Aufwachsen in Afrika, Asien und Südamerika "Für uns ist Klimaschutz ein Luxusproblem"

Wer Hunger hat oder kein Dach über dem Kopf, kann sich nicht auch noch um die Erderwärmung sorgen: Hier berichten junge Menschen außerhalb Europas, was sie an der Klima-Debatte stört.
Demonstration für den Klimaschutz in Seoul, Südkorea

Demonstration für den Klimaschutz in Seoul, Südkorea

Foto: Ahn Young-joon/ AP

Der Klimawandel betrifft die ganze Welt, doch die Auswirkungen sind je nach Region unterschiedlich. Ebenso wie der Blick der Bevölkerung auf die Krise.

Globale Gesellschaft

In Reportagen, Analysen, Fotos, Videos und Podcasts berichten wir weltweit über soziale Ungerechtigkeiten, gesellschaftliche Entwicklungen und vielversprechende Ansätze für die Lösung globaler Probleme.

Alle Artikel

Während junge Menschen in Europa bei "Fridays for Future"-Demonstrationen auf die Straße gehen, haben Gleichaltrige in anderen Ländern noch nie von der Bewegung gehört - oder sehen die Proteste sowie die westlichen Klimaschutz-Debatten eher kritisch.

Hier erzählen junge Menschen aus Ghana, Südkorea, Indonesien und Nepal, wie die Stimmung in ihren Ländern in Bezug auf den Klimawandel ist, ob und wie sie sich engagieren - und warum es so schwierig ist, ihr Umfeld für Umwelt- und Klimaschutz zu begeistern.

Portia, 25, Bibliothekarin, Ghana: "Der Klimawandel steht bei uns an zehnter Stelle - wenn überhaupt"

Portia

Portia

Foto: Anne Backhaus

"Ab und zu habe ich etwas über die 'Fridays for Future' -Demonstrationen gelesen, aber ich bin irgendwie nie dazu gekommen, mich intensiver mit den Zielen der Kinder zu beschäftigen. Ich glaube, das geht vielen Menschen in Ghana ähnlich. Es ist nicht so, dass uns der Klimawandel egal ist. Etwas dagegen zu unternehmen, steht bei uns aber nicht an erster Stelle. Eher an zehnter, wenn überhaupt.

Das hat zum einen mit unserer Mentalität zu tun. Es ist eine Art Überlebensstrategie, schlimme Dinge nicht zu nah an sich herankommen zu lassen. Es wird immer heißer in Westafrika? Okay, es ist eh schon heiß, die nächsten paar Grad schaffen wir auch noch! Lasst uns irgendwo einen Ventilator und Strom auftreiben! Und einen Witz darüber machen.

Zum anderen geht es den meisten Menschen im Land nicht gut genug. Wer sich den ganzen Tag fragen muss, wo er bloß etwas zu essen herbekommt oder in der Nacht schlafen soll, der macht sich keine Sorgen um den Klimaschutz. Für uns ist das ein Luxusproblem. Selbst für mich - und ich habe das Glück, einen guten Job in einem Büro mit dichtem Dach zu haben.

Trotzdem sollte es uns wahrscheinlich mehr interessieren. Eine Freundin von mir ist aus den Niederlanden, sie isst kein Fleisch und fliegt nicht. Wegen des Klimas! Das konnte ich kaum glauben. Immer wenn ich die demonstrierenden Kinder sehe, bewundere ich auch sie für ihre Ausdauer und Kraft. Sie machen den Job, den wir vor langer Zeit für sie hätten machen sollen."

Aufgezeichnet von Anne Backhaus

Sejung, 22, Studentin, Südkorea: "Klimaaktivisten orientieren sich sehr stark am Westen und werden dabei ungerecht"

Sejung

Sejung

Foto: Katharina Peters

"'Fridays for Future' finden hier nicht regelmäßig statt. Neulich gab es eine Demonstration, aber da war ich nicht. Dabei gelte ich unter meinen Freunden eigentlich als interessiert. Ich verstehe die Botschaft dahinter, aber sollte man Kindern nicht beibringen, wie sie praktisch etwas tun können, anstatt dass sie den Unterricht verpassen, um zu protestieren?

Ich glaube fest an Wissenschaft und Technologie - so können wir den Klimawandel aufhalten. Wir sollten junge Menschen dazu animieren, an die Wissenschaft zu glauben, in der Forschung zu arbeiten und Methoden zu finden, wie wir unseren Planeten retten können. Das finde ich besser, als die großen Firmen dafür zu kritisieren, dass sie zu viel CO2 ausstoßen - das ist nämlich unvermeidbar für wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt.

