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Syrische Grenzstadt IS verstärkt Belagerung von Kobane

Trotz US-Angriffen und heftiger Gegenwehr durch kurdische Kämpfer zieht der IS um Kobane offenbar zusätzliche Kämpfer zusammen. Die Kurden rufen nach weiteren Luftschlägen.

Kobane/Washington - Der "Islamische Staat" (IS) verstärkt offenbar seine Belagerung der syrischen Grenzstadt Kobane. Die Terrormiliz habe aus allen Himmelsrichtungen zusätzliche Kämpfer um die Stadt zusammengezogen, berichtet die "New York Times"  unter Berufung auf US-Regierungsvertreter.

Angesichts der zunehmend dramatischen Lage forderten kurdische Kämpfer die US-geführte Koalition auf, ihre Angriffe zu verstärken. "Die Luftschläge nutzen uns, aber der Islamische Staat bringt Panzer und Artillerie aus dem Osten", sagte der Chef der kurdischen Kämpfer, Esmat al-Scheich laut der Nachrichtenagentur Reuters.

Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte warnte, eine Niederlage der Kurden sei unvermeidlich, sofern die Türkei nicht Waffenlieferungen über ihre Grenzen ermögliche. Selbst wenn der Widerstand aufrechterhalten werde, seien die kurdischen Kämpfer in Kobane bald wie "ein Auto ohne Benzin", sagte Rami Abdelrahman, der die Beobachtungsstelle leitet. Am Freitag hatte bereits der Uno-Sondergesandte für Syrien die Türkei aufgefordert, kurdische Freiwillige zur Verteidigung von Kobane zurückkehren zu lassen.

Trotz heftiger Gegenwehr durch kurdische Kämpfer und rund 50 Luftschlägen innerhalb einer Woche scheint IS entschlossen, an der Eroberung von Kobane festzuhalten. "Wir töten sie, und es kommen mehr", zitiert die "New York Times" Timur Demirboga - einen kurdischen Kämpfer, der sich seit 15 Tagen in der Stadt aufhalte.

Zwar hätten Kampfflugzeuge viele nachrückende IS-Kämpfer attackieren können, berichtet die Zeitung weiter unter Berufung auf Vertreter des US-Verteidigungsministeriums. Dennoch sei die Lage völlig unentschieden. "Kobane ist in der Schwebe", wird ein hochrangiger Pentagon-Mitarbeiter zitiert. Der IS wolle die Stadt "unbedingt aus Propagandazwecken einnehmen".

Der kurdische Aktivist Farhad al-Schami berichtete der Deutschen Presse-Agentur von heftigen Gefechten im Süden, Westen und vor allem Osten der Stadt. Den Kurden sei es gelungen, während der Nacht mindestens sieben Angriffe der Dschihadisten im Südwesten zurückzuschlagen. Ismat Hassan vom Verteidigungsrat in Kobane sagte der kurdischen Nachrichtenagentur Welati, seine Kämpfer hätten nachts mindestens zwei Selbstmordanschläge von IS-Angreifern in der Nähe des Zentrums vereitelt.

Nach US-Angaben kontrolliert der IS inzwischen rund ein Viertel von Kobane, die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte spricht sogar von rund 40 Prozent der Stadt. Am Freitag hatten IS-Kämpfer die Kommandozentrale der kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) erobert. Nach UN-Schätzungen befinden sich noch immer rund 12.000 Zivilisten in und um Kobane, darunter rund 700 alte Menschen. Der UN-Syrien-Sondergesandte Staffan de Mistura warnte vor einem Massaker an den Zivilisten, sollte Kobane fallen.

Irakische Provinz droht zu fallen

Auch im Irak setzt der IS Regierungstruppen immer stärker unter Druck. Dort droht die Provinz Anbar an die Dschihadisten zu fallen. Ein ranghoher US-Armeevertreter warnte, dass der IS im Schatten der Kämpfe um Kobane auch im Irak auf dem Vormarsch sei. Während die vom Westen unterstützten irakischen Kurden-Milizen im Nordirak Fortschritte machten, sei die irakische Armee in der Westprovinz Anbar unter Druck geraten. "Es ist keine gute Situation."

Nach einem Bericht des Nachrichtenportals "Sumaria News" versuchten die Dschihadisten mit zwei aufeinanderfolgenden Angriffen, die strategisch wichtige Ortschaft Amirijat al-Falludscha im Südwesten von Bagdad zu übernehmen. Irakische Streitkräfte und Stammeskrieger hätten die Terrormiliz jedoch zurückgeschlagen.

In Düsseldorf demonstrierten mehr als 20.000 Menschen ihre Solidarität mit den bedrohten Kurden in Kobane. Die Kundgebung, die noch bis zum Abend dauern sollte, verlaufe bislang friedlich, sagte ein Polizeisprecher. Die Beamten hätten lediglich in einigen Fällen das Schwenken von Fahnen mit "verbotener Symbolik" unterbunden.

Auch die Gewalt bei prokurdischen Protesten in der Türkei ist weitgehend abgeebbt. In der Nacht zum Samstag marschierten nur noch kleinere Gruppen durch die Kurdenmetropole Diyarbakir, aus Istanbul wurden keine größeren Zusammenstöße gemeldet. Seit den ersten Protesten am Montag waren bei Zusammenstößen von Kurden und Anhängern islamistischer oder nationalistischer Bewegungen mehr als 30 Menschen getötet worden, 360 Menschen wurden nach Regierungsangaben verletzt.

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Für den Fall, dass in den türkischen Kurdengebieten weiterhin Menschen getötet werden, will die verbotene Arbeiterpartei Kurdistans PKK jedoch den bewaffneten Kampf wieder aufnehmen. Das sagte der stellvertretende PKK-Chef Cemil Bayik in einem Interview mit dem ARD-Hörfunk  . "Wir haben die Türkei gewarnt", so Bayik. "Wenn sie so weiter machen, dann wird die Guerilla den Verteidigungskrieg zum Schutz des Volkes wieder aufnehmen. Die Hauptaufgabe der Guerilla besteht darin, das Volk zu schützen."

dab/dpa/AFP/Reuters