnerstag gegen 18 Uhr. Da rottete sich vor dem Handelshaus eine Menge von mehreren tausend Menschen zusammen. Vor allem junge Männer aus Bischkek und der Provinz stürmten das sechsgeschossige Gebäude, plünderten die Auslagen und und setzten das Kaufhaus in Brand. "Die haben mit Steinen auf uns geworfen und bis zum frühen Morgen gewütet", sagt Wachmann Raschid, der mit seinen Kollegen vor dem Mob fliehen musste.

Nachtklub zu Asche

Rußgeschwärzt sind die zertrümmerten Fensterscheiben des Warenhauses. Auf dem Hof spielt der Wind mit Rechnungen und Fetzen von Pappkartons. Ein Autowrack ohne Reifen und Fensterscheiben vor dem Zentrum vervollständigt das trostlose Bild vom Abschwung Ost.

In eine Ruine haben die Randalierer, die von Donnerstag auf Karfreitag ihre Nacht der Nächte veranstalteten, auch das chinesisch-kirgisische Einkaufscenter "Go in" verwandelt. Ausgebrannte Fensterlöcher und zwei Meter hohe Schuttberge im Hof künden davon, dass hier so bald kein Umsatz mehr zu machen ist.

Achmat Myrsabekow, Chef eines Nachtklubs und Kasinos im vierten Stock des Gebäudes, weiß nicht, wie er weiter arbeiten kann. Hilfslos musste der untersetzte 40-Jährige, dessen sechs Wachmänner früher rabiate Besucher nicht fürchteten, zusehen, wie sein Betrieb sich in einen Haufen Asche verwandelte und seine 140 Mitarbeiter ihre Arbeit verloren.

Beta-Store: Grün-Donnerstag am Abend ausgeplündert
EPA/DPA

Beta-Store: Grün-Donnerstag am Abend ausgeplündert

Auch Dutzende andere Geschäfte, vor allem Läden für Elektrotechnik und Bekleidung, aber auch Lebensmittelsupermärkte wurden ein Opfer der Marodeure. Die Polizei hatte sich aus der Stadt zurück gezogen, nachdem teils mit Knüppeln bewaffnete Massen junger Leute am Donnerstag den Amtssitz des Präsidenten Askar Akajew gestürmt hatten. "Die Rechtsschutzorgane waren paralysiert, die Lage war außer Kontrolle geraten", bedauert Pjotr Tjablin, Vize der Bischkeker Innenverwaltung. Bei den von den Plünderern angezetteln Krawallen wurden mehr als 400 Menschen verletzt, darunter 146 Polizisten. Zwar gelang es dem von der neuen Macht eingesetzten "Koordinator der Sicherheitskräfte", dem vom alten Regime inhaftierten Polizeigeneral Felix Kulow innerhalb von zwei Tagen, die Polizei wieder zu mobilisieren und weitere Exzesse zu verhindern. Doch der Ruf Kirgisiens bei den Nachbarländern wie auch bei potenziellen Investoren ist ramponiert.

Zahnlose Mittelschicht

Nicht nur Berufskriminelle plünderten in der Nacht nach dem Umsturz hauptstädtische Geschäfte. Unter den 138 Festgenommenen fanden Bischkeker Ermittler nicht nur alte Bekannte aus ihrer Kartei. Auch viele bislang unbescholtene Bürger der Armutsrepublik entschieden angesichts vermeintlicher Straffreiheit, ihre materielle Lage durch Raub, Diebstahl oder Hehlerei aufzubessern. So nahm die Polizei Nurul, 25, fest, eine Mutter dreier Kinder und Zeitungsverkäuferin. Die in den Sog der Plünderungen geratene junge Frau hatte sich im großen Stil mit Staubsaugern, Bügeleisen und Mikrowellenherden versorgt, bis die Polizei vor ihrer Tür stand.

Geschäftsleute und Betreiber kleiner Cafes und Restaurants trauen den Parolen von "Stabilität" nicht, mit denen die neue Regierung, überwiegend gewendete Funktionsträger des alten Regimes, das Volk zu beruhigen versucht. Zwar bedauert niemand den Sturz des korrupten Familienclan-Chefs Akajew. Aber viele fürchten, dass bald Machtkämpfe zwischen rivalisierenden Clans und Gruppen zu neuer Gewalt führen werden.

Ruslan, 42, ist Chef eines Cafes am zentralen Tschuj- Boulevard. Der passionierte Angler bemerkt beunruhigt, dass in dem Geschäft, in dem er sich mit Angelhaken versorgt, auch Waffen derzeit reichlich Absatz finden: "Wir haben alle Angst vor dem, was kommt. Die Lage ist nur scheinbar ruhig." Die Bischkeker Zeitung "MSN" zu Zeiten des Akajew-Regimes das bedeutendste Oppositionsblatt, sieht Kirgisien gar schon "an der Schwelle zu einem Bürgerkrieg". Schon bewaffneten sich, so das Blatt, Anhänger des gerade zurückgetretenen Sicherheitskoordinators Kulow und rüsteten sich zum Kampf gegen die derzeitige Übergangsregierung. Das Land, so die Zeitung, könne bald "in völliges Chaos" abgleiten.

Nach den Plünderungen: In diesem Einkaufszentrum sind von der Ware nur noch Trümmer übrig
AP

Nach den Plünderungen: In diesem Einkaufszentrum sind von der Ware nur noch Trümmer übrig

Zu einer erfolgreichen bürgerlich-demokratischen Revolution fehlt Kirgisien vor allem ein Bürgertum. Selbst Besitzer kleiner Laden und Kioske leben meist weit unter dem Lebensstandard deutscher ALG-II-Empfänger. Talan Bassijew, 33 handelt auf dem hauptstädtischen Beschsary-Markt mit Baumwollstoffen. Er kann sich nicht mal einen Pkw leisten und lebt mit einer zehnköpfigen Familie in einer Zweizimmer-Mietwohnung. An seinen bescheidenen Umsätzen nähren sich Banditen, die Schutzgeld einstreichen ebenso wie Steuerbeamte, die fast ein Drittel seiner Gewinne kassieren.

Oendueruesch Toktonassyrow, 47, betreibt einen Zeitungskiosk. Sein Einkommen reichte bislang nicht einmal, um zwei Lücken zwischen den Schneidezähnen zu füllen. Die Lage des mittellosen Mittelstandes wird sich nicht ändern, solange die mit Banditen verfilzte korrupte Bürokratie das Land fest im Griff hält. Kirgisien ist eine Woche nach dem Umsturz leichter in den Abgrund zu bugsieren als in einen Rechtsstaat zu verwandeln. Dem Land, Ende des 19. Jahrhunderts vom russischen Zarenreich unterworfen und 1924 als Sowjetrepublik in die UdSSR eingefügt, fehlen nicht nur demokratische Erfahrungen, sondern staatliche Traditionen überhaupt.



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