Köhler in China Ein Prosit auf die Gelassenheit

Bundespräsident Köhler weilt in China, wo er mit Parteichef Hu die Finanzkrise beriet. Mehr als eine Plauderei war jedoch nicht drin, stattdessen gab's Böllerschüsse und einen Rundgang im geheimnisvollen Regierungssitz. Momentaufnahmen eines höchst gelassenen Staatsbesuchs.
Horst Köhler (li) und Hu Jintao: Ein Glas Sekt mit einem "alten Freund"

Horst Köhler (li) und Hu Jintao: Ein Glas Sekt mit einem "alten Freund"

Foto: Wolfgang Kumm/ dpa

Er schaut kurz zu ihr hinüber, sie aber hat keinen Blick für ihn. Er trägt kurze Haare und einen länglichen Koffer, in dem eine Maschinenpistole steckt. Sie trägt einen sehr, sehr kurzen violetten Rock, silberne Schuhe und braun getönte lange Haare. Beide stehen vor dem Fahrstuhl im Foyer des Westin-Hotels und warten: er auf einen Präsidenten, sie auf einen Mann, der sie in sein Zimmer führen wird.

Horst Köhler

Sie verschwindet im Lift. Der Mann mit dem Koffer kann nun konzentriert darüber wachen, dass dem deutschen Staatsoberhaupt, , nichts passiert.

Der steigt ein paar Schritte weiter mit seiner Frau in einen Mercedes S 600 mit dem Kennzeichen PQ 3627. Wagentüren klappen, Blaulicht flackert, im Seitenfenster des Dienst-BMW von Botschafter Michael Schäfer klebt ein Schild mit der Aufschrift "Bo".

Volksrepublik China

Es ist der zweite Tag des Staatsbesuchs von Köhler in der , und auf beiden Seiten herrscht gepflegte Gelassenheit. Köhler bricht an diesem Nachmittag zum "Gespräch mit der Zivilgesellschaft", wie es offiziell heißt, auf. Es sind chinesische Künstler, Wissenschaftler und Journalisten, die ihm das wirkliche China erklären sollen.

Die Gastgeber nehmen die Visite Köhlers ernst, mit ihm können sie über die Finanzkrise reden. Sie wissen aber, dass sie mit der Kanzlerin sprechen müssen, wenn sie Dinge im deutsch-chinesischen Verhältnis bewegen wollen - und Angela Merkel kommt erst in zwei Monaten.

So haben die Journalisten Zeit, sich den Nebensächlichkeiten zu widmen, jenen kleinen Ereignissen am Rande eines solchen Staatsbesuches, die häufig mehr aussagen über China als so manche Politikerphrase.

Auf die Schöne vor den Hotel-Fahrstühlen etwa, die Köhler knapp verpasst. Oder auf jene zwei lächelnden Hostessen in traditionellen Seidenkleidern in der Großen Halle des Volkes, die rote Kissen durch die spärlich beleuchteten Räume hin- und hertragen. Sind es Sitzkissen für die Staatsführer, Ruhekissen für ein Nickerchen? Wer braucht sie, wer hat sie angefordert?

Empfang auf dem Tinanamen-Platz

Hu Jintao

Tiananmen

Um fünf Uhr nachmittags wird Staats- und Parteichef Köhler mit militärischen Ehren empfangen. Eine Stunde vorher müssen alle Besucher den -Platz verlassen. Dann rollen die Kanonen für die Salutschüsse heran und werden auf einem roten Teppich postiert. Die Ehrenkompanie marschiert auf, ein Soldat sorgt mit kräftigen Bewegungen dafür, dass ihre roten Fahnen frei flattern können. Die Trompeten der Musiker sind so blank geputzt, dass sich die Große Halle des Volkes in ihnen spiegelt.

Nach ihrem Gespräch der nächste Programmpunkt: Die chinesische Vize-Außenministerin Fu Ying und ein deutscher Staatssekretär unterzeichnen ein Dokument über die Zukunft des "Deutsch-Chinesischen Dialogforums". Alles wirkt ein wenig skurril, denn das Forum existiert schon seit 2005, aber niemand kennt es so recht.

Es solle den "breit gefächerten deutsch-chinesischen Dialog der Regierungsebene auf die Zivilgesellschaft ausdehnen", heißt es offiziell, "hochrangige Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Politik, Kultur und Medien" treffen sich "mindestens zwei Tage" einmal im Jahr.

