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Westliche Strategie in Syrien Die Schande von Kobane

Meter für Meter rücken die IS-Kämpfer in Kobane vor. Die Welt schaut zu - doch es geschieht nichts. Den Mächtigen in Washington, Brüssel und Ankara fehlen Mittel und Willen, um das Drama zu stoppen.

Militärisch bedeutet der Fall von Kobane nicht viel. An der 822 Kilometer langen Grenze zwischen Syrien und der Türkei sind inzwischen ohnehin viele Orte in der Hand der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS). Wenn nun auch Kobane, arabisch: Ain al-Arab genannt, dazugehört, kontrollieren die Extremisten eben noch ein wenig mehr.

So wird man es womöglich demnächst abtun in den Machtzentralen in Ankara und Washington, also dort, wo man Hilfe zugesichert, sie aber letztlich nicht geleistet hat. Was soll's, wird es heißen, wir werden dem IS schon noch eine Lektion erteilen. Ein verlorenes Gefecht sei noch kein verlorener Krieg - und so weiter.

Dabei scheitern die Türkei, die USA und auch Europa gerade in einer entscheidenden Schlacht. Wieder einmal haben sie den IS unterschätzt, so wie seit mehr als drei Jahren den gesamten Bürgerkrieg in Syrien. Die Gefahren, die von diesem Konflikt ausgehen, werden immer noch falsch bewertet.

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Kampf um Kobane: Schwarzer Rauch und schwarze Flagge

Foto: UMIT BEKTAS/ REUTERS

Es geht längst nicht mehr nur um einen militärischen Erfolg, es geht um Machtdemonstration, um Psychologie, um Bilder. Seit Beginn der Belagerung von Kobane schaut die ganze Welt zu. Hunderte Journalisten stehen jenseits der Grenze auf türkischem Boden und beobachten, wie der IS Stunde um Stunde weiter in den Stadtkern vordringt.

Jede neue schwarze Flagge, die die Islamisten in der Stadt hissen, ist ein Propagandaerfolg, den die Miliz nicht einmal mehr selbst per Internetbotschaften verbreiten muss. Millionen von Menschen erleben es live und stellen fest: Selbst militärisch mächtige Nationen sind entweder nicht in der Lage oder nicht willens, Einhalt zu gebieten. Terrororganisationen in aller Welt fühlen sich durch den IS-Erfolg ermutigt, ihren "Heiligen Krieg" mit neuem Schwung aufzunehmen oder sich gleich dem IS anzuschließen.

Denn während die Terrormiliz als Einheit auftritt, ist die Anti-IS-Koalition ein Bündnis von Nationen mit unterschiedlichen Interessen:

  • Die USA haben sich jahrelang geweigert, überhaupt in irgendeiner erkennbaren Form in Syrien einzugreifen. Sie sind traumatisiert von Erfahrungen aus zwei anderen Konflikten - Afghanistan und Irak -, wo sie große Fehler begangen haben. Schließlich entschieden sie sich zu Luftschlägen, als im Nordirak die Minderheit der Jesiden auf der Flucht war und Tausende von ihnen ermordet wurden, ebenso Christen. Jetzt in Kobane sind Kurden und Muslime betroffen - und Kritiker der USA werden sich in ihrer Meinung bestätigt sehen. Wenn Muslime die Opfer sind, ist es dem Westen egal, werden sie möglicherweise sagen. Dieses Urteil mag gerecht sein oder nicht, der öffentliche Eindruck ist jedenfalls verheerend. Als Washington dann doch Luftschläge um Kobane befahl, erwiesen sie sich zudem als falsches Mittel gegen die kleinen, mobilen IS-Einheiten. Bodentruppen aber wollen die USA nicht entsenden.
  • Die EU verharrt weitestgehend in der Zuschauerrolle. Einige Länder beteiligen sich mit Luftschlägen. Doch eine gemeinsame Haltung ist nicht in Sicht. Europa ist sich uneinig, wie und wem man helfen soll. Die Diskussion darüber, ob Waffen geliefert werden sollen, laufen. Das zeigt, wie schlecht die EU auf diesen Konflikt vorbereitet ist. Deutschland beliefert die Kurden nun mit altem Bundeswehrmaterial, allerdings ausschließlich die nordirakischen Peschmerga-Kämpfer. Die - im Kampf gegen die Extremisten sehr viel erfolgreichere - PKK und deren syrischer Ableger YPG gehen leer aus, weil sie offiziell als Terrororganisation eingestuft sind.
  • Die Türkei verfolgt ihre ganz eigenen Interessen und ist längst mit der Lage überfordert. Sie hat mehr als 1,6 Millionen Flüchtlinge aus Syrien aufgenommen, darunter vermutlich bis zu 160.000 allein aus Kobane und Umgebung in den vergangenen drei Wochen. Monatelang lehnte Ankara es ab, den IS als Terrororganisation zu bezeichnen, weil 46 türkische Staatsbürger, darunter Diplomaten, dessen Geiseln waren. Die Türkei nutzt die jetzige Lage in Kobane dazu, um einen Sicherheitspuffer auf syrischem Boden durchzusetzen, geschützt von türkischen Soldaten, was faktisch der Übernahme der Kontrolle von kurdischen Gebieten in Syrien gleichkommt. Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan erklärte selbst, er sehe keinen Unterschied zwischen PKK und IS. Dutzende Panzer, die die Türkei an der Grenze auffahren ließ, stehen seither dort und greifen nicht ein. Am Dienstag erklärte Erdogan jedoch, die Türkei sei zu einer Bodenoffensive gegen IS bereit. "Der Terror wird mit Luftangriffen nicht aufhören." Die Türkei sei "zu allem" bereit, sagte auch Premierminister Ahmet Davutoglu. Allerdings müssten die Staaten sich auf eine Strategie gegen den syrischen Machthaber Baschar al-Assad einigen. Zudem würde Ankara nur dann Truppen entsenden, "wenn andere ihren Anteil leisten".

Der Fall von Kobane könnte zu einer politischen Schande für die Türkei, aber auch für die USA und die EU werden. Die Leidtragenden sind die dort lebenden Menschen, überwiegend Kurden. Sie sind schlecht ausgerüstet, von Versorgung abgeschnitten, hoffnungslos den IS-Milizen ausgeliefert.

Ihnen bleibt nichts anderes übrig, als in Himmelfahrtskommandos ihre Stadt zu verteidigen. Seit Wochen setzen sie Hilferuf um Hilferuf ab, verschicken E-Mails, rufen Politiker und Journalisten an. Der türkische Premierminister Ahmet Davutoglu erklärte Anfang Oktober, die Türkei werde "alles tun", um den weiteren IS-Vormarsch zu stoppen. Geschehen ist nichts.