Köhler auf der Expo in Shanghai Kicker, Kuckucksuhren und Kohlensäure

Der Bundespräsident inspiziert den deutschen Pavillon auf der Expo in Shanghai und findet alles prima. Bis er die Beschwerden der Aussteller hört. Denn die chinesischen Gastgeber nehmen es sehr genau mit ihren Vorschriften - und verzögern die Anlieferung eines wichtigen Rohstoffs.

DPA

Der eigentliche Held des Tages heißt Rudi Völler. Die Kinder der Deutschen Schule geraten bei seinem Anblick in helle Aufregung und rufen: "Rudi vor- noch ein Tor!" - so als ob der ehemalige Starkicker und heutige Sportdirektor von Bayer Leverkusen auf dem Wege zur WM nach Südafrika wäre.

Nein, "Tante Käthe" sitzt auf der Expo in Shanghai und wartet, wie die Kinder, auf Bundespräsident Horst Köhler. Zufällig sind beide gleichzeitig in Chinas Finanzmetropole, der eine lässt am Abend seine Männer gegen die chinesische Nationalmannschaft antreten, der andere ist da zum Nationentag der Deutschen auf der Weltausstellung.

Chinas Parteiführung nimmt die Expo sehr ernst, sie bietet Gelegenheit, Selbstbewusstsein zu demonstrieren, der chinesische Pavillon überragt alle anderen bei weitem.

Wie bei einem Staatsbesuch spielt eine Militärkapelle die Nationalhymne, während Soldaten die deutsche Fahne hissen. Dann hält Köhler eine Rede über die Zukunft der Städte. Wer genau hinhört, mag vorsichtige Kritik an seinen Gastgebern heraushören, die äußerst ruppig mit ihren Bürgern umgehen, wenn sie ihren Plänen im Wege stehen.

Es sei "besonders wichtig", sagt Köhler, "dass es für die Lösung der unvermeidlichen Interessensunterschiede transparente und als fair anerkannte Regeln gibt". Eigentlich wollte er "unvermeidliche Konflikte" sagen, doch dann entscheidet er sich für "Interessensunterschiede". Er ist halt ein Mann der sanften Worte.

Schade nur, dass ihn kaum jemand hört, denn die Akustik ist schlecht. Chinesische Besucher der Expo sind ohnehin kaum im Publikum - die Deutschen sind bis auf Shanghais Parteichef Yu Zhengsheng und einigen Funktionären an diesem Vormittag unter sich.

"Wir würden gerne als Gäste behandelt werden"

Unter den Zuhörern ist auch Dieter Schmitz, der Generalkommissar des deutschen Pavillons, und der ist ziemlich sauer auf die Expo-Organisatoren. "Wir sind von China eingeladen worden, wir würden gerne als Gäste behandelt werden und nicht wie Kindergartenkinder", sagt er.

Die Deutschen fühlen sich vor allem von den Sicherheitskräften gegängelt, zu viele unsinnige Vorschriften behindern die Arbeit. Das Personal muss zum Beispiel jeden Tag ein bis eineinhalb Stunden vor den Toren anstehen, um zu seinem Arbeitsplatz zu gelangen. Es gibt Probleme mit dem Zoll, die Kontrolleure auf dem Gelände blockieren schon mal aus Sicherheitsgründen den Nachschub von Kohlensäure. Aber wie soll man deutsches Bier ohne Kohlensäure zapfen?

Das Leitungskomitee der Expo hat einen Beschwerdebrief schon zwei Wochen nicht beantwortet. Derweil gibt es auch Schwierigkeiten mit den Besuchern. Die müssen mitunter drei Stunden in großer Hitze warten, um in den Pavillon zu gelangen. Es fallen böse Worte, es kommt zu Rempeleien, die Polizei musste schon mehrfach anrücken, um die Gemüter zu beruhigen.

Kuckucksuhren und organische Solarzellen

Auch an diesem Mittwoch heißt es lange warten, denn der Bundespräsident inspiziert das Gebäude, das unter dem Motto "Balancity" steht. Die Deutschen präsentieren eine Mischung aus Hightech und Schrebergarten, aus Kuckucksuhr und "organischen Solarzellen".

Köhler findet das alles prima, mit den Veranstaltern singt er auf dem Rundgang sogar "Freude schöner Götterfunken". Höhepunkt der Schau ist eine Kugel mit einem Durchmesser von drei Metern, die mit rund 400.000 Leuchtdioden beschichtet ist. Sie reagiert auf Geräusche im Publikum und fängt auf Zuruf an zu schwingen.

Rudi Völler und seine Mannschaft sind derweil abgereist. Sie müssen in einem Stadion weit außerhalb Shanghais spielen: Massenveranstaltungen sind während der Expo nicht erlaubt, aus Sicherheitsgründen, wie es heißt.



insgesamt 4 Beiträge
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kommentar.h 19.05.2010
1. 2010 ist Expo in Shanghai ... 2000 war Expo in Hannover
Klar, dass unsere Elite-Politiker wieder im Deutschen Pavillon: "Wir sind Deutschland!" jubeln! --- "Ja?" Also, die Expo 2000 in Hannover war schon gut. - Mir gefielen aber nicht die vielen dämlichen Videoinstallationen. 2010 in Shanghei: 10 Jahre später, Deutschland hat nichts dazu gelernt. DAS ist Deutschland??? --- "Nein!"
Berta, 19.05.2010
2. Expo in Shanghai
Zitat von sysopDer Bundespräsident inspiziert den deutschen Pavillon auf der Expo in Shanghai und findet alles prima. Bis er die Beschwerden der Aussteller hört. Denn die chinesischen Gastgeber nehmen es sehr genau mit ihren Vorschriften - und verzögern die Anlieferung eines wichtigen Rohstoffs. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,695684,00.html
Von der Reise hätten wir schon wieder einen Kindergarten bauen können.
G. Whittome 20.05.2010
3. Buddhistischer Gruß...
Herr Köhler ist doch nicht das erste Mal in China, oder? Hat ihm vom Präsidialamt oder vom Auswärtigen Amt niemand gesagt, dass man in China nicht die Hände zum buddhistischen Gruß faltet? China ist nicht Thailand, so begrüßt man sich allenfalls in einem buddhistischen Kloster.
Gretel100 18.08.2010
4. Das wichtige
schade, dass keiner etwas inhaltliches zur expo zu sagen hat. natürlich gibt es kulturelle unterschiede, die sich in form von baumängeln und unsinnigen regelungen niederschlagen. das thema der Expo - better city better life - haben alle ausstellungen, mit ausnahme von zwei oder drei, jedoch gründlich verfehlt. es ist vielmehr eine reise-messe, und jedes land/stadt präsentiert sich als perfektes und grünes reiseziel. Die firma General Motors überzeugt mit einer gigantischen multimedia show, in der singende und tanzende autos das fahren preisen - von alternativen energien keine rede. was es aber wirklich heißt, eine bessere stadt in hinblick auf umweltverschmutzung, resourcenverbrauch und lebensstandard zu schaffen, begreift keiner. möglicherweise verstehe in den sinn dieser ausstellung nicht, das was dort im moment geboten wird ist eine farce. mit nachhaltigkeit hat das nichts zu tun, und das liegt nicht nur an den chinesischen organisatoren.
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