Politische Folgen des Klimawandels Machtkampf mit dem Eisbrecher

Der Klimawandel lässt das Eis in der Arktis schmelzen - und das wollen USA, Russland und China für sich nutzen. In der geostrategisch wichtigen Region locken Bodenschätze unter dem Meer und neue Seewege zwischen Ost und West.

Ein russischer Eisbrecher bahnt sich seinen Weg
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Ein russischer Eisbrecher bahnt sich seinen Weg

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Sie fahren mit der Energie aus zwei Atomreaktoren und sollen in der Lage sein, sich einen Weg durch meterdickes Packeis zu bahnen: "Arktika", "Sibir" und "Ural" heißen die drei neuen russischen Eisbrecher, es sind weltweit die stärksten, die je gebaut wurden.

Mit den Kraftpaketen aus Stahl will Moskau seine strategischen Interessen auf dem Polarmeer sichern. Die Montage auf einer St. Petersburger Werft ist weit vorangeschritten, als erstes der drei Schiffe soll die "Arktika" im kommenden Mai den Dienst aufnehmen.

Stapellauf des nuklearen Eisbrechers "Ural" in St. Petersburg Ende Mai
Olga MALTSEVA/ AFP

Stapellauf des nuklearen Eisbrechers "Ural" in St. Petersburg Ende Mai

Mit dem massiven Ausbau seiner Eisbrecher-Flotte sendet Russland ein Signal, das in Washington, Peking und anderen Hauptstädten sehr gut verstanden wird: Das Land, dessen arktische Küstenlinie von der norwegischen Grenze bis an den Pazifik reicht, will aus seiner geografischen Lage den größtmöglichen Vorteil ziehen, machtpolitisch genauso wie ökonomisch.

Vor einigen Jahren schien es fast noch wie ein Spiel, als ein russisches U-Boot am Nordpol eine Nationalflagge aus Titan in den Meeresgrund rammte. Mit dem symbolischen Akt in 4261 Meter Tiefe demonstrierte Moskau seinen territorialen Anspruch.

Über den kann jedoch nur ein Uno-Gremium urteilen, die Kommission zur Begrenzung des Festlandsockels. Auch die Dänen, die Grönland besitzen, und die Kanadier reklamieren den Nordpol für sich. Wann über die Streitfrage entschieden wird, ist völlig offen.

Mitte des Jahrhunderts könnte der Nordpol im Sommer regelmäßig eisfrei sein

Inzwischen hat der Wettlauf um die Arktis allerdings eine ganz neue Dynamik bekommen, und das liegt am rapide voranschreitenden Klimawandel.

  • Noch stärker als fast alle anderen Gebiete ist die riesige Region innerhalb des nördlichen Polarkreises von der Erderhitzung betroffen.
  • Die Temperaturen steigen dort doppelt so schnell wie im globalen Durchschnitt, mit dramatischen Folgen.
  • Vor einigen Tagen gab ein Team der University of Alaska Fairbanks seine jüngsten, erschreckenden Forschungsergebnisse bekannt: Danach tauen die Permafrostböden auf dem nordamerikanischen Kontinent zum Teil 70 Jahre früher auf als bisher angenommen.

Die sichtbarste und geopolitisch bedeutsamste Veränderung ist die Entstehung eines schiffbaren Ozeans. Der scheinbar ewige Panzer aus Packeis, der nicht bloß im Winter, sondern auch während der hellen Sommermonate über großen Teilen der Arktis liegt, schrumpft mit enormer Geschwindigkeit.

Das ewige Eis schmilzt schnell
David Goldman/ DPA

Das ewige Eis schmilzt schnell

Bereits Mitte des Jahrhunderts könnte der Nordpol im Sommer regelmäßig eisfrei sein. Die sich daraus ergebenden Klima-Szenarien sind düster:

  • Wissenschaftler fürchten einen Aufschaukel-Effekt, den sie "Arktische Verstärkung" nennen.
  • Ein wesentlicher Faktor ist, dass ein Eispanzer die Sonnenstrahlung reflektiert, während das viel dunklere Wasser die Energie des Lichts als Wärme speichert.

Allerdings ist es nicht so sehr die Sorge um den Klimawandel, der die Regierungen in Moskau, Washington und Peking beim Blick auf den hohen Norden beschäftigt. Bei der Verfolgung ihrer wirtschaftlichen und militärischen Interessen nehmen sie darauf wenig Rücksicht.

Pompeo nennt Arktis eine "Arena des Wettbewerbs der globalen Mächte"

Für US-Außenminister Mike Pompeo ist die Arktis "eine Arena des Wettbewerbs der globalen Mächte". Die Amerikaner wollen ganz vorn dabei sein, wenn neue Zugänge zu Rohstoffen wie Erdgas, Öl oder seltenen Erden verteilt werden, die unter dem bisher schwer zugänglichen Meeresboden lagern.

