Klimaschutz "China stapelt oft tief und übertrifft sich dann selbst"

Chinas Städte versinken im Smog, das Land stößt rund ein Viertel der Treibhausgase weltweit aus. Die Umwelt-Expertin Barbara Finamore hält Peking dennoch für den wohl wichtigsten Kämpfer gegen die Klimakrise.

In Smog gehüllt: Hochhäuser in der chinesischen Stadt Nantong
Xu Jingbo/ SIPA/ DPA

In Smog gehüllt: Hochhäuser in der chinesischen Stadt Nantong

Ein Interview von


SPIEGEL: Der Titel Ihres Buches lautet "Wird China den Planeten retten?". Wie lautet Ihre Antwort?

Finamore: Kein Land kann den Planeten im Alleingang retten. Aber China will seinen Beitrag leisten. Der Wendepunkt kam 2013, als die Luft in Peking so schmutzig war wie in einer Flughafen-Raucherlounge. Pro Tag starben 4000 Menschen an Atemwegserkrankungen, vor allem in den Städten im Norden, wo im Winter mit Kohle geheizt wird. Die Regierung erkannte, dass sie etwas tun musste.

SPIEGEL: Und was hat sie getan?

Finamore: Bis Ende 2013 hatte sie einen Aktionsplan gegen die Luftverschmutzung in Höhe von 200 Milliarden Euro auf den Weg gebracht. Dieser Plan befasste sich vor allem mit Kohle, weil ein Großteil der Luftverschmutzung und auch der Treibhausgase Chinas auf Kohle zurückgeht.

Zur Person
  • NRDC
    Barbara Finamore ist die Asien-Direktorin der US-Umweltschutzorganisation Natural Resources Defense Council. 1996 gründete die Anwältin für Umweltrecht mit Harvard-Abschluss das China-Programm des NDRC. Die Zeitschrift "Foreign Policy" führte Finamore auf der Liste "The US-China 50".

SPIEGEL: Nun hält China seine Zusagen nicht immer ein, viele angekündigte Wirtschaftsreformen etwa sind nie gekommen. Warum sollte es dieses Mal anders sein?

Finamore: Was Klima und saubere Energie angeht, stapelt China oft tief und übertrifft sich dann selbst, so zumindest meine Erfahrung. Im Pariser Abkommen hat China zugesagt, dass seine CO2-Emissionen nur noch bis 2030 steigen und dann abnehmen werden. Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass sie dieses Ziel schon 2025 erreichen, einige Experten sagen sogar noch früher. Was die Chinesen beim Ausbau der Solarenergie bis 2020 erreichen wollten, haben sie bereits übererfüllt - um 50 Prozent. 2017 hat China mehr Geld in erneuerbare Energien gesteckt als die drei nächstgrößten Investoren zusammen: die USA, die EU und Japan.

Preisabfragezeitpunkt:
19.09.2019, 13:50 Uhr
Ohne Gewähr

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Barbara Finamore
Will China Save the Planet?

Verlag:
Polity
Seiten:
160
Preis:
EUR 39,71
Sprache: Englisch

SPIEGEL: Gleichzeitig werden in China Dutzende neuer Kohlekraftwerke gebaut.

Finamore: Vor etwa fünf Jahren hat die Zentralregierung den Kommunen das Recht übertragen, neue Kohlekraftwerke zu genehmigen. Viele haben das sofort getan, weil es damals praktisch kein wirtschaftliches Risiko gab: Den Kohlekraftwerken wurden eine bestimmte Laufzeit und ein fester Strompreis garantiert. Als die Zentralregierung erkannte, dass da Überkapazitäten entstehen, und anordnete, den Bau einzustellen, bauten viele Kommunalverwaltungen einfach heimlich weiter. Aber jetzt gibt es zu viele Anlagen, viele davon sind nur die Hälfte der Zeit in Betrieb und machen Verlust. Ich glaube, eine enorme Zahl wird pleitegehen, diese Investitionen sind verloren.

SPIEGEL: Ein Dilemma: Die Zentralregierung mag eine ehrgeizigere Klimapolitik verfolgen, aber die Lokalregierungen müssen für Wachstum und Jobs sorgen. Wie soll China diese internen Widersprüche überwinden?

Finamore: Über Jahre wurde die Leistung von Bürgermeistern und Provinzgouverneuren ausschließlich daran gemessen, wie schnell die lokale Wirtschaft wuchs. Und diese Wirtschaft gründete auf Kohle. Aber der Ansatz hat sich vielerorts in China geändert, zumindest auf dem Papier. Einige Städte haben sich von starren wirtschaftlichen Zielen ganz verabschiedet. Andere sehen inzwischen Umweltverträglichkeit als höchste Priorität.

SPIEGEL: Warum ist der chinesischen Führung Klimaschutz plötzlich so wichtig?

