Klein vor Kunduz-Ausschuss Gebete in der Bombennacht

Überraschung im Untersuchungsausschuss: Oberst Georg Klein hat erstmals und unerwartet offen über die Bombennacht von Kunduz gesprochen. Er begründete seinen Befehl mit einer dramatischen Bedrohungslage, sprach sogar über Gebete danach - doch sein Auftritt provoziert neue Fragen. Vor allem zur Elitetruppe KSK.

Von , Ulrike Demmer und John Goetz


Berlin - Fünf Stunden nahm sich der Oberst. Viel Zeit. Doch er wollte die schwerste Entscheidung seines Lebens verteidigen - das Bombardement zweier Lastwagen bei Kunduz, bei dem viele Menschen ums Leben kamen, auch viele Zivilisten.

Georg Klein war sichtlich bewegt, als er an diesem Mittwoch vor den Untersuchungsausschuss des Bundestags zu der Affäre trat. "Als Christ habe ich den Einsatz schweren Herzens, nach langer Prüfung und nach bestem Wissen und Gewissen befohlen - mit der festen Überzeugung, keine Zivilisten zu treffen", sagte er den Abgeordneten. Er wirkte begierig, nach Monaten des Schweigens, nach endlosen Berichten über ihn, nun endlich selber zu reden.

Der Auftritt des Obersts hinter verschlossenen Türen hat die Ausschussmitglieder beeindruckt. Niemand hatte so recht erwartet, dass sich Klein trotz des drohenden Verfahrens gegen ihn überhaupt äußern würde. Dass der Oberst schließlich den Angriff auf zwei entführte Tanklaster so vehement rechtfertigen würde, so detailliert den Vorwürfen gegen ihn widersprechen und sich sogar auf Fragen der Abgeordneten einlassen würde, war eine Überraschung.

Begonnen hatte Klein am Morgen mit einem vorbereiteten Statement für den Ausschuss. Darin bezeichnete er seinen Angriffsbefehl als "angemessen". Zuvor hatte sein Anwalt die Order als "rechtsmäßig" klassifiziert - Klein werde zu Unrecht in den Medien vorverurteilt. Der habe für seine Soldaten, die afghanischen Sicherheitskräfte und die Zivilbevölkerung in einem bewaffneten Konflikt eine schwerwiegende militärische Entscheidung zu treffen, sagte der Anwalt.

Gebete in der Kapelle des Camps

Was in der Nacht des Bombardements wirklich im deutschen Camp in Kunduz passierte: In dieser Frage sind die Abgeordneten durch Kleins Vernehmung ein gutes Stück vorangekommen. Sie hatten einen Militär-Oberst vor sich, der sich bis heute sicher ist, damals das Richtige getan zu haben. Doch sie sahen auch einen Mann, der zwischen Mitternacht und 1.49 Uhr eine sehr einsame Entscheidung treffen musste - und der danach in die Kapelle des Camps ging und betete.

Im Ausschuss rechtfertigte sich Klein vehement mit der akuten Bedrohungslage in Kunduz. Dramatisch beschrieb er die Gewalt der Taliban, ihre immer bessere Taktik. Er berichtete, wie seine Soldaten Stunden vor dem Angriff in ein stundenlanges Gefecht verwickelt wurden. "Am 3. September waren die schwersten Gefechte überhaupt", sagte Klein. "Meine Soldaten haben das als Krieg empfunden." Er sorgte sich, die Taliban könnten deutsche Uniformen erbeutet haben.

Gleichwohl übernahm Klein die volle Verantwortung für den Bombenabwurf. Er sei sich sicher gewesen, dass keine Zivilisten getötet würden, deshalb sei vor dem Abwurf der Bomben auch mehrfach mit dem afghanischen Informanten gesprochen worden. "Niemand hatte ein besseres Lagebild als ich", sagte er. Aus diesem Grund habe er auch seine Vorgesetzten nicht informiert in der Nacht. Stattdessen traf er allein die Entscheidung, zwei Bomben über den Lastern abzuwerfen.

Woher kam die Idee, einen Feindkontakt zu erfinden?

Klein schilderte aber auch, wie wenig er teilweise von den Abläufen im Befehlsstand mitbekam. So sei das mehrfache Angebot der Piloten an den Flugleitoffizier, den Tatort in niedriger Höhe zu überfliegen, um die Menschen aufzuscheuchen, nur einmal an den Kommandeur herangetragen worden. Kurz vor dem Abwurf der Bomben sei dies geschehen, sagte Klein. Er lehnte ab. Aus seiner Sicht kreisten schon lange genug Flieger über der Furt, um die Menschen zu warnen.

Die Aussagen über den Fliegerleitoffizier wirkten manchmal wie Vorwürfe. So habe nur der sogenannte JTAC ("Joint Traffic Air Controller") und nicht er selber auf den Bildern der Jet-Kameras Panzerfäuste bei den Menschen rund um die Tanklaster erkannt und diese so als Taliban identifiziert. Ebenso habe er selber viele Dialoge zwischen JTAC und Piloten weder verfolgt noch verstanden. "Der JTAC ist für die Kommunikation mit den Piloten zuständig und verantwortlich", sagte Klein.