Während einer Sitzung des Arktischen Rats im vorigen Monat in Finnland teilte Pompeo in alle Richtungen aus:

  • Den Russen hielt er vor: "Wir wissen, dass die russischen Gebietsansprüche in Gewalt ausarten können."
  • Und die Chinesen warnte er davor, in der Arktis "nationale Sicherheitsinteressen" zu verfolgen. Peking habe bereits "ein Muster aggressiver Verhaltensweisen" gezeigt, behauptete der Amerikaner.

Dass China überhaupt ein Auge auf die Arktis hat, ist relativ neu. Der nördlichste Zipfel des Landes liegt mehr als 1000 Kilometer vom Polarkreis entfernt: 2013 erhielten die Chinesen im Arktischen Rat Beobachterstatus, im vergangenen Jahr veröffentlichten sie ein Weißbuch, in dem sie ihre nationalen Interessen in der nördlichsten Erdregion definierten.

"China hat die arktischen Schifffahrtsrouten im Visier"

Vom Projekt der "polaren Seidenstraße" ist seither die Rede. "China hat die natürlichen Ressourcen und die arktischen Schifffahrtsrouten im Visier", sagt die Politologin Yun Sun, Direktorin des China-Programms am Stimson Center, einem Thinktank in Washington. Sie ist sicher: "Pekings kommerzielle Interessen werden noch erheblich größer werden." Sun sieht allerdings auch die Schwierigkeiten der chinesischen Polarstrategie:

  • So habe sich ein spektakulärer Milliardendeal 2015 auf Grönland bisher als Misserfolg erwiesen.
  • Nach dem Erwerb der Isua Eisenerzmine 150 Kilometer nördlich der grönländischen Hauptstadt Nuuk sei es zu einer ganzen Reihe von Problemen gekommen, verursacht durch fehlende Exportgenehmigungen, mangelnde Infrastruktur und Kälte.

"Die Profitabilität der Mine steht ernsthaft infrage", sagt Sun. Dies bedeute auch, "dass den chinesischen Bergbau-Unternehmen in der Arktis eine Erfolgsgeschichte fehlt".

Moskau und Peking kooperieren in der Arktis

Besser scheint sich die Zusammenarbeit mit Russland zu entwickeln. Während seines dreitägigen Staatsbesuchs Anfang dieses Monats bei Wladimir Putin schmeichelte Chinas Präsident Xi Jinping seinem Gastgeber: "Präsident Putin ist mein bester Freund und Kollege." Er habe Russland häufiger als jedes andere Land besucht und Putin in den vergangenen sechs Jahren fast dreißigmal getroffen, sagte Xi.

Chinesische Firmen halten direkte Beteiligungen an einigen der wichtigsten russischen Arktis-Unternehmungen. Im Mittelpunkt der Aktivitäten steht die Ausbeutung der gigantischen Erdgasfelder auf der sibirischen Halbinsel Jamal. Sie sollen ergiebiger sein als sämtliche Vorkommen in den USA.

Damit das Jamal-Gas ordentlich Geld einbringen kann, wird es für den Transport verflüssigt. Im neu gebauten Hafen Sabetta an der sibirischen Küste wurde 2017 erstmals ein Spezialtanker mit der flüssigen Fracht beladen.

Der Arktis-Kenner Lawson Brigham von der University of Alaska Fairbanks sieht in dem Knotenpunkt Sabetta, in den rund 23 Milliarden Euro investiert wurden, "das komplexeste und am weitesten fortgeschrittene Entwicklungsprojekt, das es heute in der gesamten Polarregion gibt".

Russland will die arktische Wasserstraße als eisfreien Seeweg nutzen

Ein entscheidendes Glied in der arktischen Kette ist der sogenannte Nördliche Seeweg, der auch als Nordostpassage bezeichnet wird:

  • Diese Schifffahrtsstraße, auf der durch die steigenden Temperaturen das Eis rapide zurückgeht, verläuft vor der viele tausend Kilometer langen Küste Sibiriens.
  • Die Fahrstrecke von den großen Hafenstädten Europas nach Asien ist rund ein Drittel kürzer als die Route durch den Suezkanal.

Um kommerzielle Schiffe sicher durch Eisschollen oder dünnes Packeis zu navigieren, kommen auf dem Nördlichen Seeweg die russischen Eisbrecher zum Einsatz. Brigham sagt: "Die langfristige Strategie Russlands besteht darin, diese arktische Wasserstraße zu nutzen, um seine Rohstoffe ganzjährig nach Europa zu schaffen." In östlicher Richtung sei das Ziel, "die pazifischen Märkte während einer verlängerten nautischen Saison über den Sommer hinaus zu bedienen".

DER SPIEGEL

Das bedeutet sicherlich nicht, dass der Suezkanal durch die konkurrierende Route am Pol in absehbarer Zeit bedeutungslos würde. Vor allem Containerschiffe, die auf ihren Touren meist mehrere Zwischenstopps einlegen, werden durch die Zeit- und Treibstoffersparnis auf der arktischen Schnellverbindung nicht profitabler.