Finamore: Aus mehreren Gründen. Die chinesische Führung glaubt an Wissenschaft, und die Chinesen verstehen, dass der Klimawandel stattfindet. China weiß, dass es eines der Länder ist, die der Klimawandel am härtesten trifft. Viele seiner größten Städte liegen an der Küste und sind vom Anstieg des Meeresspiegels betroffen. Wasserknappheit ist ein großes Problem. Die Zunahme von Dürren, Überschwemmungen und der Temperaturanstieg haben schon jetzt erhebliche Auswirkungen auf das Land. Es liegt in Chinas nationalem Interesse, alles zu tun, was es kann.

SPIEGEL: Das wird teuer.

Finamore: China hat allerdings auch festgestellt, dass saubere Energie nicht nur wichtig ist, um die Gesundheit seiner Bürger und die Umwelt zu schützen. Es ist auch die größte Geschäftsmöglichkeit des 21. Jahrhunderts. Saubere Energie schafft Arbeitsplätze. Im vergangenen Jahr arbeiteten in China vier Millionen Arbeitnehmer im Bereich saubere Energien. Das sind mehr als im Kohlebergbau.

SPIEGEL: Welche Rolle spielt Staats- und Parteichef Xi Jinping?

Finamore: Xi hat sich diese ehrgeizige Klimapolitik zu eigen gemacht. Er hat gesagt, klares Wasser und grüne Berge seien wie Gold und Silber. Neben der Abwendung finanzieller Risiken und der Armutsbekämpfung hat die chinesische Regierung die Eindämmung der Umweltverschmutzung als einen der "drei harten Kämpfe" benannt, die sie führt.

SPIEGEL: Die Ansicht ist weitverbreitet, dass China einen Politikwechsel leicht umsetzen kann, weil es ein autoritäres System und keine Demokratie ist. Wie sehen Sie das?

Finamore: Chinas Fähigkeit, Politik zu diktieren, spielt für den Übergang zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft eine große Rolle. Die Führung kann einfach bestimmen, dass 60 Milliarden Dollar für Subventionen sowie Forschung und Entwicklung für Elektroautos ausgegeben werden. Die wichtigsten nächsten Schritte werden allerdings nicht auf Befehl und Kontrolle beruhen, sondern auf marktwirtschaftlichen Methoden. So hat China beispielsweise einen Emissionshandel auf den Weg gebracht, der der größte der Welt werden könnte.



insgesamt 123 Beiträge
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Dr. Clix 20.09.2019
1. Und China kann
auch eine Filtermauer and den Flüssen bauen um das grobe Plastik abzufischen. So lang wie die chinesische Mauer ist wird das doch im 21. Jahrhundert möglich sein.
karlo1952 20.09.2019
2. Man kann es schönreden
solange man will. China ist für 25 % der Umweltverschmutzung verantwortlich, und daran wird sich so schnell nichts ändern. Wie groß müsste unsere deutsche Wirtschaft sein oder werden, bis wir von 2 % auf 25 % kämen? Und deswegen machen wir so einen Klamauk um unsere Klimaziele. Da kann doch jeder sehen, dass woanders angesetzt werden muß. Unsere Vorreiterrolle können wir dabei in den Wind blasen.
thequickeningishappening 20.09.2019
3. Meine Rede
Die machen Das. Die haben Den "kurzen Dienstweg". Die Natur hat Einen (wirtschaftlichen) Wert: "Gold und Silber". Die neue Waehrung heißt "Gruene Berge" und "Sauberes Wasser" !
chillervonnatur 20.09.2019
4. ...
Was sagt denn die "D kann die Welt nicht alleine retten" Fraktion zu solchen Entwicklungen?
olli0816 20.09.2019
5. Nicht glaubwürdig
War vor ein paar jahren in China in Shanghai und Xi´an. Ich bin mit einem der Schnellzüge gefahren und meine persönlichen Umwelterlebnisse waren noch nicht so, dass mich das Umweltkonzept überzeugt ätte. In Xi´an konnte man wegen dem Smog teilweise nur 50 Meter weit sehen und es hat etwas streng gerochen. Vielleicht Pech mit dem Wetter. Dazwischen an der Strecke enorm viele neue einförmige Hochhaussiedlungen, wo es vor kurzem noch Felder waren. Dazu garniert alte, heruntergekommene Barrackensiedlungen, die gerne noch altmodisch heizen und andere Dinge verbrennen. Alles relativ. Sieht man übrigens in Thailand auch und über die Umweltbedingungen in Indien schweigen wir lieber. China wird ja ganz gerne von Umweltaktivisten genannt, dass sie irgendwelche Standards erreichen. Aber sorry, umwelttechnisch ist es vielen Chinesen total wumpe, viele haben auch ganz andere Probleme als Umwelt wie z.B. gut durch den Tag zu kommen. Es wird auch dort, wie in so vielen anderen Ländern wie auch hier (Diesel etc.) ganz gerne geschummelt. Ich habe inzwischen das Gefühl, dass es in Deutschland enorm viele Leute gibt, die sich gerne in die eigene Tasche lügen. Aber was soll es, jeder muss seinen Lebensinhalt finden.
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