Kurdenkonvoi Kobane setzt auf die Waffen der Peschmerga

Begeistert werden die Peschmerga-Kämpfer im syrischen Kobane empfangen. Auf ihnen ruhen große Hoffnungen. Doch auf dem Schlachtfeld werden sie kaum Bedeutung haben - ihre Ankunft ist aus anderen Gründen wichtig.

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Istanbul/Berlin - Sehnsüchtig werden sie schon erwartet. Als der Konvoi der irakischen Kurdenkämpfer endlich durch die türkische Stadt Sanliurfa fährt, ist der Jubel groß. Handys werden gezückt, Fahnen geschwenkt, hin und wieder explodieren Feuerwerkskörper.

Wie Helden werden die Peschmerga gefeiert auf ihrem Weg an die syrische Grenze nach Kobane (Arabisch: Ain al-Arab). Ihr Konvoi ist ein Zeichen kurdischer Solidarität gegen die Dschihadisten des sogenannten "Islamischen Staates" (IS) über drei Länder hinweg.

Am Donnerstag ist eine Vorhut der Peschmerga in Kobane eingetroffen. Die zehn irakischen Kurden sollen sich nun vor Ort zusammen mit den syrischen Kämpfern der kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) ein Bild der Lage machen. Danach soll der restliche Konvoi folgen: Insgesamt werden 150 der irakischen Kämpfer in Kobane erwartet.

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Fotostrecke: Der Peschmerga-Konvoi
Schon seit Monaten wehren die syrischen Kurden in Kobane immer wieder die IS-Kämpfer ab. Längst haben die Kämpfe auch die Stadt selbst erreicht. Etwa ein Drittel von Kobane sei derzeit unter der Kontrolle des IS, schätzt ein YPG-Vertreter. Nun lässt die Ankunft der Kurden aus dem Irak viele wieder Hoffnung schöpfen.

Was die Ankunft der Peschmerga für Kobane bedeutet:

  • Schwere Waffen und Munition: "Es geht nicht darum, dass 150 Peschmerga-Kämpfer kommen, sondern welche Waffen und Munition sie uns mitbringen. Wir brauchen Waffen. Kämpfer haben wir selber", sagt Idris Nassan, Sprecher der kurdischen Volksverteidigungseinheiten SPIEGEL ONLINE. Die Peschmerga bringen Artillerie mit, erklärt Nassan. Denn Kobane verfügt nur über wenige schwere Waffen, während der IS gut gerüstet ist.

  • Anerkennung für Syriens Kurden: "Dass die Peschmerga nach Kobane kommen, hat für uns mehr politische Bedeutung als militärische", sagt Idris Nassan. Bisher hält sich Europa damit zurück, die syrischen Kurdenkämpfer zu unterstützen. Denn die YPG ist ein Ableger der türkisch-kurdischen Gruppe PKK, die als Terrororganisation eingestuft wird. Den irakischen Peschmerga dagegen hilft Europa. "Wenn wir nun gemeinsam in Kobane kämpfen, werden wir Teil des internationalen Kriegs gegen den IS", sagt Nassan. "Allein können wir den IS nicht besiegen, das ist eine multinationale Organisation."
  • Achtungserfolg für Iraks Kurden: Die irakische Kurdenführung von der Demokratischen Partei Kurdistans (DPK) möchte das Bürgerkriegschaos dazu nutzen, um für sich selbst mehr Autonomie oder sogar Unabhängigkeit herauszuhandeln. In Kobane kämpfen nun erstmals Peschmerga außerhalb des Irak. Die irakische Kurdenführung zeigt sich so staatsmännisch und unterstreicht ihre Ambition: "Kurdistan beweist, dass es auf Augenhöhe mit den anderen Ländern in der internationalen Koalition gegen den IS ist", sagte Falah Mustafa, Außenminister der kurdischen Regionalregierung im Irak. Masud Barzani, Präsident der irakischen Kurdenregion, versprach vollmundig, man könne jederzeit mehr Peschmerga schicken, sollte die YPG das wollen. Im Irak konnten die Peschmerga in der Stadt Zumar zuletzt Fortschritte verzeichnen. Von dort aus hoffen sie, im Sindschar-Gebirge eingeschlossene Jesiden-Kämpfer zu unterstützen.

Außer den syrischen und irakischen Kurden sind auch arabische Kämpfer der "Freien Syrischen Armee" (FSA) in Kobane. Sie gelten als der moderate Teil der syrischen Opposition, den die US-Regierung stärken will. Nach Angaben der YPG befinden sich derzeit zwischen 40 und 50 FSA-Kämpfer in Kobane. Die FSA und die Türkei sprechen von rund 200 Kämpfern. Erst seit wenigen Monaten machen syrische Araber und Kurden gemeinsame Sache gegen den IS. Das gegenseitige Misstrauen ist noch groß.

