Vorstoß der Dschihadisten Was die IS-Miliz so gefährlich macht

Beim Sturm auf Kobane zeigt der IS erneut rücksichtslose Entschlossenheit und militärische Schlagkraft. Warum ist die Terrorgruppe so schwer zu bezwingen? Fünf Gründe.
IS-Kämpfer (im Irak): Wachsender Einfluss der Terrormiliz

IS-Kämpfer (im Irak): Wachsender Einfluss der Terrormiliz

Foto: AFP/ WELAYAT SALAHUDDIN

Damaskus/Bagdad - Ein Blick auf die Landkarte lässt für Kobane nichts Gutes ahnen. Die Stadt gleicht einer winzigen Enklave am Rande eines großen grau ausgemalten Gebiets, dem Einflussbereich der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS). Nur ein schmaler orangefarbener Ring markiert noch die Position der kurdischen Verteidiger.

Dieser Ring droht nun, grau zu werden - wie schon so viele Gebiete vor ihm. Kämpfer der Miliz attackieren Kobane (Arabisch: Ain al-Arab) an mehreren Fronten, der Widerstand in der Stadt wankt. Für Zehntausende Menschen bedeutet die IS-Bedrohung die Flucht aus ihrem Zuhause, vielleicht für immer. Wer bleibt, weiß nicht, was ihn erwartet. An den Menschen in Städten und Dörfern, die sich dem IS entgegenstellten, wurden in der Vergangenheit Exempel statuiert. Für die Verbliebenen in Kobane lässt das das Schlimmste befürchten.

Binnen kürzester Zeit haben die IS-Dschihadisten gewaltige Gebiete unterjocht, trotz der vereinzelten US-Luftangriffe. Ihr Herrschaftsbereich ist inzwischen größer als Belgien und die Niederlande zusammen.

Seinen Ursprung hat der IS als Terrorgruppe gegen die US-Besatzung des Irak ab 2003 in der dünnbesiedelten Wüstenlandschaft zwischen Syrien und dem Irak. Außerhalb der Städte ist die Region oft auf Kilometer menschenleer. Dort liegt noch immer das Zentrum des IS, sein Rückzugsgebiet. Doch inzwischen stehen seine Kämpfer kurz vor den Metropolen Bagdad und Aleppo.

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Kampf um Kobane: Schwarzer Rauch und schwarze Flagge

Foto: UMIT BEKTAS/ REUTERS

Von einer überschaubaren Terrorgruppe ist der IS quasi zu einem Staat geworden. Sein militärischer Flügel drängt auf Expansion, während sein ziviler Flügel die Macht konsolidiert und etwa Verkehrspolizisten, Lehrer, Lebensmittelkontrolleure und Sittenwächter auf seine Gehaltsliste nimmt. Mehrere Faktoren haben dem IS geholfen, sich so schlagartig auszubreiten:

  • Der IS hat sich dort eingenistet, wo ein Machtvakuum herrschte. So brachte er zuerst den sunnitischen Westen des Irak unter seine Kontrolle, wo die schiitische Regierung in Bagdad wenig Einfluss hatte. Viele irakische Sunniten hatten längst ihr Vertrauen in Bagdad verloren. Ähnlich konnte sich der IS in Syrien dort ausbreiten, wo im Zuge des Bürgerkriegs keine Staatsgewalt mehr für Ordnung sorgte.
  • Der IS setzt auf eine breite Mischung von Koalitionspartnern. So finden sich verärgerte Ex-Offiziere Saddam Husseins genauso wieder wie einstige syrische Rebellen oder internationale Dschihad-Veteranen aus dem Kaukasus. Andere örtliche sunnitische Milizen werden vom IS regelrecht geschluckt. Wer sich unterordnet, landet auf der Gehaltsliste. Kritiker werden eingeschüchtert, ermordet oder vertrieben.
  • Im Schatten eines sunnitischen Aufstandes stieg auch der "Islamische Staat" auf. Dieser wurde befeuert von der brutalen, konfessionell-motivierten Politik Bagdads und vor allem von Damaskus. Manche irakische und syrische Sunniten glauben, dass der IS ihre beste Chance ist, um sich zu verteidigen gegen die brutalen alawitisch-schiitischen Milizen im Irak und in Syrien, die von Iran und der libanesischen Hisbollah unterstützt werden. Vom Westen fühlen sich viele allein gelassen und betrogen.
  • Die Dschihadisten profitieren von der Ratlosigkeit des Westens. Dieser schaut seit zwei Jahren zu, wie der IS sich ausbreitet und konsolidiert. Im Umgang mit den expandierenden Islamisten sind sich Amerikaner, Europäer und Türken nicht einig. Noch im Frühjahr 2014 zahlten europäische Länder Millionenbeträge an den IS, etwa um entführte Journalisten zu befreien. Nun laufen zwar amerikanische Luftschläge gegen IS-Positionen, doch ein effektiver Plan ist nicht in Sicht.
  • Ein weiterer großer Vorteil der Islamisten: Sie sind wendig und flexibel. Anfang des Jahres war es syrischen Rebellen noch gelungen, den IS aus dem Nordwesten Syriens zurückzudrängen. Auch die Mitglieder der Volksschutzeinheiten (YPG), dem syrischen Ableger der PKK, konnten Erfolge gegen die Miliz verzeichnen. Als Reaktion breitete sich der IS erst einmal im Irak weiter aus, wo es zunächst kaum Widerstand gab: Das lag vor allem am schlechten Zustand der lokalen Streitkräfte. Viele irakische Soldaten waren nicht mehr bereit, für die Regierung in Bagdad zu kämpfen, und desertierten. So fielen dem IS viele schwere Waffen und moderne amerikanische Gewehre in die Hände. Nun sind die Dschihadisten besser ausgerüstet als die kurdischen Peschmerga im Irak, die syrischen YPG-Kämpfer oder andere syrische Rebellengruppen.

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