SPIEGEL-Umfrage Wie junge Deutsche über die Klimakrise denken - und was sie dagegen tun

Flugscham, Fair Fashion oder "Fridays for Future": 18- bis 29-Jährige machen sich viele Gedanken über Klima- und Umweltschutz. Ob und wie sie sich engagieren, zeigt eine aktuelle SPIEGEL-Umfrage.
Klima-Demonstration "Fridays for Future" in Hamburg

Klima-Demonstration "Fridays for Future" in Hamburg

Foto: Georg Wendt/ DPA

Auf Demonstrationen, auf Social Media und durch Schulstreiks haben vor allem junge Menschen in diesem Jahr ihre Sorgen und Forderungen zur weltweiten Klimapolitik laut und öffentlich mitgeteilt.

Und während sich bis Mitte Dezember die Regierungsvertreter von 197 Ländern in Madrid zur Uno-Klimakonferenz treffen, um über die nächsten Schritte im Kampf gegen den Klimawandel zu verhandeln, bewegt das Thema auch die Bürger weltweit weiterhin.

SPIEGEL ONLINE

Wir wollten wissen: Wie sehr beschäftigt 18- bis 29-Jährige in Deutschland der Klimawandel, wie engagieren sie sich, und wie denken sie über die Klimapolitik der Bundesregierung?

Die exklusiven Ergebnisse, die für diese Altersgruppe repräsentativ sind, zeigen: Umwelt- und Klimaschutz interessiert und bewegt junge Menschen hierzulande durchaus, doch über den richtigen Weg, um die Krise zu bewältigen, sind sie sich uneins.

Interessant ist dabei: Obgleich über die "Fridays for Future"-Demonstrationen medial viel berichtet wurde und 54 Prozent der 18- bis 29-Jährigen angaben, häufig mit Freunden, Bekannten, Mitschülern oder ihrer Familie über die Klimakrise zu diskutieren, teilten gleichzeitig knapp 54 Prozent mit, noch nie an einer solchen Demo teilgenommen zu haben - weil sie daran kein Interesse haben (49,3 Prozent) oder "Fridays for Future" gar nicht kennen (4,6 Prozent).

Lediglich 4,5 Prozent beziehungsweise 7,6 Prozent gaben an, mehr als fünfmal beziehungsweise mehr als zweimal dabei gewesen zu sein.

Immerhin: Dreiviertel der Befragten gaben an, persönlich etwas für den Klima- oder Umweltschutz zu leisten. Wobei die Antworten auch zeigen: Im Supermarkt zu regionalen Produkten zu greifen, fällt den meisten deutlich leichter, als fair hergestellte Kleidung zu kaufen.

Wie denken junge Menschen in anderen Ländern über die Klimakrise? Engagieren sie sich, und wenn ja, wie? Während der Klimakonferenz in Madrid stellen wir junge Menschen aus der ganzen Welt vor, die sich über Umwelt- und Klimaschutz Gedanken machen, und berichten, wie sie versuchen, etwas zu verändern.

Mattia und Carlo, beide 13, Schulfreunde aus Italien: "Um Strom zu sparen, nehme ich die Treppe statt den Aufzug"

Mattia (l.) und Carlo

Mattia (l.) und Carlo

Foto: Frank Hornig/ DER SPIEGEL

Mattia: "Zum ersten Mal habe ich im Frühjahr von 'Fridays for Future' gehört. Ich dachte: 'Cool, da gehe ich mal hin.' Wir haben dann auf einem Platz beim Forum Romanum demonstriert. Einer hatte ein Megafon dabei und rief: 'Wir wollen unsere Erde beschützen.' Bei einer anderen Demo sind wir durchs Zentrum gelaufen, es waren viele Leute dabei. Einige hatten Trommeln mitgebracht, damit man uns und unsere Schilder auch wahrnimmt. Auf denen standen Sachen wie 'There is no planet B'."

Carlo: "In der Schule reden wir oft über den Klimawandel. Ich finde das beängstigend. Wenn dir jemand sagt, die Welt geht in 50 Jahren unter, machst du dir natürlich Gedanken. Mich fasziniert, dass mit Greta Thunberg eine junge Person fast eine Revolution gestartet hat. Mit Millionen Kindern, die sich engagieren. Trotzdem verstehen manche Politiker das Problem nicht. Das finde ich schade."

Mattia: "Als ich klein war, also etwa zehn Jahre alt, habe ich einen Film gesehen, über Nanuq, einen Eisbären, der in der Arktis wegen der Eisschmelze sein Zuhause verloren hat. Da habe ich schon verstanden, dass es ein Problem gibt. Und dann habe ich vor Kurzem das Video von Greta gesehen, wie sie vor den Vereinten Nationen spricht. Seitdem gebe ich darauf acht, weniger Energie zu verbrauchen. In den Sommerferien sind wir zum Beispiel mit dem Zug von England nach Rom zurückgereist, nicht mit dem Flugzeug. Und hier zu Hause verzichte ich möglichst auf den Aufzug und nehme die Treppe, auch wenn es vier Stockwerke sind."

Demonstration für mehr Klimaschutz im November 2019 in Rom

Demonstration für mehr Klimaschutz im November 2019 in Rom

Foto: Angelo Carconi/ ANSA/ AP

Carlo: "Wir versuchen, Produkte aus der Region zu kaufen - und nicht aus China oder Amerika. Es ist besser, ein bisschen mehr auszugeben. Aber dafür hat man eine Zukunft!"

Mattia: "Warum machen die Erwachsenen so wenig? Ich glaube, die interessiert nur das Geld. Klimaschutz ist halt teuer. Aber es ist unsere Zukunft. Deshalb sind wir es, die demonstrieren, und nicht die Alten."

Carlo: "Genau. Wir demonstrieren, weil wir die Welt retten müssen. Manche Politiker sagen ja, dass der Klimawandel eine Lüge sei. Ich finde das absurd. Das Wetter spielt doch jetzt schon verrückt. Hier in Rom regnet es jetzt oft extrem, und dann sind es auf einmal wieder 40 Grad. Das gab es vorher so nicht. Und in Venedig gab es gerade erst ein extremes Hochwasser."

Mattia: "Oder es regnet monatelang überhaupt nicht, und die Felder vertrocknen. Das macht mir Angst. Ich habe das Gefühl, dass das Klima in Italien immer merkwürdiger wird."

Carlo: "Die Politiker müssen jetzt etwas tun. Zum Beispiel dafür sorgen, dass man an manchen Tagen kein Auto benutzen darf."

Dass die Regierung sowohl national als auch international zu wenig unternimmt im Kampf gegen den Klimawandel, darin sind sich auch die jungen Menschen in Deutschland einig:

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

Anmerkungen zur Methodik: Die SPIEGEL-Umfrage zur Klimapolitik wurde in Kooperation mit dem Meinungsforschungsinstitut Civey im Zeitraum vom 27. November bis 4. Dezember 2019 online erhoben. Die Stichprobe umfasste bei jeder Frage mehr als 2000 Befragte. Der statistische Fehler der Gesamtergebnisse lag bei bis zu 2,7 Prozentpunkten. Die Ergebnisse sind für die Altersgruppe der wahlberechtigten 18- bis 29-Jährigen in Deutschland repräsentativ.