Kampf um Kobane Luftschläge bremsen offenbar IS-Vormarsch

Der Kampf um Kobane dauert an, die jüngsten Luftschläge seien "sehr hilfreich" gewesen, erklären die kurdischen Kämpfer. Im Irak stand die Terrormiliz laut US-Armee zwischenzeitlich schon 20 Kilometer vor dem Flughafen von Bagdad.
Luftangriff auf Kobane: "Tatsächlich gibt es da einige Fortschritte"

Luftangriff auf Kobane: "Tatsächlich gibt es da einige Fortschritte"

Foto: Lefteris Pitarakis/ AP/dpa

Kobane/Washington - Im Kampf um die syrische Grenzstadt Kobane haben kurdische Kämpfer nach eigenen Angaben Zeit gewonnen. "Die jüngsten Luftangriffe waren sehr hilfreich", sagte Idris Nassan, Sprecher der kurdischen Volksschutzeinheiten (YPG). Dabei seien einige IS-Stellungen getroffen worden. Die kurdischen Kämpfer hätten ihre Positionen halten können und versuchten, die sunnitischen Extremisten zurückzudrängen. Noch am Samstag hatte IS dagegen deutliche Landgewinne erzielt.

Auch US-Verteidigungsminister Chuck Hagel äußerte sich vorsichtig optimistisch über die Lage in Kobane. "Tatsächlich gibt es da einige Fortschritte", sagte er in der chilenischen Hauptstadt Santiago. Der Kampf zur Zerstörung der Terrormiliz werde aber lang und schwer sein und die Lage sei weiterhin gefährlich, fügte er hinzu. Die USA würden "alles tun, was mit Luftangriffen möglich ist", um die Dschihadisten aus Kobane zurückzudrängen.

"Der Fokus muss zunächst auf dem Irak liegen"

US-Außenminister John Kerry sagte in Kairo, die USA seien tief beunruhigt über die "Tragödie" in Kobane. Es brauche Zeit, eine Koalition vollständig zusammenzubringen, um sich den Kämpfern entgegenzustellen. Der Fokus müsse zunächst auf Irak liegen, solange IS in Syrien geschwächt werde.

US-Generalstabschef Martin Dempsey enthüllte in einem Interview mit dem amerikanischen Fernsehsender ABC, dass die Terrormiliz in der vergangenen Woche schon 20 Kilometer vor dem Flughafen von Bagdad gestanden hatte. "Apache"-Hubschrauber der US-Armee seien den irakischen Streitkräften zu Hilfe geeilt, so Dempsey. "Wir werden nicht erlauben, dass sie den Flughafen erobern. Wir brauchen ihn."

Außenminister Kerry rief die Iraker zum Kampf gegen die Terrormiliz auf. "Letztlich sind es die Iraker, die den Irak zurückerobern müssen", sagte er. Zugleich zeigte er sich zuversichtlich, dass die Strategie der US-geführten Koalition gegen die IS-Miliz erfolgreich sein werde. Die Dschihadisten würden "mehr und mehr isoliert" werden, so Kerry.

Dempsey äußerte sich im Fernsehinterview zurückhaltender. "Der Feind passt sich an und wird schwieriger zu treffen sein. Sie wissen, wie man manövriert, die Bevölkerung nutzt und sich tarnt."

Militärchefs beraten in Washington

Die Kämpfe in Syrien waren Kurden-Sprecher Nassan zufolge weniger heftig als am Samstag, als IS-Milizionäre die Kurden von drei Seiten angegriffen hatten. Allerdings fehlten den kurdischen Volksschutzeinheiten nach wie vor die nötigen Waffen und Munition, um der Terrormiliz wirksamer entgegentreten zu können. Notwendig sei eine bessere Koordination mit der internationalen Koalition.

Deren Militärchefs wollen in der kommenden Woche in Washington über ihre Strategie in Syrien und im Irak beraten. Dazu hat US-Generalstabschef Martin Dempsey mehr als 20 Kollegen eingeladen. Die Gespräche sollen am Abend mit einem gemeinsamen Abendessen beginnen und am Dienstag am Militärstützpunkt Andrews bei Washington fortgesetzt werden. Es ist das erste Treffen auf dieser Ebene seit Beginn der Luftschläge im Irak Anfang August.

Das Militärbündnis gegen IS umfasst unter anderem Großbritannien, Frankreich, Belgien, Dänemark und die Niederlande sowie fünf arabische Verbündete: Saudi-Arabien, Jordanien, Bahrain, Katar und die Vereinigten Arabischen Emirate. Eine langfristige Strategie der USA ist seit Beginn der Luftschläge nicht in Sicht. Auch die geplante Mission zur Ausbildung und Ausrüstung von gemäßigten syrischen Rebellen scheint noch in weiter Ferne. 5000 dieser Rebellen sollen jährlich in Saudi-Arabien trainiert werden - die USA hoffen, dass sich die Türkei dabei ebenfalls engagiert.

Den Kampf um Kobane scheint für die USA allerdings keine Priorität zu haben, zwischenzeitlich gaben sie die Stadt bereits verloren. Traten die Amerikaner bei den im Sindschar-Gebirge gefangenen Kurden mit Hilfslieferungen noch als Retter auf, scheint die Abwendung eines Massakers an den Kurden in Kobane auf der Agenda in Washington nicht besonders weit oben zu stehen. Trotz der schrecklichen Bilder aus der Grenzstadt müsse man "einen Schritt zurücktreten und die strategischen Ziele" der Operation verstehen, sagte Außenminister John Kerry nach einem Treffen mit seinem britischen Amtskollegen Philip Hammond.

Im der nordirakischen Provinz Dijala verübten Dschihadisten am Sonntag drei Bombenanschläge, an denen auch ein Deutscher beteiligt gewesen sein soll. Die Terror-Expertenplattform SITE berichtete auf ihrer Internetseite, IS habe sich zu den Sprengstoffattacken in der nordöstlichen Region Kara Tepe bekannt. Laut der Terrormiliz waren zwei weitere Selbstmordattentäter ein Türke und ein Saudi-Araber. Die kurdische Gorran-Partei meldete über den Kurznachrichtendienst Twitter, es habe sich um einen Deutschen, einen Türken und einen Tunesier gehandelt.

Bestätigen ließen sich die Angaben zunächst nicht. Bei dem Anschlag wurden nach Krankenhausangaben 28 Menschen getötet, darunter Zivilisten und Angehörige der kurdischen Peschmerga-Miliz. Bis zu 90 Menschen seien verletzt worden. Insgesamt starben am Wochenende mehr als 70 Personen bei mehreren Anschlägen im Irak.

dab/vet/dpa/Reuters
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