Trotz der Hilfe von FSA und Peschmerga, trotz der US-Waffenlieferungen und der Luftangriffe drängt YPG-Vertreter Nassan auf weitere Unterstützung. "Das alles hilft uns und wird die Situation am Boden verändern", sagt er. "Aber der IS wird ebenfalls mehr Waffen und Kämpfer nach Kobane verlegen."

Kobane ist nur eine von vielen Fronten im Krieg gegen den IS, der sich auf zwei Länder, Syrien und den Irak, erstreckt. Im Irak wurde am Donnerstag ein Massengrab mit rund 220 Leichen entdeckt - Angehörige eines sunnitischen Stammes, der die Dschihadisten bekämpfte. Je nach Bedarf verlagert der IS zusätzliche Kämpfer und Waffen hin und her. "Das gleicht einem Fass ohne Boden", sagt Nassan.

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Aaron De Winter 30.10.2014
1. Sinnlose Karte
Und wieder verwendet Speigel diese irreführende Karte, die eine territoriale Überlegenheit des IS suggeriert. Das "beherrschte" riesige graue Gebiet ist zum großen Teil unbewohnte Wüste. Die IS dominiert in flußnahen Korridoren, wie es Karten anderer Quellen anschaulich zeigen.
7g.tronic 31.10.2014
2. Bodentruppe!
Die beste Bodentruppe der Welt ist direkt vor Ort, kann aber nicht eingesetzt werden weil sie als Terrororganisation bezeichnet wird. Ihr müsst die Pkk so langsam mit anderen augen betrachten. Schaut man sich so einige Politiker an dann könnte man sie auch als Terroristen bezeichnen, siehe Erdogan.... Politik und Religion können und sind in vieler Hinsicht - Terror Unterdrückung und wahnsin und Schmerz.
ratxi 31.10.2014
3. Beschämend
Die Peschmerga setzen damit ein Zeichen. Ein Zeichen, dass beschämend sein sollte für die Koalition der Unwilligen, die das Schlachten in Kobane zulässt und dabei von einem Hügel aus über die "NATO-Aussengrenze" hinweg zuschauen kann.
hannar 31.10.2014
4. Erdogan Taktiert, wird aber dennoch verlieren
Erdogan hofft, mit der FSA ein trojanisches Pferd nach Kobane einzuschleusen. Das sind ja auch Islamisten und haben teilweise die IS unterstützt. Deswegen wollte die YPG, dass sie eine zweite Front aus dem inneren Syriens heraus eröffnen. Darauf sind sie aber nicht eingegangen. Nun ja, die YPG wird diesbezüglich vorbereitet sein. Sie wird ihnen den Islamismus schon austreiben. Von den Peschmergas erhofft sich Erdogan ähnliches. Aber das wird garnicht aufgehen. Die kurdische Autonomieregierung unter Masud Barzani hat zwar gute Beziehungen zur Türkei. Sie wird aber nichts tun, was ihr Ansehen unter den Kurden gefährden könnte. Das ist nun mal auch ihre Basis. Spätestens wenn die peschmergas die kämpfenden Frauen in kobane sehen, werden sie emotional nicht mehr dazu imstande sein, etwas zu unternehmen, was kobane zum Fall bringen könnte. Das sind immer noch Kurden, auch wenn sie bisher ihre regionalen Interessen viel mehr verfolgt haben. Aber es ist alles nicht leicht, auch nicht für sie. Sie müssen auch gewisse Arrangements treffen, um zu überleben. Deswegen ist das, nachdem die PKK den Peschmergas und dem Yeziden und Christen zur Hilfe geeilt ist, ein weiterer wichtiger Schritt der innerkurdischen Solidarität. Neben der schweren Artillerie, die sie mitbringen, hat es auch grosse politische Bedeutung. Am Ende erweisen sich doch alle politischen köpfe der Kurden als sehr vernünftig, egal welche Interessen sie dabei verfolgen. Das zählt! So können sie das Grauen IS besiegen!
zapp-zarapp 31.10.2014
5. Mehrfrontenkrieg als Vorteil?
Hier wird es als strategischer Vorteil dargestellt, dass der IS an mehreren Fronten kämpft und so je nach Bedarf Truppen zwischen den Abschnitten hin und her verlagern kann. Entweder ich hab da historisch was nicht mitbekommen oder es gibt kein Beispiel, in dem eine Militärführung scharf darauf gewesen wäre, ihre Kräfte über weit entfernte Kampfschauplätze verteilen zu müssen. Aber seit der IS von den Medien zur Horde bestialischer Superkämpfer hochgejazzed wird, statt als ideologisch fehlgeleitete Guerillaarmee mit potenten Sponsoren und geschwächten Gegnern eingeordnet zu werden, scheint wohl jeder noch so abstruse Umstand dem unbezwingbaren IS zum Vorteil zu gereichen.
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