Mich stört, dass Klimaaktivisten sich sehr stark am Westen orientieren und dabei ungerecht werden. Viele Ideen lassen sich nicht auf Südkorea oder andere asiatische Länder übertragen. Die westlichen Länder sind wirtschaftlich hochentwickelt, sie haben das Geld und die Infrastruktur, um den Klimawandel abzumildern. Die Entwicklungsländer haben das nicht.

Hier in Südkorea hat das Thema auch einfach keine große Priorität. Uns beschäftigen gerade andere Dinge, formell sind wir ja auch noch im Kriegszustand mit Nordkorea. Eigentlich habe ich noch nie wirklich mit Freunden oder meiner Familie über den Klimawandel gesprochen.

Was mich wirklich besorgt, ist, dass die Koreaner noch nicht einmal das Mindeste tun für den Umweltschutz. Ich versuche, mich an die drei R zu halten: Reuse, Reduce, Recycle - also Dinge wiederverwenden, kein Plastik kaufen, weniger Konsum. Das kann jeder machen. Und es sollte sich in die Köpfe einbrennen."

Aufgezeichnet von Katharina Graça Peters

Thasia, 18, Studentin. Indonesien: "Meine Freunde und Verwandten interessieren sich nicht für die Klimakrise"

Thasia

Thasia

Foto: privat

"Die Klimakrise ist ein Thema, über das in meinem Umfeld kaum gesprochen wird. Es ist so wissenschaftlich und komplex. Jugendliche wollen über so etwas Schwerwiegendes nicht sprechen, und fast alle meine Freunde und Verwandten interessieren sich nicht dafür, was in der Welt geschieht - vor allem nicht für die Klimakrise. Wir reden eher darüber, was wir vorhaben, über Gerüchte und Probleme in der Familie.

Ich diskutiere auch nicht gern über wissenschaftliche Dinge, aber ich bin mir bewusst, dass der Klimawandel mein Leben beeinflusst. Viele denken, dass wir die Folgen der Klimakrise erst in der Zukunft spüren, aber es passiert direkt vor unserer Nase: Indonesien wird zum Beispiel von einem Meeresspiegelanstieg bedroht, ebenso von Problemen in der Landwirtschaft, einer schlechteren Lebensmittelversorgung oder von Bränden.

'Fridays for Future' kenne ich nicht - solche Bewegungen finden in Indonesien höchstens in der Hauptstadt Jakarta statt. Ich unternehme selbst nie etwas Außergewöhnliches, und ich würde es auch seltsam finden, an einem Protest teilzunehmen.

Der erste Schritt, den ich als Studentin machen kann, ist Energie zu sparen, das sollte jeder in seinem Haushalt versuchen. Und egal ob im Gespräch oder über Social Media, es gibt immer Möglichkeiten, andere darüber aufzuklären, was der Klimawandel unserem Planeten antut - und wie man dagegen vorgehen kann."

Aufgezeichnet von Markus Heidingsfelder

Abhish, 24, Redakteur bei einem Jugendmagazin aus Nepal: "Der Klimawandel ist hier kaum Thema"

Abhish

Abhish

Foto: privat

"Ich kann meine Eltern nicht davon überzeugen, weniger Gas zum Kochen zu verwenden oder ihr Leben sonst irgendwie für das Klima zu ändern. Sie verstehen nicht, warum sie etwas ändern sollten. Ich denke schon, dass meine Familie und Freunde an den Klimawandel glauben - nur die Ausmaße sind ihnen unklar.

Ich habe angefangen, über den Klimawandel nachzudenken, als uns ein Lehrer die Doku 'Eine unbequeme Wahrheit' über Al Gores Kampagne gezeigt hat. Insbesondere diese Szenarien, also mögliche Stürme und Nahrungsknappheit, bereiten mir seitdem Sorgen.

Hier in Nepal wird der Klimawandel aber kaum besprochen. Wir sind ein wenig entwickeltes Land und Nachhaltigkeit spielt eigentlich keine Rolle. Die Regierung informiert die Bürger nicht über den Klimawandel, auch in den Nachrichten wird zu wenig darüber berichtet.

Das ist einer der Gründe, weshalb wir kürzlich einen Klimastreik auf dem Basantur-Platz in Kathmandu veranstaltet haben. Da waren keine Massen, aber ich war froh, dass zumindest einige Leute kamen. Unsere Gruppe 'Fridays for Climate Nepal' wurde von 'Fridays for Future' inspiriert - und die Proteste werden vor allem von Mädchen und jungen Frauen organisiert. Aber wir wollen nicht bloß streiken: Wir versuchen Menschen, die bisher wenig über den Klimawandel wissen, in Workshops aufzuklären."

Aufgezeichnet von Antonia Schaefer

Klima-Aktionär, Müll-Sammlerin oder Eltern-Aufklärerin - lesen Sie hier alle Protokolle:

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

lgr/sop
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.