Militärmanöver im Eis

Wie groß jedoch die Bedeutung der nördlichen Gewässer für die Russen ist, zeigt auch das militärische Engagement in der Region:

  • Seit 2013 hat Moskau entlang des Nördlichen Seewegs sieben neue Militärbasen errichtet und dort unter anderem Flugabwehr-Raketen und Tausende von Soldaten stationiert.
  • Geplant ist die Anschaffung zusätzlicher Kriegs- und Versorgungsschiffe sowie neuer Flugzeuge und Radarstationen.

Dass der Westen die strategischen Anstrengungen Russlands genau beobachtet, verdeutlichte im vergangenen Oktober das Ausmaß des Nato-Manövers "Trident Juncture".

Nato-Übung "Trident Juncture"
HANDOUT/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Nato-Übung "Trident Juncture"

Die Großübung mit dem Einsatzschwerpunkt im nördlichen Norwegen lässt sich als Signal an den mächtigen Nachbarn verstehen: Es war eine internationale Leistungsschau, die größte Militärübung des Bündnisses seit dem Kalten Krieg.

Im September ist mit der russischen Antwort zu rechnen. Das Verteidigungsministerium hat für den Übergang von Sommer zu Herbst, wenn das Eis in der Polarregion auf ein Minimum geschmolzen ist, das Manöver "Tsentr 2019" angekündigt. Geplant ist, wie es in Moskau heißt, "das Kampfvermögen der arktischen Truppen ernsthaft zu testen".


Zusammengefasst: Weil die Erderwärmung rund um den Nordpol besonders schnell voranschreitet, verschärft sich dort die geostrategische Konkurrenz zwischen Russland, China und den USA. Es geht um militärische Macht und die Förderung von Rohstoffen. Noch ist der Dreikampf offen.



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Seite 1
kochra8 27.06.2019
1. Grosses Abfackeln
Permafrostböden binden auch das schnell entzündliche Methan. Verströmt es sich unkalkuliert, wird die Lage um den Pol nicht einfacher. Ob man die Risiken bedachte, als man die Wasserstrassen konzipierte? Womöglich wird alles anders, als dass die Wege je befahren werden können...
telos 27.06.2019
2. Geostrategische und wirtschaftliche Optionen
Es liegt auf der Hand - je eisfreier das Nordpolarmeer wird, desto mehr passieren Tanker und Containerschiffe diese Schiffspassage in der Beringstraße. Das verkürzt die bisherigen Seewege deutlich. Die territorialen Besitzansprüche Russland folgt denen Chinas im chinesischen Meer. Die Rohstoffvorkommen werden als enorm geschätzt und deren Förderung ist nur noch eine Frage der Zeit. Wenn bis Mitte dieses Jahrhunderts diese Gegend völlig eisfrei sein sollte, und die klimatischen Veränderungen sich in diesem Tempo fortsetzen, haben bis dato die Menschen ganz andere Sorgen, als die Förderung von Rohstoffen im Nordpolarmeer. Muss denn immer alles auf- und ausgesaugt werden, bis nichts mehr da ist unter Nichtbeachtung der zu erwartenden Umweltbelastungen? Können diese Schätze nicht auch da bleiben, wo sie sind?
josho 27.06.2019
3. Da wird einem jetzt angst und bange...
....und da können Greta und ihre Freunde noch so viel und noch so oft weltweit demonstrieren. Gegen die menschliche Gier und gegen die menschliche Dummheit, diesen Planeten bis zum letzten auszubeuten, ist kein Kraut gewachsen und wird auch keines wachsen!
privatbahn 27.06.2019
4. Die Welt von Morgen
Man kann zur Klima- und Industriepolitik natürlich stehen wie man will, aber das "Projekt Arktis" führt uns Europäern im allgemeinen und uns Deutschen im besonderen einmal mehr vor Augen, dass wirtschafts- und industriepolitische Strategien längst in anderen Regionen und durch andere Nationen erdacht werden. Wir werden zum Zuschauer in einer sich rasant verändernden Welt. Wenn es dabei nur um den Gegensatz zwischen Klimaschutz (mit der sehr speziellen Deutschen Sicht) und Industriepolitik gehen würde könnte man die Chancen und Risiken die sich aus der geostrategischen Lage der Arktis ergeben noch nachvollziehen. Aber wird sind ja darüber hinaus auch industriepolitisch ins Hintertreffen geraten (ob oder gerade wegen unserer klimapolitischen Diskussionen sei mal dahin gestellt). Schon der Blick auf die eingeschlagenen Wege von Chinesen und Europäeren zeigt, dass wir jegliche Dynamik im internationalen Wettbewerb der Märkte eingebüßt haben. Europa, genauer gesagt die EU, diskutiert und debattiert, während andere Regionen/Nationen entscheiden, handeln und umsetzen. Auf klimapolitische Einwände werden Rußland und die USA beim Kampf um die Arktis kaum Rücksicht nehmen. Die langfristige Strategie steht bereits, ihre Umsetzung hat begonnen.
so-long 27.06.2019
5. Von China
würde ich Nullkommanull erwarten. Eigene Rohstoffquellen unter dem Eis: besser gehts nicht.
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