Kampf um Grenzstadt IS gewinnt an Boden - Türkei will nicht in Kobane eingreifen

Die IS-Kämpfer nehmen anscheinend immer mehr Stadtteile von Kobane ein: Berichten zufolge hält die Terrormiliz mehr als ein Drittel des Grenzortes besetzt. Die Kurden verzweifeln an der Untätigkeit der Türkei.

AFP

Berlin - Kämpfer der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) sollen bereits mehr als ein Drittel der syrischen Stadt Kobane in ihre Gewalt gebracht haben. Das meldete die Nachrichtenagentur Reuters am Donnerstag. Die Angaben stützen sich auf Informationen der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte. Demnach kontrolliere der IS den gesamten Osten der Stadt sowie kleinere Gebiete im Nordosten und Südosten, zitiert Reuters den Chef der Beobachtungsstelle, Rami Abd al-Rahman.

Seit drei Wochen ringen kurdische Kämpfer und die IS-Miliz um die strategisch wichtige Stadt an der Grenze zur Türkei. Unterstützt von Luftangriffen einer von den USA angeführten Allianz versuchen, die Kurden den IS-Vormarsch zu stoppen.

Die radikale IS-Miliz war nach kurdischen Angaben zuletzt in zwei Bezirke von Kobane eingerückt. Die Islamisten seien in der Nacht zum Donnerstag mit Panzern und anderen schweren Waffen in den Ort eingedrungen, sagte der kurdische Politiker Asja Abdullah. Etwa 180.000 Menschen sind aus der Region mittlerweile in die Türkei geflohen, Tausende Flüchtlinge aus Kobane harren auf den Hügeln auf der türkischen Seite der Grenze aus.

Nach Ansicht der USA kontrollieren die Kurden aber nach wie vor den überwiegenden Teil Kobanes. Die kurdischen Kämpfer hielten den Angriffen stand, teilte das US-Zentralkommandos in Tampa (Florida) am Mittwochabend mit. Bei Luftschlägen der vergangenen 24 Stunden seien etliche IS-Stellungen getroffen worden, hieß es weiter. Das australische Verteidigungsministerium erklärte, dass erstmals auch heimische Kampfflugzeuge Luftangriffe auf IS-Stellungen im Irak geflogen hätten.

Türkei: Keine Bodenoffensive auf eigene Faust

Die türkische Regierung bekräftige am Donnerstag, das Land werde trotz Mandats nicht in die Kämpfe eingreifen. Eine türkische Bodenoffensive auf eigene Faust in Kobane sei "nicht realistisch", sagte Außenminister Mevlüt Cavusoglu. Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg sagte, eine Flugverbotszone über Syrien stehe nicht zur Debatte.

Die Haltung der Türkei wurde von Kurdenvertretern kritisiert. Die Co-Vorsitzendende des kurdischen Nationalkongresses, Nilüfer Koc, warf dem Land Zögerlichkeit vor. "Die Türkei tanzt aus der Reihe, obwohl sie zugesagt hat, die internationale Koalition zu unterstützen", sagte Koc im Deutschlandradio Kultur. "Ich denke, die Türkei riskiert ihre ganze sichere Zukunft."

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US-Präsident Barack Obama hatte bei einem Besuch im Verteidigungsministerium eingestanden, dass der Kampf gegen IS weiterhin schwierig sei. "Es bleibt eine schwierige Mission. Wie ich von Anfang an angedeutet habe, ist dies nichts, was über Nacht gelöst werden wird." Den Einsatz von US-Bodenkampftruppen hat Obama ausgeschlossen.

Bei Zusammenstößen zwischen Islamisten und Anhängern der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK hatte es in den vergangenen Tagen vor allem im kurdisch dominierten Südosten der Türkei Verletzte und Tote gegeben. In Deutschland gab es Krawalle am Rande von Kurdendemos in Hamburg.

Das Auswärtige Amt in Berlin weist in seinen aktuellen Sicherheitshinweisen darauf hin, dass in mehreren türkischen Provinzen seit Dienstag Ausgangssperren gelten. Zugleich empfiehlt das Außenministerium Reisenden, sich nicht in der Nähe der türkisch-syrischen Grenze und in grenznahen Ortschaften aufzuhalten.

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Kampf um Kobane: Terror an der türkischen Grenze

amz/Reuters/dpa

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European 09.10.2014
1. RTE wartet eben ab
bis sich die Kurden und die IS so weit wie möglich dezimiert haben, ein reines Machtkalkül. Eines Tages wird er die Reste des arabischen Frühlings zu einer Orieltal Union zusammenkehren und den USA und der EU eine lange Nase zeigen. Meine Prognose: langfristig lehnt sich die Türkei an Russland bezüglich der Aussenpolitik an.
mansky 09.10.2014
2. Erdogan macht aus der Türkei ein zweites
Pakistan, indem er mit Terroristen paktiert, um seine außenpolitischen Ziele zu erreichen. Wohin das führt, sieht man im Fall Pakistans, wo mittlerweile Bomben in der Hauptsstadt Islamabad explodieren. Erdogan, ein Fundamentalist, glaubt diese Terrorbande konktrollieren zu können. Meiner Meinung nach hat die Türkei als Natopartner kläglich versagt. Überdies sollte das Thema EU für die Türkei endgültig Geschichte sein. Allein deshalb gilt es, bei den nächsten Bundestagswahlen das Kreuzchen an der richtigen Stelle zu machen.
fatherted98 09.10.2014
3. Lustig...
...die Türken schauen von der Grenze aus von ihren Panzern runter aus zu wie die Kurden geschlachtet werden. Mal sehen ob sie, wenn die Kurden flüchten, die Grenzen schließen, und sie alle von der IS massakrieren lassen. Lieber Herr Erdogan...wir freuen uns Sie in der EU begrüßen zu dürfen...Sie passen wahrlich zu uns rein.
cdrenk 09.10.2014
4. Qualifikation
Das sich die Türkei nicht als Mitglied der EU eignet ist jetzt bewiesen - QED...
erik93_de 09.10.2014
5. Türkei fördert Massenmord...
Zuerst die IS aufrüsten, dann die Grenzen für IS-Nachschub offenhalten, aber den Nachschub für die Kurden behindern... Bei Russland führte weniger zu Embargos. Die Türkei wurde als Schuldige bereits von Kerry benannt, aber hey, dann taugt ja die frisch geschmiedete Antiterror-Koalition nichts, und weil nicht sein kann, was nicht sein darf, hat Kerry auch pflichtschuldigst dementiert. Tolle Verbündete, tolle Wertegemeinschaft. Nur seltsam, daß der Spiegel davon wieder nichts gehört hat.
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