Klaras Sicht der Dinge Uneigentliches Sprechen

Im Zeichen einer neuen Politikergeneration und in Zeiten des Krieges entstehen Sex ohne Sex, nichtssagende Informationen und "unvermeidliche Fehler".
Von Nataly Bleuel

Die Kommunikation hat sich verändert in letzter Zeit. Der Trend geht zum uneigentlichen Sprechen, hin zu uneindeutigen Verlautbarungen. Wahrscheinlich rührt das daher, daß die Politikergeneration gewechselt hat: An der Macht sind nun diejenigen, die sich ungern festlegen wollen. Die nach 16 langen Jahren Opposition und vier kurzen Monaten Regieren den Krempel hinschmeißen wie Oskar Lafontaine. Die hedonistischen Machtmenschen, die sagen: "Leute, ich hab’s doch nicht so gemeint" oder, wenn sie es doch so gemeint haben: "Keiner versteht mich!"

Damit angefangen hat Bill Clinton, der beim Kiffen nicht inhaliert haben will und beim Außerehelichen grundsätzlich nicht penetriert. Da ging es noch um den Krieg der Geschlechter und der Innenpolitik (mit weltweiter Lächerlichkeits-Konsequenz). Nun befinden wir uns im außenpolitischen Konflikt, einem "postnationalen Krieg", also einem im Namen der Menschenrechte. Das ist gar nicht mehr lustig, und es ist ein ungewohntes Feld. Die Diplomatie löst doppelte Zungen: Die Protagonisten bedienen sich der Propaganda, die entweder JA sagt oder stets verneint - oder beides zusammen (ambivalente Propaganda). Wir haben da verschiedene (!) Nato-Sprecher, die mal zugeben, einen militärischen Konvoi bombardiert zu haben. Dann wieder nicht. Und momentan war es ein gemischter Zug aus militärischen und zivilen Teilen, den man irgendwie schon bombardiert hat. Doch die Toten weisen angeblich statt Laserbomben-Wunden (Nato) Maschinengewehr-Einschüsse (Serben) auf. Ein uneigentlicher Angriff mit leider sehr eindeutigen Todesfolgen.

Nun regt sich immer lauterer Widerstand bei den Grünen, der perpetuierten Ambivalenzpartei der Eigentlichen (Fundis) und der Uneigentlichen (Realos). Und – wer sonst? – Jürgen Trittin, der Mann der verbalen Schnellschüsse (mit mentaler Nachbereitung), spricht ein klares Wort: Der Nato-Einsatz sei ein Fehler, sagte er. Da haben sich einige ganz sicher das kindliche Dings-Da-Zensur-Oops herbeigewünscht, und schon wird der allzuklare Schnellschuß relativiert. Der Fehler sei ein "unvermeidlicher Fehler".

Ein herrliches Reizwort für den Sophisten in uns: Fehler haben es an sich, daß man sie tun oder lassen kann, dafür sind sie da. "Unvermeidliche Fehler" kann es ergo nicht geben, zumindest nicht aus freier Entscheidung. Unvermeidlich wird ein Fehler erst aus dem Nachhinein betrachtet, a posteriori. Ist das also Schicksal? Oder Zwang? Oder der Gang der Geschichte? - Jedenfalls ist es genauso uneigentlicher Sprech wie doppelzüngige Diplomatie oder irreführende Propaganda oder gezielte Desinformation. Also Falsches im Falschen. Wie Kiffen ohne Rauchen, außerehelicher Sex ohne willentliches Anfassen oder Krieg ohne Gewalt.