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Kobane-Krise Mehrere Tote bei Kurdenprotesten in der Türkei

Die Wut entlädt sich auf der Straße: Weil die türkische Regierung im Kampf um Kobane nicht einschreitet, haben Kurden landesweit demonstriert. Bei Ausschreitungen kamen mindestens 14 Menschen ums Leben.

Kobane - Um die syrisch-türkische Grenzstadt Kobane toben seit Tagen Gefechte zwischen IS-Milizen und kurdischen Kämpfern, die Dschihadisten stehen kurz vor der Eroberung. Die türkische Armee greift nicht ein - aus Protest sind in mehreren Städten des Landes Kurden auf die Straße gegangen, dabei kam es zu Ausschreitungen - mindestens 14 Menschen wurden getötet.

In mehreren türkischen Provinzen sei eine Ausgangssperre verhängt worden, berichtet die Zeitung "Hürriyet". In Ankara habe die Polizei gegen Demonstranten Tränengas und Wasserwerfer eingesetzt.

In der südöstlichen Großstadt Diyarbakir wurden nach Angaben der Nachrichtenagentur AFP fünf Menschen bei einem Schusswechsel zwischen Demonstranten und islamistischen Gruppen getötet. Ein Polizeifahrzeug, weitere Autos, Geschäfte und Regierungsgebäude wurden in Brand gesteckt oder anderweitig beschädigt. Mindestens drei Tote wurden aus Mardin gemeldet, zwei in Siirt sowie jeweils einer aus den Städten Batman und Mus.

Protestaktionen in ganz Europa

Das türkische Parlament hatte der Regierung in Ankara am Donnerstag das Mandat erteilt, militärisch gegen Terrorgruppen in Syrien und im Irak vorzugehen. Das richtet sich nicht ausdrücklich gegen den IS, sondern auch gegen kurdische Gruppen wie die PKK, die von der Türkei als terroristisch eingestuft werden. Bislang griffen die an der Grenze stationierten türkischen Truppen nicht in die Kämpfe ein.

Der Organisator der Verteidigung von Kobane, Ismet Hassan, sagte der Nachrichtenagentur dpa, nur wenige Zivilisten seien in Kobane (arabisch: Ain al-Arab) geblieben. Die Kurden hätten mehrere Geländewagen mit aufmontierten Maschinengewehren erbeutet. Nach Angaben der syrischen Menschenrechtsbeobachter wurden seit Beginn der IS-Offensive vor drei Wochen mehr als 400 Menschen getötet - zumeist Kämpfer beider Seiten.

Kobane ist die letzte Bastion in einer Enklave, die bisher von den kurdischen Volksschutzeinheiten kontrolliert wurde. IS-Dschihadisten haben dort seit September mehr als 300 Dörfer eingenommen, 185.000 Menschen flohen in die Türkei.

Angesichts der verzweifelten Lage in Kobane gingen in Europa Tausende Menschen auf die Straßen. In einigen Städten verschafften sich kurdische Demonstranten und ihre Unterstützer Zutritt zu öffentlichen Gebäuden wie Funkhäusern oder Parlamenten. Protestaktionen gab es unter anderem in Den Haag, Brüssel, Paris, Straßburg, Basel und Wien sowie in Berlin, Hamburg, Bremen, Hannover, Düsseldorf, Dortmund, Münster, Frankfurt/Main und Stuttgart. Manche Protestierer trugen Fahnen linksextremistischer Organisationen und Bilder des in der Türkei inhaftierten früheren PKK-Chefs Abdullah Öcalan.

Im Irak bombardierten erstmals niederländische Kampfflugzeuge IS-Fahrzeuge, wie das Verteidigungsministerium in Den Haag mitteilte. Die Niederlande beteiligen sich mit sechs Kampfflugzeugen am Luftkrieg der USA gegen die Sunnitenmiliz, allerdings nicht in Syrien, sondern nur im Irak.

daf/dpa/AFP/Reuters