Kleins Aussagen beziehen sich auf die schweren Vorwürfe der Nato gegen den Oberst. In einem geheimen Untersuchungsbericht beschuldigt ihn ein Experten-Team, einen nicht existenten Feindkontakt deutscher Truppen gemeldet zu haben, um überhaupt Luftunterstützung von der Nato-Zentrale zu bekommen. Klein hingegen sagte nun aus, der Vorschlag für die falsche Behauptung sei von seinem Fliegerleitoffizier gekommen. Dieser habe ihn intensiv beraten.

"Ich verwahre mich gegen die Unterstellung, ich hätte töten wollen"

Vehement verwahrte sich Klein gegen Vorwürfe, er habe die Gelegenheit der entführten Tanker genutzt, um gezielt Taliban zu eliminieren. "Ich verwahre mich gegen die Unterstellung, ich hätte töten wollen", sagte er. "Nein, das wollte ich nicht." Vielmehr habe er einen Befehl an einen B1-Bomber verweigert, der vorher den Tatort überwachte. Klein: "Ich habe eindeutig abgelehnt, dass das Ziel mit dem B1-Bomber bekämpft werden soll."

So offen der Oberst auch war, so viele neue Fragen sieht nun vor allem die Opposition. Aus Sicht von SPD und Grünen blieb die Kooperation mit der "Task Force 47" weitgehend nebulös - jener deutschen Spezialeinheit in Kunduz, die zur Hälfte aus Elitesoldaten des Kommandos Spezialkräfte (KSK) besteht. "Hier gibt es manche mysteriöse Dinge, die einer Aufklärung bedürfen", sagte SPD-Politiker Rainer Arnold. Klein hatte die Operation ausschließlich aus dem Befehlsstand der geheim agierenden Spezialeinheit geführt, seinen eigenen Stab ließ er außen vor.

Der Oberst berichtete, dass neben den namentlich bekannten Mitgliedern der TF-47 in der Bombennacht sechs weitere Personen in der Kommandozentrale anwesend waren, die er teils vom Sehen kannte - teils aber gar nicht. Die SPD forderte umgehend, Kleins Zusammenarbeit mit der TF-47 müsse im Ausschuss en détail geklärt werden.

Als der Oberst einen der unbekannten Männer als Agenten des Bundesnachrichtendienstes (BND) verortete, gab es reichlich Verwirrung. Kurz darauf stellte der deutsche Auslandsnachrichtendienst im geheim tagenden Kontrollgremium für die Geheimdienste klar, zur Zeit des Bombenbefehls sei kein BND-Agent in der Befehlstelle gewesen. Zwar gebe es in der "Task Force" zwei Mitarbeiter des Geheimdienstes - diese seien an dem Angriff aber nicht beteiligt gewesen.

Der Ausschuss tagt wieder in zwei Wochen. Dann sollen der Fliegerleitoffizier und die ersten Mitglieder der Task-Force aussagen.

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Seite 1
semir, 20.01.2010
1.
Zitat von sysopDie Opposition wirft der Bundesregierung massive Fehler rund um die Bombardierung zweier Tanklaster am Kunduz-Fluss vor, insbesondere Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg. Was wird der Untersuchungsausschuss dazu beitragen können?
Es wird viel geredet werden,die Verantwortlichen für den Tod von Zivilisten werden aber bestimmt nicht einen Knast von innen sehen.
Leto_II., 20.01.2010
2.
Zitat von semirEs wird viel geredet werden,die Verantwortlichen für den Tod von Zivilisten werden aber bestimmt nicht einen Knast von innen sehen.
N-TV hat schon läuten hören, das die Bundesanwaltschaft das Verfahren gegen Oberst Klein einstellen will, da nach geltendem VStGB keine strafbare Handung vorliegt. Das war nur eine Randbemerkung wert... Die Verantwortlichen für den Tod der Zivilisten sind also unter den Taliban zu suchen und die kommen in der Tat viel zu selten in den Knast.
saul7 20.01.2010
3. ...
Zitat von sysopDie Opposition wirft der Bundesregierung massive Fehler rund um die Bombardierung zweier Tanklaster am Kunduz-Fluss vor, insbesondere Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg. Was wird der Untersuchungsausschuss dazu beitragen können?
es hat selten einen UA gegeben, der wirklich aufklärend gewirkt hätte. Meist bleibt vieles unter dem Teppich. In diesem Fall erwarte ich keine wesentliche Klärung der tatsächlichen Abläufe.
M@ESW, 20.01.2010
4.
Zitat von sysopDie Opposition wirft der Bundesregierung massive Fehler rund um die Bombardierung zweier Tanklaster am Kunduz-Fluss vor, insbesondere Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg. Was wird der Untersuchungsausschuss dazu beitragen können?
Insbesondere Guttenberg also? Na dann frage ich mich wieso die so zimperlich sind? Dann könnten sie ihm doch gleich noch den Angriff auf Polen vorwerfen. Wen interessieren schon Amtszeiten und Zeitpunkt des Vorfalls.
henningr 20.01.2010
5.
Zitat von sysopDie Opposition wirft der Bundesregierung massive Fehler rund um die Bombardierung zweier Tanklaster am Kunduz-Fluss vor, insbesondere Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg. Was wird der Untersuchungsausschuss dazu beitragen können?
Die Frage ist doch eher "soll der Untersuchungsausschuss die Kunduz-Affäre überhaupt aufklären?"
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