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Kobane unter IS-Beschuss: Der verzweifelte Kampf

Foto: ARIS MESSINIS/ AFP

Augenzeuge aus Kobane über den IS "Die rennen, schießen, rennen, schießen"

Die Dschihadisten-Miliz "Islamischer Staat" rückt immer weiter vor - die Kurden-Stadt Kobane könnte bald komplett unter ihrer Kontrolle sein. Ein Augenzeuge berichtet vom verzweifelten Kampf gegen die Übermacht der IS-Krieger.

Hamburg/Kobane - Ibrahim Kurdu, ein kantiger Mittfünfziger, der nicht zu Übertreibungen neigt und früher einmal tropische Dosenfrüchte nach Syrien importierte, ist in Kobane geblieben. Jeden Tag hat SPIEGEL-Rechercheur Ferhad Jafer diese Woche mit ihm telefoniert, nie klang Kurdu optimistisch - aber auch nie so verzweifelt wie jetzt am Freitagnachmittag: "Sie kommen wieder mit Panzern, aber vor allem kommen sie zu Fuß, von Süden, von Osten."

Sie, das sind die angreifenden Kämpfer der Dschihadisten-Miliz "Islamischer Staat" (IS). Dabei hatte Kurdu, der "Außenminister" der kurdischen Lokalregierung von Kobane, vor 24 Stunden noch halbwegs guter Dinge geklungen am Telefon: "Zum ersten Mal treffen die Jets wenigstens. Im Moment rücken die Dschihadisten nicht mehr weiter vor, es sind die ersten ruhigen Stunden hier seit Tagen!"

So lautete sein Bericht am Donnerstagnachmittag über die Lage in der Kurdenstadt im syrisch-türkischen Grenzgebiet, die der IS sich vorgenommen hat. Gleichzeitig versuchen die USA dort zusammen mit einigen Verbündeten, den Vormarsch der IS durch Angriffe aus der Luft zu stoppen.

"Das ist denen völlig egal, ob sie selber dabei draufgehen"

Doch die angreifenden Dschihadisten, die die kleine kurdische Enklave in ihrem eroberten Reich um jeden Preis vernichten möchten, haben zwar Verluste durch die Luftangriffe der internationalen Koalition erlitten, aber ihre Reihen mühelos wieder gefüllt: "Das ist wie in diesem Film", sagt Ibrahim Kurdu nun mit erschöpfter Stimme, während im Hintergrund Artillerie-Donner zu hören ist, "im 'Herr der Ringe' - diese Orks, die in Horden losstürmen, und wir können sie nicht stoppen. Die rennen, schießen, rennen, schießen, es ist denen völlig egal, ob sie selber dabei draufgehen, dann kommt einfach die nächste Welle."

Schon am Vorabend hatten Gerüchte die Runde gemacht, dass der IS aus allen Orten seines "Kalifats" neue Truppen heranbringe, aus Rakka, Deir ez-Zor, Bab, selbst aus dem Irak, um den Luftangriffen zum Trotz die Stadt zu erobern, die auch zum Symbol für sie geworden ist, um zu beweisen: Wir können siegen gegen den Rest der Welt! Ununterbrochen bringen sie Verstärkung heran, Munition, schweres Gerät, verlieren gelegentlich einen Panzer, aber sofort steht der nächste bereit.

Die Koalition flog nach eigenen Angaben am Donnerstag 14 Luftangriffe gegen den IS in Kobane - mehr denn je, aber nichts, was 9000 Kämpfer oder mehr stoppen könnte. Nicht gegen 2000, 3000 Männer und Frauen in Kobane, die ohnehin nicht mehr haben als Kalaschnikows, ein paar Panzerfäuste und kleine Granatwerfer, und denen die Munition ausgeht. Denn die türkische Armee schaut zu von der anderen Seite, aber lässt keine Hilfe, keinen Nachschub durch.

"Sie haben heute Nacht das nächste Viertel im Osten der Stadt eingenommen, vorhin das Rathaus, jetzt das Hauptquartier der Polizei. Im Moment versuchen sie, den Grenzübergang einzunehmen und uns abzuschneiden", erzählt Kurdu. Inzwischen haben die IS-Kämpfer offenbar auch das Hauptquartier der kurdischen Verteidiger von Kobane eingenommen. "Wir sind in den Gräben, aber uns geht alles aus: Munition, Medizin, Verbandszeug, Essen, Wasser, wir haben bald nichts mehr! Bitte, sagt der Welt, dass nicht mehr viel Zeit bleibt! Bitte, sagt denen, die da am Himmel über uns kreisen, sie sollen angreifen, präzise und vor allem: mehr!"

Sonst, sagt Kurdu, sei dies vermutlich eines seiner letzten Telefonate.

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