Zu erfahren ist auch, dass der ehemalige Shanghaier Oberbürgermeister Xu Kuangdi und jetzige Präsident des chinesischen Industrieverbandes sowie der Aufsichtsratsvorsitzende des TÜV Rheinland, Bruno Braun, dieses Forum leiten. Offen bleibt die Frage, was der deutsche TÜV und Xu, der deutsche Gewerkschaften ziemlich störend findet, eigentlich mit der "Zivilgesellschaft" zu tun haben.

Eine andere Runde, der Rechtsstaatsdialog, ist neulich sang- und klanglos verschoben worden. Im April sollten beide Seiten über Anwälte in der Gesellschaft debattieren, doch die Pekinger Funktionäre winkten ab: Es sei gerade ein wichtiger Minister ausgewechselt worden, erklärten sie. Vielleicht nur Zufall, dass nur kurz darauf kritischen Advokaten die Lizenz entzogen wurde?

Besuch im chinesischen Wandlitz

Am Dienstag steht Zhongnanhai auf dem Programm Köhlers: das chinesische Wandlitz, geheimnisvoller Regierungssitz im Zentrum Pekings. Hier trifft der Deutsche am Nachmittag auf den Premierminister und seinen Stellvertreter. Nur selten öffnen sich die Tore dieses ehemaligen kaiserlichen Quartiers, dieses Mal sind Journalisten zugelassen.

Erste Station ist ein verwittertes Wachhäuschen am Nordwest-Tor. Hanteln liegen in der Ecke, auf dem Fensterbrett steht ein Bügeleisen, ein Fernseher ist auch da. Im Nebenzimmer können die Aufpasser auf einem Bildschirm Tor und Mauerzinnen beobachten. Über dem Briefkasten gegenüber steht groß die Postleitzahl des Areals: 100017.

Doch hier kommen nie Briefe an, jene von Bittstellern etwa, die sich bei ihren Oberen über Ungerechtigkeiten beschweren wollen. Soldaten in weißen Hemden putzen mit Reisigbesen die Straße, Uniformierte in grünen Baretten marschieren hin und her. "Es gibt verschiedene Eingänge, manche für den Staatsrat, andere für das Politbüro", erläutert ein Diplomat, während schwarze Limousinen vorbeifahren.

Drei Ehrenwachen machen sich bereit, sie rücken sich gegenseitig die Mützen zurecht, bevor sie im Stechschritt durch das Tor marschieren, die Köhler-Kolonne zu begrüßen. Die Journalisten müssen zuvor zu einem anderen Tor fahren: Sicherheitskontrolle. Ein heftiges Gewitter geht in diesem Moment über Peking nieder.

Vizepremier Wang Qishan wartet auf Köhler, er plaudert unter anderem mit der Vizeaußenministerin. Sie ist eine attraktive Grauhaarige, im Gegensatz zu den Herren hat sie ihre Haare nicht gefärbt. Sie schaut zu den Journalisten hinüber, lächelt und winkt verstohlen. Eine nette Geste, wenn man nicht wüsste, dass sie ausländische Korrespondenten in der Regel arrogant findet.

Rosa Waschlappen und Blümchentassen

Expo in Shanghai

Auf den Tischen stehen Tassen mit Blümchenmuster, daneben liegen rosa Waschlappen. Der Vizepremier sagt, Köhlers Besuch auf der am Mittwoch werde dem deutschen Pavillon "noch mehr Glanz verleihen".

In der "Halle des purpurnen Glanzes" gegenüber preist Regierungschef Wen Jiabao Köhler als "alten Freund". Die Hostessen tragen hier blaue Kleider mit gelbem Kragen. Vögel zwitschern. Der Fahrer des S 600 putzt den Wagen. Der geöffnete Kofferraum gewährt Einblicke in das Innenleben einer chinesischen Staatslimousine: Sie befördert außer dem Präsidenten einen grünen Eimer, eine Aktentasche, einen Bilderrahmen und einen gelben Kleidersack.

Dann rauscht die Kolonne los Richtung Flughafen, Shanghai und die Expo warten. Soldaten sind an den Straßen aufgezogen, Fahrbahnen werden gesperrt. Es ist Stoßzeit, und der Verkehr in diesem Teil Pekings bricht endgültig zusammen.

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